Alexander-McQueen-Schau Ein Hauch Spitze, ein Hauch SM

Ein Kleid aus toten Blumen, eine Bluse aus Würmern, ein Hemd aus Haaren: Eine Schau zu Ehren des Modemachers Alexander McQueen, der 2010 Selbstmord beging, berauscht New York. Es ist eine Reise durch die kaputte Seele eines Künstlers, der trotz aller Schockeffekte nur eines suchte - Liebe.

REUTERS

Von , New York


Alexander McQueen starb einen einsamen, doch entschlossenen Tod. Er schluckte Schlaftabletten, schnupfte eine Überdosis Kokain, schnitt sich die Pulsadern auf und erhängte sich schließlich mit seinem braunen Lieblingsgürtel im Kleiderschrank.

"Kümmert euch um meine Hunde", kritzelte er zuvor auf einen Buchdeckel. "Sorry, ich liebe Euch."

Der Selbstmord des Londoner Stardesigners im Februar 2010, im Alter von nur 40 Jahren, schockierte die Modeszene und seine engsten Freunde gleichermaßen. Alle spekulierten wild über seine Motive. Der Krebstod seiner Mutter. Der Dauerstress des Jobs. Drogensucht.

Doch McQueens Todeswunsch war immer schon augenfällig gewesen - in seinen Kollektionen. Das offenbart sich derzeit auch in einer spektakulären Ausstellung des New Yorker Metropolitan Museums, das die dramatischsten Entwürfe McQueens als Kunstobjekte präsentiert. Denn in Wahrheit waren sie stoffgewordener Ausdruck seiner Seelenqual.

Dass Kate Middleton neulich in einem McQueen-Brautkleid zum Altar schritt, um Prinz William zu ehelichen, hat dem Designer zwar posthum den Anstrich festlichen Mainstreams gegeben. Doch McQueen fühlte sich, wie die Met-Show mit düsterer Theatralik zeigt, weder festlich noch Mainstream. Von Kritikern gerne auf das Schlagwort Enfant terrible reduziert, hinterließ er mit seinen Kreationen nun eine Art Tagebuch eines Mannes, der am eigenen Genie litt.

Die makabren Einblicke in die Psyche McQueens - zu dessen Fans Lady Gaga und First Lady Michelle Obama gehören - faszinieren die modebegeisterten New Yorker wie selten zuvor eine Museumsshow. "Selbst wenn Sie sich nie mit Modeschauen abgeben", rät der "New Yorker", "das sollten Sie sehen."

Ein Kleid aus toten Blumen

Am vorigen Mittwoch, dem Eröffnungstag, drängten sich 5100 Menschen durchs Met. Nur die große Van-Gogh-Ausstellung von 2005 lockte mehr, knapp. Der Katalog - ein Hochglanzbrocken für 45 Dollar, auf dem Cover ein Hologramm aus McQueens Gesicht und einem Totenkopf - verkaufte sich am ersten Tag sechshundertmal.

Das Met sieht Mode seit jeher als Kunstform. Sein Costume Institute besitzt mehr als 35.000 Kleidungsstücke aus fünf Jahrhunderten. Die McQueen-Retrospektive würde aber ebensogut in jeden anderen Flügel des Mammutbaus am Central Park passen, wo sich der Geisteszustand von Weltklassekünstlern wie Rembrandt, van Gogh, Picasso und Pollock anhand ihrer Werke nachvollziehen lässt.

Rund hundert McQueen-Ensembles hat das Met zusammengetragen. Darunter Markenzeichen wie die skandalös tiefsitzenden "Bumpster"-Hosen, die einen globalen Hype lostraten, aber auch weniger bekannte Stücke, die sein beispielloses Schneidertalent bezeugen. Insgesamt sind sechs Kollektionen vertreten, von seiner Magisterarbeit 1992 bis hin zu "Plato's Atlantis" von 2010, veröffentlicht erst nach seinem Tod.

Tragbar ist von diesen Exponanten kein einziges. Stattdessen gibt es Schockeffekte, typisch McQueen eben. Ein Kleid aus toten Blumen. Eine Bluse aus Würmern. Ein Hemd aus Haaren, sorgsam gekämmt. Ein Korsett, das in ein Reptilienrückgrat mündet. Schuhe, die den Fuß auffressen. Korsetts und Krinolinen, zu erstickenden Formen geschnürt. Hautfarbenes Leder, blutbespritzte Federn, zerfetzte Seide. Man spürt seine melancholisch-düsteren Vorbilder. Hieronymus Bosch. Edgar Allan Poe. Alfred Hitchcock.

Viktorianische Gruselkabinetts

"Savage Beauty" heißt die Show. Wilde Schönheit, grausame Schönheit. Schon das allererste Kleid, das der Besucher sieht, ein Werk von 2001 aus rot gefärbten Straußenfedern und Mikroskop-Objektträgern, ist eine phantastische Mischung: Schönheit und Schmerz. "Unter jeder Hautschicht ist Blut", lautet ein Ausspruch McQueens, der an der Wand neben dem Objekt ausgedruckt ist.

Licht und Dunkel, Brutalität und Sanftheit, primitiv und vornehm, schön und hässlich: McQueen spielte mit den Widersprüchen seiner schottischen Heimat, die auch sein Leben prägten. Ein Hauch von Spitze, ein Hauch von Sadomaso. Und wie alle Romantiker huldigte er der Natur - ihrer Lieblichkeit und ihrer Zerstörungskraft.

Die Kleider zeichnen McQueens Außenseiter-Biografie nach. Arme Kindheit, Lehre an Londons Fashion-Meile Savile Row, Kostümbildner, Modeschüler. Seine College-Abschlusskollektion betitelte er "Jack the Ripper Stalks His Victims" ("Jack the Ripper verfolgt seine Opfer"), in die Seide nähte er menschliche Haare ein; ein Vorgriff auf seine Dauerfaszination mit dem Morbiden, für die ihn Horrorfilme ebenso inspirierten wie blutige Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Fast das Atemberaubendste im Met ist jedoch die Präsentation. Kurator Andrew Bolton hat die Kleider mit einem ähnlichen Sinn fürs Dramatische inszeniert wie McQueen seine Fashion Shows. Die Säle sind zu dunklen Galerien mutiert, wirken mal wie viktorianische Gruselkabinetts, mal wie futuristische Kühlräume. Rostig-fleckige Spiegel führen den Zuschauer in die Irre.

Ist das nun Mode, Kunst - oder Manipulation? "McQueens ikonische Entwürfe sind die Werke eines Künstlers, dessen Medium die Mode war", sagt Met-Direktor Thomas Campbell. Auch die "New York Times" rezensierte die Show nicht in ihrem Modeteil, sondern im Kunstressort: McQueen sei auf einer Grenze gewandelt, "an der Mode zu etwas anderem wird".

Kommerz wird Kunst - und umgekehrt

Zugleich wird die Ausstellung aber unweigerlich zum Kommerz. Sie ist ein einziger Werbespot für die Marke McQueen, heute fortgesetzt von dessen Co-Designerin Sarah Burton - eben jener Schöpferin des königlich-britischen Brautkleids. Das Met erkennt an, dass die Ausstellung vom Hause McQueen finanziert ist, mit Unterstützung von American Express und Condé Nast - das Verlagshaus der Mode-Bibel "Vogue".

Die Eröffnungsgala wurde denn auch von der amerikanischen "Vogue"-Chefin Anna Wintour organisiert. Fast 800 VIP-Gäste wandelten da durch das mit Heidekraut in eine schottische Hochland-Szenerie verwandelte Museum. Gastgeber waren die Schauspieler Salma Hayek, deren Mann François-Henri Pinault die Marke McQueen besitzt, und Colin Firth, Oscar-Preisträger für das Briten-Drama "The King's Speech" - sowie McQueens enge Freundin Stella McCartney.

Die Gästeliste war ein "Who is Who" der Mode- und Entertainmentszene: Naomi Campbell, Renée Zellweger, Gwyneth Paltrow, Jennifer Lopez, Rihanna, Taylor Swift, Yoko Ono, Paul McCartney. Selbst Immobilienmogul Donald Trump schob sich maulend durch die Menge.

Auch McQueens Familie war da, ebenso die Society-Dame Daphne Guinness, die die Sammlung der McQueen-Muse Isabella Blow gekauft hat - Blow hatte schon 2007 Selbstmord begangen. Guinness inszenierte ihr eigenes Spektakel, indem sie sich öffentlich für die Gala anzog - im Schaufenster des Nobelkaufhauses Barneys.

Die Show wird zur Schau. McQueen hätte das sicher amüsiert. Denn am Ende wollte er weniger eine hohe Botschaft verbreiten als nur sein privates Dasein verarbeiten: "Es dreht sich alles darum, wie ich mein Leben empfinde."

Viel wurde seit McQueens Tod in seine Arbeit interpretiert: Gesellschaftskritik, Weltschmerz, Zynismus, Frauenhass. Vielleicht war alles aber auch viel einfacher und weniger mysteriös. Was sein Herz am meisten bewege, wurde McQueen einmal gefragt. Seine Antwort: "Sich zu verlieben." Als er starb, war er alleine.

Metropolitan Museum of Art, New York City: "Alexander McQueen: Savage Beauty." Noch bis zum 31. Juli 2011

insgesamt 3 Beiträge
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FrieFie 14.05.2011
1. .
Seltsam nur, dem Artikel direkt widersprüchlich, dass viele der in der Galerie gezeigten Kleider nicht nur tragbar, sondern wahnsinnig schön sind. McQueen war nicht nur Provokateur, er hatte auch einen tiefen Sinn für das Schöne, Geheimnisvolle, Elegante. Unvergesslich ist mir das "Oyster" Kleid, aus hunderten Lagen Chiffonvolants: http://jaimelespetitsanimauxmignons.blogspot.com/2010/08/oyster-dress.html und die schönsten Beinprothesen der Welt, für Aimee Mullins: http://www.le10sport.com/dynamic/images/actus/AIMEE%202.jpg (die Stiefel ganz rechts) Und für mich haben viele der Modelle auch grossen Humor, wie die unsäglichen Schuhe: http://4.bp.blogspot.com/-G_KBxNFwMzE/TVV3aTieGzI/AAAAAAAABfI/LFTCmpMby9Y/s640/alexander-mcqueen-spring-2010-yes--large-msg-12550409816.jpg Zu einem grossen Talent gehört viel mehr als Morbidität, man macht es sich zu einfach, seine Kunst im Nachhinein durch seine Selbsttötung erklären zu wollen. Selbst Designerin und Schneiderin, war Alexander McQueen für mich einer der grössten Künstler in der Mode. PS: das Brautkleid von Katie war natürlich nicht von ihm entworfen, das hätte schon zeitlich nicht hingehauen. Aber man darf seiner Nachfolgerin, Sarah Burton, zu dem grossen Coup gratulieren.
firem 14.05.2011
2. Sado Maso
Die Teufelin trägt McQueen. Eigentlich schade um die Frauen. Für die Schwulen der Modebranche sind sie nur noch Nutten und Sadistinnen. Sie sind dumm. Weil sie darauf reinfallen und glauben, man könne durch das Leben spazieren wie ein Modepüppchen auf dem Cat Walk.
FrieFie 14.05.2011
3. .
Zitat von firemDie Teufelin trägt McQueen. Eigentlich schade um die Frauen. Für die Schwulen der Modebranche sind sie nur noch Nutten und Sadistinnen. Sie sind dumm. Weil sie darauf reinfallen und glauben, man könne durch das Leben spazieren wie ein Modepüppchen auf dem Cat Walk.
Meine Güte, so viele Wahnvorstellungen, Vorurteile und Fehlinterprtationen in nur vier Sätzen ...Chapeau! Der Mensch hat sich seit der Erfindung der Bekleidung damit nicht nur gewärmt, sondern auch geschmückt. Männer wie Frauen, mal albern, mal kreativ, mal geschmacklos, mal stilvoll. Auch das Ablehnen von Mode ist eine Mode, ob man will oder nicht.
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