Alien-Schöpfer H.R. Giger "Zerfall freut mich"

H.R. Giger ist der Großmeister des Leinwandhorrors, einige seiner Werke sind derzeit in Berlin zu sehen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Schweizer über die Faszination des Verfalls, den Selbstmord seiner Frau - und warum sich LSD-Erfinder Hofmann an den Füßen aufgehängt hat.


SPIEGEL ONLINE: Herr Giger, Ihre aktuelle Ausstellung in Berlin trägt den Titel "Abgründe". Wie haben Sie die Bilder dafür ausgewählt?

Giger: Ich habe den Titel erst erfahren, als die Ausstellung bereits zusammengestellt war. Es ist mir nicht wichtig. "Abgründe" steht nicht für meine Kunst. Die meisten Menschen interpretieren in meine Bilder und Objekte immer furchtbare Probleme. Ich habe aber keine Probleme. Vielleicht früher ab und zu, aber in den letzten Jahren ist es mir sehr gut gegangen. "Abgründe" ist so tief- und schwergründig. Das trifft vielleicht auf andere Menschen zu, aber nicht auf mich.

SPIEGEL ONLINE: In Ihre Bilder wird viel hineingelesen. Viele verstehen sie als Ausdruck einer zu starken Verknüpfung von Mensch und Technik. Sind Ihre Werke eine Warnung?

Giger : Nein. Das Wichtigste war mir immer, dass meine Bilder mir einfach gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre letzten Bilder sind 1992 entstanden. Warum haben Sie mit dem Malen aufgehört?

Giger: Ich habe zwischen 1972 und 1992 teilweise sehr großformatige Airbrush-Bilder gestaltet. An einem Bild habe ich manchmal mehrere Jahre gearbeitet. Es war für mich immer ein Kampf und hat viele Nerven gekostet. Man drückt auf die Sprühpistole, und das Bild wächst in alle Richtungen. Man kann daher in kurzer Zeit große Teile vernichten. Dann ärgert man sich über die Zeit, die man vertan hat. Und das deprimiert. Wenn man einen Teil geschaffen hat, der einem gefällt, und man dann den Rest nicht hinbekommt, ist das Bild zerstört. Irgendwann hab ich mir einfach gesagt: "Es reicht! Jetzt bin ich fertig!"

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie beim Malen immer ein Konzept?

Giger: Ich hatte zwei Arten zu arbeiten: Entweder wusste ich genau, was ich wollte, und musste das Bild in meinem Kopf nur noch umsetzen. Oder ich habe mich nachts bei Kunstlicht vor eine Leinwand aus Papier gesetzt und von links nach rechts angefangen zu malen - ohne zu wissen, was entstehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Den Schriftsteller Sergius Golowin haben Sie als "eine Art Vaterfigur" beschrieben. Was haben Sie von ihm gelernt?

Giger: Sergius hat in Basel als Bibliothekar gearbeitet, war Mythenforscher und ein Verfechter von LSD. Er hat Interessierte in Magie unterrichtet und uns die geschichtlichen Zusammenhänge erklärt. Durch ihn habe ich viel über Magie und mystische Symbolik gelernt. Leider ist er vor zwei Jahren gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Gab es andere Menschen, die Sie beeinflusst haben?

Giger: Der Letzte, den ich kennengelernt habe, war Albert Hofmann. Er hat 1943 in Basel LSD erfunden und in den darauf folgenden Jahren intensiv erforscht. Er wurde 102 Jahre alt. Faszinierend, da die Leute immer über Drogen schimpfen. Aber LSD ist eine psychedelische Droge, die den Körper nicht so kaputtmacht. Und Albert Hofmann hat sich sehr gepflegt. Zum Beispiel hat er sich bis zu seinem 90. Lebensjahr regelmäßig an den Füßen aufgehängt. Das ist sehr gut für die Durchblutung des Gehirns. Ich könnte das nicht. Seit März haben wir in meinem Museum zu Ehren Albert Hofmanns die Ausstellung "Psychonauten". Dort stellen insgesamt zwölf Künstler aus, die unter LSD-Einfluss gearbeitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1993 dem damaligen schweizerischen Bundespräsidenten Adolf Ogi eine Untertunnelung der Schweiz vorgeschlagen. Gab es nie die Motivation, selbst in die Politik zu gehen wie Sergius Golowin?

Giger: Ich habe 1993 ein Tunnelkonzept in Form eines Pentagramms entworfen, das es Ausländern möglich macht, die Schweiz komplett zu umgehen. Ich habe hineingeschrieben: "Kein Weg führt in die überirdische Schweiz", und das Konzept einem Bundesrat gesendet. Er hat sich gefreut und bedankt. Eigentlich bin ich aber ein typischer Schweizer. Ich mache gar nichts, und irgendwie geht's dann schon.

SPIEGEL ONLINE: Ein österreichisches Phänomen ist es ja, dass man als Künstler erst anerkannt wird, wenn man im Ausland Erfolg hat. Ist das in der Schweiz genau so?

Giger: Ja! Aber egal wie erfolgreich ich im Ausland war, man hat es mir in der Schweiz nie leicht gemacht. Poster oder – noch schlimmer – Tarotkarten, sind für viele Schweizer keine Kunst. In manchen Bereichen gibt es in der Schweiz auch gar keine Möglichkeiten, erfolgreich zu arbeiten, zum Beispiel im Film.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem leben Sie heute in Zürich und haben 1998 ihr Museum im schweizerischen Gruyères eröffnet. Wie wohnen Sie?

Giger: Ich habe drei Reihenhäuser zusammengelegt. Die sind allerdings sehr einfach. Im Garten habe ich eine kleine Eisenbahn, auf deren Züge meine Stühle montiert sind, dass man bequem darauf sitzen kann. Im Laufe der Jahre habe ich alle möglichen Leute draufgesetzt. Auch Sergius Golowin. Die Gleise der Bahn folgen einem bestimmten Verlauf. Eine Acht, die man erst in die eine und dann in die andere Richtung fährt, dann über eine Brücke und durchs Haus. Das funktioniert alles elektrisch. Leider fährt die Bahn jetzt nicht mehr. Es ist eine Holzkonstruktion und alles verfault. Ich habe das auf kurze Zeit konstruiert. Jetzt lasse ich die Eisenbahn verfallen. Der Zerfall freut mich. Zum Teil ist die Natur schon darüber gewachsen, und das sieht wirklich gut aus.

SPIEGEL ONLINE: Zerfall und Tod sind immer wiederkehrende Themen in ihren Arbeiten. Woher kommt diese Affinität zum Vergänglichen?

Giger: Das kann ich nicht genau sagen. Ich habe mich intensiv mit Magie beschäftigt, und als meine Freundin Li gestorben ist, war ich lange Zeit nicht gut drauf.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Schauspielerin Li Tobler waren Sie neun Jahre zusammen, und ihr Gesicht ist auf vielen ihrer Arbeiten verewigt. Sie hat sich 1975 erschossen. Warum?

Giger: Es sind unterschiedliche Dinge zusammen gekommen, die sie nicht verkraftet hat. Li hatte so ein hübsches Gesicht. Da hineinzuballern, ist verrückt, oder? Und wenn man mit einem verdammten Revolver in sein Gesicht schießt, dann passiert ganz sicher etwas. Selbst wenn man überlebt, sieht man entsprechend aus, ist auf einem Auge blind oder ähnliches. Das ist wirklich mutig.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nur eine Sekunde, in der man abdrückt, um sich dem Leben nicht mehr stellen zu müssen. Das ist nicht mutig!

Giger: Doch! Es ist zum Beispiel viel leichter, Pillen zu schlucken. Aber Li hat einen Fünf-Millimeter-Revolver benutzt. So einen ganz kleinen mit nur fünf Schuss und einem 22er-Magazin. Bei dem kann man den Abzug nicht spannen. Da muss man durchziehen. Li taucht auf vielen Bildern immer wieder mit dem Revolver auf. Sie hat ihn auch in ihren Theaterstücken auf der Bühne verwendet. Selbstmord ist etwas ganz Furchtbares, und man merkt erst zu spät, dass ein Mensch wirklich diese Absicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie wieder eine Frau an Ihrer Seite.

Giger: Ja! Carmen. Wir sind seit zwölf Jahren zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Mensch von Natur aus gut oder böse ist?

Giger: Ich glaube eigentlich schon, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Obwohl er ziemlich fies sein kann! Ich bemühe mich aber zumindest, gut zu sein.

Das Interview führte Iris S. Hafner

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