Alice Miller über Saddam Hussein Mitleid mit dem Vater

Die Psychoanalytikerin Alice Miller ("Das Drama des begabten Kindes") über die Kindheitstraumata, die Saddam Hussein zum gewalttätigen Tyrannen gemacht haben, und das Phänomen des weltweiten Mitleids, das dem entmachteten Diktator nach seiner Gefangennahme entgegengebracht wird.


Diktator Hussein nach seiner Festnahme durch US-Truppen (im Dezember 2003): Große Toleranz für die Grausamkeiten der Elternfiguren
DDP

Diktator Hussein nach seiner Festnahme durch US-Truppen (im Dezember 2003): Große Toleranz für die Grausamkeiten der Elternfiguren

Kurz nach der Verhaftung von Saddam Hussein, die viele Menschen mit großer Erleichterung aufnahmen, erhoben sich plötzlich weltweit Stimmen des Mitleids mit dem skrupellosen, bisher gefürchteten Tyrannen. Anscheinend genügte es bereits, dass er keine Gefahr mehr darstellte, um sogar Mitgefühl zu erregen. Weil der Hass da am größten ist, wo wir uns von einer Person bedroht, also von ihrer Willkür abhängig fühlen. Wenn dieses Machtverhältnis sich ändert, verschwindet der Hass. Und jeder fühlt sich natürlich besser, wenn er sich von diesem bedrückenden Gefühl befreien kann.

Doch meines Erachtens dürfen wir in unserem Urteil über Tyrannen nicht einfach vom normalen Mitgefühl für den einzelnen Menschen ausgehen und dabei seine Taten vergessen. Besonders wenn der Despot noch am Leben ist, sollten wir nicht außer Acht lassen, mit welcher Leichtigkeit dieser Mann Menschen hinrichten ließ, sobald es ihm so beliebte. Es lässt sich nachweisen, dass sich der Charakter eines Tyrannen im Laufe seines Lebens nicht verändert, dass er seine Macht auf destruktive Weise missbraucht, so lange ihm kein Widerstand entgegen gesetzt wird oder so lange er jeden möglichen Widerstand im Keim ersticken kann. Denn sein eigentliches, unbewusstes, hinter allen bewussten Aktivitäten verborgenes Ziel bleibt unverändert: die in der Kindheit erfahrenen und verleugneten Demütigungen mit Hilfe der Macht ungeschehen zu machen.

Da dies aber nie erreicht werden kann, weil sich das Vergangene nicht auslöschen und auch nicht verarbeiten lässt, solange man sein damaliges Leiden leugnet, ist das Unterfangen eines Diktators zum Scheitern im Wiederholungszwang verurteilt, für den immer neue Opfer den Preis zahlen.

Selbstverständlich bin ich gegen die Todesstrafe im Allgemeinen, doch mit Ausnahme der Diktatoren. Es geht mir hier nicht um die "gerechte Strafe", sondern vielmehr um Prävention, um die Vorbeugung von neuen mörderischen Taten. Diktatoren haben bewiesen, dass es ihnen immer wieder bis zu ihrem Tode gelungen ist, Menschen zu verführen und sie sich zu unterwerfen. Daran arbeiten sie, solange sie leben. Auch in der Gefangenschaft finden sie vor dem Gerichtshof und mit Hilfe der Medien eine öffentliche Bühne für ihre hohlen Reden, auf der sie sich als Opfer und Erlöser stilisieren können. Ihnen wurde in der Kindheit des Grundrecht auf menschliche Würde verwehrt, so suchen sie dafür Ersatz in der Gewaltausübung, im Bluff und in ihren Posen.

Daher wäre ein langer Prozess genau das, was sie sich wünschen, was aber auf keinen Fall geschehen sollte. Denn viele Menschen lassen sich von grausamen Verführern beeindrucken, solange in ihnen noch das kleine Kind lebt, das den schlagenden Vater immer sowohl fürchtete als auch bewunderte und liebte.

Saddam Hussein wurde am 28. April 1937 geboren und wuchs in einer Bauernfamilie auf, die nahe bei Tikrit in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte und kein eigenes Land besaß. Nach den Angaben der Biografen Judith Miller und Laurie Mylroie ("Saddam Hussein and the Crisis in the Gulf", New York, 1990) hat sein leiblicher Vater die Mutter kurz vor oder nach der Geburt des Kindes verlassen. Sein Stiefvater, ein Hirte, hat den Jungen ständig erniedrigt, nannte ihn Huren- oder Hundesohn, schlug ihn erbarmungslos und quälte ihn auf brutale Weise. Um die Arbeitskraft des abhängigen Kindes maximal ausbeuten zu können, verbot er ihm bis zum zehnten Lebensjahr, zur Schule zu gehen. Stattdessen weckte er ihn mitten in der Nacht auf und schickte ihn zur Arbeit. Das hieß, die Herde zu hüten.

In diesen prägenden Jahren entwickelt jedes Kind Vorstellungen von der Welt und von den Werten des Lebens. Es wachsen in ihm Wünsche, deren Erfüllung es sich erträumt. Bei Saddam, der ein Gefangener seines Stiefvaters war, konnten diese Wünsche nur eines bedeuten: die uneingeschränkte Macht über andere. In seinem Gehirn bildete sich vermutlich die Idee, dass er nur dann seine ihm gestohlene Würde retten kann, wenn er über andere die gleiche Macht besitzt wie sein Stiefvater über ihn. Es gab in seiner Kindheit gar keine anderen Ideale, keine anderen Vorbilder: Es gab nur den allmächtigen Stiefvater und ihn, das dem Terror vollkommen ausgelieferte Opfer. Nach diesem Muster hat der Erwachsene später die totalitäre Struktur seines Landes organisiert. Sein Körper kannte nichts anderes als Gewalt.

Jeder Diktator verleugnet das Leiden seiner Kindheit und versucht es mit Hilfe seines Größenwahns zu vergessen. Da aber das Unbewusste eines Menschen seine vollständige Geschichte in den Körperzellen registriert hat, drängt es ihn eines Tages doch dazu, sich mit seiner Wahrheit zu konfrontieren. Dass Saddam mit seinen vielen Milliarden ausgerechnet in der Nähe seines Geburtsortes eine Zuflucht gesucht hat, wo ihm als Kind niemals Hilfe zuteil wurde, in einer sehr verdächtigten Gegend, die ihn eben gar nicht schützen konnte, spiegelt die Ausweglosigkeit seiner Kindheit wieder und illustriert deutlich seinen Wiederholungszwang.

Psychologin Miller: "Jeder Diktator verleugnet das Leiden seiner Kindheit"
Julika Miller

Psychologin Miller: "Jeder Diktator verleugnet das Leiden seiner Kindheit"

Auch in seiner Kindheit gab es für ihn keine Chance. Ich habe in meinem neuen Buch ("Die Revolte des Körpers", erscheint im April im Suhrkamp Verlag) beschrieben, wie die meisten Diktatoren dazu getrieben wurden, ihre Macht so zu missbrauchen, dass sie schließlich in die totale Ohnmacht ihrer Kindheit umschlug (Stalin in seinem ihn quälenden Verfolgungswahn, Hitler umzingelt im Bunker, Napoleon in der Verbannung, Ceausescu vor dem Todesurteil und Saddam Hussein im Erdloch).

Und nun erhebt sich auch in Europa von vielen Seiten die Sorge um die Menschenrechte für Saddam Hussein. Weshalb? Oberflächlich gesehen könnte man meinen, diese Rufe zugunsten des Diktators würden nur eine anti-amerikanische Haltung ausdrücken wollen. Doch ich vermute in ihnen viel tiefere, emotionale Motive. Die Weigerung, endlich aus diesen Tatsachen zu lernen, erscheint zwar grotesk, doch deren Gründe liegen auf der Hand.

Der skrupellose Tyrann mobilisiert ja die verdrängten Ängste der einst geschlagenen Kinder, die ihren Vater niemals anklagen konnten, auch heute nicht können, und die ihren Vätern trotz der erlittenen Qualen die Treue halten. Jeder Tyrann versinnbildlicht diesen Vater. Kein Hahn hat danach gekräht, als Saddams Söhne ohne jegliches Gericht umgebracht wurden. Denn sie haben nicht den Vater symbolisiert, an dem man mit allen Fäden hängt, in der Hoffnung, ihn einmal, mit Hilfe der eigenen Blindheit, in einen liebenden Menschen verwandeln zu können.

Diese Hoffnung mag die Vertreter der katholischen Kirche dazu bewogen haben, sich für die Rechte des Massenmörders einzusetzen und Mitleid zu demonstrieren. Kardinal Martino hat dies in einem Interview getan und damit den Ton in dieser Kampagne angegeben. Er gehört zu den Kardinälen, die ich vor zwei Jahren um Unterstützung ersuchte, als ich dem Vatikan das Material über Spätschäden des Kinderschlagens vorlegte und um eine diesbezügliche Aufklärung bei den jungen Eltern bat.

Es gelang mir indessen bei keinem einzigen der Kardinäle, die ich angeschrieben hatte, eine Spur von Interesse für das weltweit ignorierte aber brennende Problem der geschlagenen Kinder zu wecken. Nicht das geringste Zeichen der christlichen Barmherzigkeit kam zum Vorschein. Sie scheinen heute jedoch zeigen zu wollen, dass sie des Erbarmens fähig sind, aber bezeichnenderweise weder für geschlagene Kinder noch für Saddams Opfer, nein, statt dessen für ihn selbst, für eine gefürchtete Vaterfigur. Nur dieser tut ihnen leid.

Geschlagene, gequälte, gedemütigte Kinder, denen kein helfender Zeuge jemals beistand, entwickeln in der Regel später eine große Toleranz für die Grausamkeiten der Elternfiguren und offenbar eine auffallende Gleichgültigkeit, was das Leiden misshandelter Kinder betrifft. Dass sie einst selbst zu ihnen gehörten, wollen sie auf keinen Fall wissen, und die Gleichgültigkeit bewahrt sie davor, die Augen zu öffnen.

So werden sie zu "Anwälten des Bösen", auch wenn sie noch so sehr von ihren humanen Absichten überzeugt sind. Aber wie sollten sie ihre Wahrheit entdecken? Von klein auf mussten sie lernen, ihre wahren Gefühle zu unterdrücken und zu ignorieren, sie mussten lernen, sich einzig den Vorschriften der Eltern, Lehrer und religiöser Autoritäten anzuvertrauen. Nun lassen ihnen die Aufgaben des Erwachsenen keine Zeit mehr für das Wahrnehmen ihrer eigenen Gefühle. Es sei denn, diese passen genau in das patriarchalische Wertsystem, in dem sie leben. Wie das Mitleid mit dem Vater, sei er noch so destruktiv und gefährlich.

Je umfangreicher die Verbrechen eines Tyrannen, desto mehr kann er auf Toleranz zählen, solange den Bewunderern der Zugang zum Leiden ihrer eigenen Kindheit verschlossen bleibt.

Die Konsequenz ist nahe liegend: Millionen junger Menschen müssen als Soldaten sterben, um die Machtspiele von Diktatoren zu ermöglichen, die, wenn sie schließlich doch gefangen wurden, von den Siegern bemitleidet werden, um deren Blindheit zu sichern. Selbst wenn ich für die Kinder, die die Diktatoren einst waren, viel Mitgefühl empfinde, habe ich ganz und gar kein Mitleid mit einem Erwachsenen, der Menschen massenhaft hängen, erschießen oder vergasen ließ. Diesen muss meines Erachtens wie Ceausescu ihre Bühne vollständig entzogen werden, weil sie meinen, nur in der Allmacht existieren zu können und dadurch für andere gefährlich bleiben, solange sie leben.



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