Alfred-Fried-Fotopreis So sieht Frieden aus

Keine Bomben, kein Terror, kein Leid. Der Alfred-Fried-Preis ehrt Fotografen, die Frieden zeigen. Das Motiv des Jahres kommt von einer Deutschen.

Helena Schätzle/ Alfred Fried Award

Eine schaurige visuelle Regel: Bilder von Terror und Krieg ziehen immer, den Frieden schauen sich die Leute nicht an. Zumindest in jenen Teilen der Erde, in denen die Menschen einen verhältnismäßig sicheren Alltag leben. In denen sie an eine dramareiche Bildsprache gewöhnt sind. Im Westen also, größtenteils. Stille Motive, aus denen dem Betrachter kein Konflikt entgegen springt, haben es hier schwer.

Der Alfred Fried Photography Award soll das ändern. Benannt nach dem österreichischen Publizisten und Friedensnobelpreisträger, ehrt der Preis seit 2013 Fotografinnen und Fotografen, die in ihren Arbeiten darstellen wie Gemeinschaften in Frieden leben. "Eine Frau, die mit ihrem Kind auf einer Parkbank sitzt, löst bei uns in der Regel erst mal ein 'na ja' aus", sagt Initiator Lois Lammerhuber, "Friedensbilder werden gerne in die Kitschecke gestellt." Gerade deshalb sei es schwierig, den Frieden in Bilder zu fassen.

Chris de Bode, einer der diesjährigen Gewinner, hat dazu Kinder nach ihren Träumen und Visionen gefragt. "I Have A Dream" nennt der niederländische Fotograf die Serie. Zu sehen: Ein Junge auf einem rostigen Boot, seinen Blick über das Wasser gerichtet, die flache Hand als Sonnenschutz über den Augen - er will Kapitän werden. Das Mädchen im Hinterhof wiederum, das mit der rechten Hand ein Huhn festhält, mit der linken eine Spritze, will später als Tierärztin arbeiten.

Der indische Fotojournalist Altif Qadri dagegen hat einen Ladenbesitzer in Neu Delhi begleitet, der außerhalb seiner Öffnungszeiten Kindern aus den Slums Schulunterricht gibt - auf dem staubigen Grund unter einer Metrobrücke ("School For The Less Fortunate").

"Für manche war es die erste positive Erfahrung mit Deutschland"

Unter den fünf Gewinnern kürt die Jury außerdem das Friedensbild des Jahres, dotiert mit 10.000 Euro. 2016 stammt es von der deutschen Fotografin Helena Schätzle. Darauf Elias Feinzilberg, Jude, 98 Jahre alt, dessen Eltern und sechs Geschwister von den Nazis ermordet wurden. Er hat als Einziger überlebt. Schätzle hat ihn zu Hause auf der Couch fotografiert, zusammen mit seiner Enkelin, die ihre Stirn liebevoll an seiner Nase reibt. Die künstlerische Qualität sei nicht der einzige Grund für die Auszeichnung, sagt Lois Lammerhuber, "die Jury wusste auch: Es ist womöglich das letzte Mal, dass wir so eine Arbeit ehren können, weil diese Generation zu einem Großteil schon gestorben ist."

"Devoted To Life" heißt die Serie, die Helena Schätzle eingereicht hat. Sie wollte einfangen, wie Holocaust-Überlebende in Israel es geschafft haben, sich wieder dem Leben zuzuwenden. "Für manche unter ihnen waren unsere Treffen die erste positive Erfahrung mit Deutschland", sagt Schätzle, "es war ihnen eine Anerkennung des Leids, das ihnen zugefügt worden war."

Das Friedensbild des Jahres 2016
Helena Schtzle/ laif/ Alfred Fried Award

Das Friedensbild des Jahres 2016

Schätzles Beschäftigung mit dem Holocaust liegt nicht zuletzt in ihrer eigenen Familiengeschichte begründet: Beide Großväter waren Soldaten bei der Wehrmacht. Für eine frühere Arbeit ("9645 Kilometer Erinnerung") ist Schätzle bereits den Weg eines ihrer Großväter während der Kriegszeit nachgegangen. "Die Erlebnisse der Zeitzeugen hat eine unglaubliche Wut in mir hervorgerufen, gleichzeitig hat mein Großvater mich aber sehr unterstützt und nichts verleugnet, was eine starke Nähe zwischen uns geschaffen hat." Das nun prämierte Bild setze diese Beschäftigung fort.

Es sind vor allem Fotografien von Menschen, von Alltagsbegebenheiten, die mit dem Alfred Fried Photography Award bedacht werden. Auch Bilder von persönlichen Friedensvorstellungen. Bilder, wie sie Menschen jeden Tag online stellen. Friedensideen, die über Instagram oder Snapchat durchs Netz wabern. Dass es nächstes Jahr auch eine Preiskategorie für Kinder geben soll, die ihre Friedensbilder per Smartphone oder App machen: irgendwie sehr zeitgemäß.

jwh



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insgesamt 3 Beiträge
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liolin 21.09.2016
1. Bild 7
"Der 40-jährige Uttar Pradesh betreibt einen Laden in Neu Delh" Uttar Pradesh ist ein indischer Bundesstaat (Allgemeinwissen). Von dort stammt der Mann und heißt eigentlich Rajesh Kumar Sharma. **** Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert Redaktion Forum****
binismus 22.09.2016
2. So sieht Frieden aus?
Es zeigt eher die Oberflächlichkeit des menschlichen Denkens. Was die mangelnde Beteiligung an diesem Betrag belegt!
Selene Sterntaler 25.09.2016
3. So sieht Frieden aus?
Auf den Bildern sehe ich eher die Sehnsucht nach Frieden als den Frieden selbst. Am Beispiel der Frau mit der Sehnsucht nach Fliegen (können). Für den Augenblick ein unerfüllter Wunsch. Unerfüllte Wünsche jedoch sind dem Frieden abträglich, denn mensch meint, zu seinem vollkommenen Glücke fehle ihm noch etwas. Dies Fehlen von etwas macht ihn un-zu-frieden. In diesem Sinne ist die Wunschlosigkeit unabdingbare Begleiterin des Friedens. Dazu fällt mir ein Reim von Wilhelm Busch ein: ** Wonach du sehnlich ausgeschaut, es wurde dir beschieden. Du triumphierst und jubelst laut: "Jetzt hab' ich endlich Frieden!" Ach, Freundchen, rede nicht so wild, Bezähme deine Zunge. Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, Kriegt augenblicklich Junge. ** So geht es dann immer weiter mit dem inneren Unfrieden und der Un-zu-frieden-heit und mensch meint, die Erfüllung des nächsten Wunsches würde den inneren Frieden aber vollenden, ...... :-)
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