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S.P.O.N. - Der Kritiker: Die Gegenwart schreit einem nackt entgegen

Eine Kolumne von

Börsengang von Alibaba, 19. September: "Jungfrau-brasilianisches Menschenhaar" Zur Großansicht
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Börsengang von Alibaba, 19. September: "Jungfrau-brasilianisches Menschenhaar"

Die Welt, zerlegt in Suchbegriffe: Von Sex-Trash bis Hightech kann man beim chinesischen Onlinehändler Alibaba alles kaufen. Ein Blick in die Psychopathologie des späten Kapitalismus.

Vielleicht die elektronische Betonstahlbiegemaschine aus der Türkei? 12.000 Lippenstifte, wasserdicht verpackt? 100.000 Klebebänder zu zwei Cent das Stück? Oder doch "Q35y serie lage laserironworker, punsch und scher hydraulischen maschine" von der Jiangsu Puxin Machinery Manufacturing Company?

Die Gegenwart fliegt einem ins Gesicht, wenn man diese Webseite anklickt: Unscheinbar, fast hässlich in Weißgrau und Orange - aber es ist eine Explosion der globalisierten Welt.

Es ist auch ein Roman unserer Zeit, moderne Mythen und postmodernes Storytelling: Warum heißt diese Firma Alibaba, habe ich mich gefragt, dieses wundersame Milliardending, diese neue Gelddruckmaschine von Jack Ma.

Die Webseite selbst liefert die Antwort: Es geht bei dem Namen nicht um das "Sesam, öffne dich" und den Schatz der 40 Räuber - es geht um die Geschichte selbst, die den Kapitalismus am Laufen hält, um Scheherazade, die sich durchs Erzählen am Leben hält.

Die Zerlegung der Welt in Suchbegriffe

Tausendundeine Nacht also: "Zusammenpressende Abnutzungsfrauen des weiten Infrarots, 3000 Stück" zum Beispiel oder "Fashion neue frauen schwarz weiß gestreiften promi-party sexy kurzen mini nachthemd frau tragen g0334", zehn Stück für 11 Dollar drei Cent, oder 300 Stück "2014 neuen stil islamischen tragen muslimischen abaya".

Was Alibaba dabei auch vorführt, dieser neue Börsengigant, dieser Instant-Mythos, dieses Über-Monopol, ist die Zerlegung der Welt in Suchbegriffe. Die Gegenwart kommt einem nackt entgegen auf dieser Seite, von Google Translate entkleidet.

"Jungfrau-brasilianisches Menschenhaar" oder "neuankömmling modische turkish sex dessous" oder "Blies Fitness-Studio tragen Yoga verschleiß bodybuilding frauen yoga kleidung" oder "frauen mode benutzerdefinierte Yoga fitness verschleiß".

Monopole bringen die Marktwirtschaft voran

Am sensationellsten aber sind die beiden Kästen auf der Seite, in denen im Sekundentakt die neuen Bestellungen und die neuen Produkte durchrasen: gehärtetes Glas aus Nigeria, ein Ray-Ban-Nachbau aus Shanghai, 100 Stück, und "Schrott" aus Deutschland - ein Blick in die Psychopathologie des späten Kapitalismus.

Kaufen ist hier mehr als Konsum, Kaufen ist Handel, Kaufen ist Aufstieg. Alibaba hat damit auch kaum etwas mit Amazon gemein, mit dem das Unternehmen oft verglichen wird - es ist zum einen viel, viel rentabler, weil Alibaba nur vermittelt, also keine Lagerkosten hat, es ist zum anderen auf Wachstumswirtschaften ausgerichtet und damit noch nicht annäherend am Limit seines Profits angekommen.

Monopole, das hat Peter Thiel gerade in seinem Buch "Zero to One" beschrieben, Monopole sind das, was die Marktwirtschaft voranbringt - Konkurrenz dagegen sei schlecht, sie "belebt nicht das Geschäft", wie es im Erhardschen Wirtschaftwunderdeutsch immer hieß: Alibaba wäre damit das Modell der Zukunft.

An der Börse so viel Wert wie Amazon und Ebay

Monopole, sagt Thiel weiter, Internetmilliardär und Überindividualist, Monopole funktionieren so lange, bis ein anderes Monopol kommt und es zerstört - und das ist auch der Wille von Alibaba, das an der Börse so viel Wert ist wie Amazon und Ebay zusammen.

1.260.648 Füllmaschinen werden hier aktuell angeboten, 3.371.963 Imbiss-Maschinen, 957.371 Plastikextruder, insgesamt 59.513.939 Maschinen aus China, nur 25.510 aus Indien, nichts aus Europa oder den USA.

Es sei das Zeichen der asiatischen Moderne, schreibt Martin Jacques in seinem Buch "When China Rules the World", dass Gegenwart und Zukunft hier gleichzeitig stattfinden, dass die Merkmale eines Entwicklungslandes und eines Industrielandes zusammenfallen.

Es ist das Ende der Marken, der Distinktion, der Unterschiede, das von Alibaba betrieben wird, es ist Konsum als Teilhabe.

Alibaba ist damit die andere, die schmutzige, auch die demokratische Seite von Peter Thiel und Silicon Valley, vom Traum von Marsflügen und von Unsterblichkeit.

Wenn Peter Thiel an die Zukunft denkt, dann sieht er Inseln, schwimmende selbstbestimmte Staaten für die Reichen und die Richtigen; wenn Jack Ma an die Zukunft denkt, dann sieht eher eine "retro ray gun pop wasser raketen wie lustig zu machen spaß hilarious streich gag geschenk tee tasse kaffee". 5000 Stück zu einem halben Dollar.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 28 Beiträge
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1. Europa oder
vandenplas 26.09.2014
die USA könnten eine Plattform wie Alibaba nicht einmal dann erzeugen, wenn sie es wollten. Alibaba selbst ist nur ein grosser One-stop-shop im Internet. Aber das geht nicht ohne die zehntausende Hersteller in Asien. Wir habe mittlerweile nur noch Industrie und die (nichts produzierende) Finanzbranche.
2. Mehr Fragen als Antworten
cucco 26.09.2014
Nach dem Artikel ist Alibaba ein sehr grosser Grosshandel für alles was produziert wird. Wir erfahren nicht, wie die Bezahlung aus Europa funktioniert, oder auch in asiatischen Ländern. Kein Wort über die Auslieferungszeiten. Was die falschen Namen betrifft, kann man eventuell durch gute Bebilderung sich ein Bild vom Artikel machen.
3.
Augustusrex 26.09.2014
Dank Alibaba konnte ich unseren Lieferanten in China schon mehrmals nachweisen, wo sie bestimmte Zubehörteile herbekommen konnten, die es angeblich in ganz China nicht gab.
4. na, was ist denn das für ein Geschreibsel
brunnersohn 26.09.2014
Herr Diez! Nur weil etwas Neues an der Börse erscheint, ist es noch lange nicht supertupper. Sind Sie doch mal ehrlich wer so mies übersetzt wie Alibaba der muss schon Größenwahnsinnig sein. Wo bleibt ihr intellektuelles Korrektiv?
5. Wer für
Flying Rain 26.09.2014
Sich privat fräsen lassen wollte oder Miniserien machen wollte war bei Alibaba schon seit Jahren gut aufgehoben, da die fast genau so gut ( idr gleiche Maschinen ->DMG/Hermle) und zigfach günstiger produzieren....wenn ich hierzulande schon frage was die CAD/CAM kostet...
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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