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Anti-Prostitution-Debatte: Brüllen und blitzen gegen Alice

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"Prostitution - Ein deutscher Skandal": Buchvorstellung unter Protest Fotos
DPA

Es gab Zwischenrufe und einen nackten Unterleib: Begleitet von Protesten hat Alice Schwarzer ihr Buch "Prostitution - Ein deutscher Skandal" vorgestellt. Bei der emotionsgeladenen Diskussion erstritten sich auch Sexworker und Freier das Wort, doch gut kam dabei keiner weg.

Kaum war auf dem Podium zum zweiten Statement des Abends angesetzt, rollten Sexarbeiterinnen auch schon ein Transparent mit der Parole "Mein Beruf gehört mir!" aus. Parallel sprangen im Publikum mehr als ein Dutzend roter Regenschirme auf, die zum Symbol der Pro-Prostitutions-Kampagne geworden sind. Schon vor der Tür hatte eine Aktivistin ein Plakat hochgehalten: "Halt die Klappe, Alice" war darauf zu lesen.

Die "Emma" hatte am Donnerstagabend in Berlin zur Vorstellung von Alice Schwarzers vieldiskutiertem Sammelband "Prostitution - Ein deutscher Skandal" eingeladen. Auf dem Podium saßen, neben Schwarzer selbst, die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, der Kriminalhauptkommissar Helmut Sporer, die Ex-Prostituierte Marie sowie "Emma"-Redakteurin Chantal Louis - allesamt mehr oder minder direkt an dem Buch beteiligt. "Hier oben sitzt, wer Prostitution generell für ein Übel hält", fasste Schwarzer die Runde zusammen.

In den vergangenen Jahren war die "Emma"-Chefin gegen Kopftuchträgerinnen zu Felde gezogen, hatte mit der "Bild"-Zeitung gekungelt. Da hätte man sich mitunter tatsächlich gewünscht, dass sie einmal die Klappe hält. Aber bei ihrem jetzt ausgerufenen Kampf gegen Prostitution und für die Reform des Prostitutionsgesetzes? Da ist die Sache kompliziert - und wurde durch die erhitzte Debatte in der Urania sogar noch komplizierter.

"Wo habt ihr eure Zahlen her?"

Das begann schon mit der Frage, um was für eine Veranstaltung es sich denn handelte: Buchvorstellung oder Podiumsdiskussion? Als letzteres hatten die Veranstalter den Abend beworben, doch die einseitige Besetzung des Podiums lieferte den Protestierenden nur noch mehr Gründe, ihre Empörung lauthals und mit nackter Haut an die Runde heranzutragen. Da der Protest schon einsetzte, bevor die strittigen Argumente überhaupt vorgetragen waren, wirkte er stark reflexhaft. Aber wahrscheinlich kann man gegen die mediale Dampfwalze Alice Schwarzer gar nicht mehr anders ankommen, als sich mit Händen, Füßen und nacktem Unterleib, wie ihn eine Aktivistin zum Schluss auf der Bühne präsentierte, zu wehren.

Je weiter der Abend fortschritt, desto verstockter und desinteressierter zeigte sich Schwarzer. Dabei hatte sie zunächst starke Argumente und bedächtige Stimmen auf ihrer Seite: Die Ex-Prostituierte Marie erzählte, wie sie sich mit Anfang 40 bewusst für die Prostitution entschieden hatte, um Hartz IV zu entkommen. Aber selbst bei einem Stundenlohn von 150 Euro hielt sie es nur zwei Jahre im Beruf aus - auch ihr Status als Edelhure hatte sie nicht vor Vergewaltigungen und Freiern, die beim Sex plötzlich das Kondom abstreifen und ihr, wie sie es angemessen drastisch ausdrückte, "in den Hintern abspritzen", geschützt.

Die Stuttgarter Sozialarbeiterin Constabel berichtete hingegen von einer Flut junger Osteuropäerinnen, die im vergangenen Jahrzehnt nach Deutschland gekommen seien und hier nun für den Dumpingpreis von 30 Euro Geschlechts- und Oralverkehr ohne Kondom anbieten. Gerade der Andrang von Osteuropäerinnen und ihr prekärer Status irgendwo zwischen Armuts- und Zwangsprostitution wurde von den anwesenden Sexworkerinnen und Freiern lauthals angezweifelt. "Wo habt ihr eure Zahlen her?", war der wohl häufigste Zwischenruf.

Da es keine Meldepflicht für Prostituierte gibt, sind stichhaltige Daten tatsächlich nur schwer zu liefern. Constabel konnte jedoch einige nennen, da die Polizei in Stuttgart über eine eigene Einheit verfügt, die Prostituierte und die Objekte, in denen der Prostitution nachgegangen wird, zählt und überwacht. Rund 3000 Prostituierte, die ihre Dienste mindestens einmal im Jahr angeboten hätten, habe man 2012 gezählt. Rund 500 bis 600 würden dem Geschäft täglich nachgehen, von ihnen stammten circa 80 Prozent aus Osteuropa.

Kein Ausweg aus dem Talkshow-Modus

"Sind mir in meinen zehn Jahren als Freier noch nicht begegnet", "Das gibt es in Berlin so nicht" waren die Gegenargumente, die die Prostitutionsbefürworterinnen anführten. Immer wieder setzten sie Schwarzers Systemkritik persönliche Erfahrungen entgegen und betonten individuelle Spielräume. Doch für genau solche einzelnen, mal wütenden, mal betroffenen Stimmen hatte Schwarzer kein Ohr. Kaum hatte sie die Podiumsdiskussion für Fragen aus dem Publikum geöffnet, fiel sie den ersten Rednerinnen auch schon ungeduldig ins Wort und wischte selbst nachdenkliche Beiträge mit den Worten "Das war jetzt eher ein Statement als eine Frage" beiseite.

Ganz dem Talkshow-Modus verfallen, der nur das aggressive Wiederholen einer Handvoll von Kernbotschaften duldet, machte Schwarzer so eine denkbar schlechte Figur als vermeintliches Sprachrohr von Marginalisierten. Zuhören, innehalten, Tonlage ändern, Position überdenken - all das scheint bei ihren öffentlichen Auftritten nicht mehr möglich zu sein. Selbst einem gelähmten Rollstuhlfahrer, den es aufgrund seiner Schwerstbehinderung hörbar anstrengte, sein Statement zu Ende zu formulieren, gönnte sie keine Sekunde mehr Zeit. Wahrscheinlich weil er sich zuvor als Freier zu erkennen gegeben hatte, der schon lange die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt, dabei aber auch immer wieder abgelehnt wurde, mithin also Erfahrungen mit selbstbestimmten Prostituierten gemacht hatte.

Nach zwei emotionsgeladenen Stunden erklärte Schwarzer die Veranstaltung für beendet. Im Geschrei der Leute, die in den langen Schlangen vor den Saalmikros nicht zu Wort gekommen waren, war schließlich noch die Forderung zu vernehmen "Prostitution nicht abschaffen, sondern die Bedingungen verbessern!" "Ein gutes Schlusswort", befand Schwarzer, "darauf können wir uns doch einigen."

Erschreckend, dass das das Ergebnis der Diskussion war, statt ihre Grundlage zu bilden, auf der man verschiedene Positionen und Strategien hätte entwickeln können. So erreichte die Veranstaltung letztlich nur den Erkenntniswert einer "Günther Jauch"-Sendung, bei der die vorgefertigten Meinungen einfach nur lauter vorgetragen worden waren. Wahrscheinlich schien Schwarzer aber gerade deshalb so zufrieden mit dem Abend zu sein. Begleitet von Personenschützern war sie später mit einer bunten Perlenkette im Haar zu sehen, die sie scheinbar zur Königin des Abends krönte.

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