Tschernobyl-Fotografin Rudya: Geist in einer Geisterstadt

Tschernobyl: Das verstrahlte Paradies Fotos
Alina Rudya

Einst galt es als Schreckensort, heute erstreckt sich hier ein Naturparadies - wenn man der Bilderserie von Alina Rudya traut. Sie war ein Baby, als der GAU von Tschernobyl ihre Geburtsstadt zur Geisterstadt machte. Auf ihren Fotos kehrt sie nun als Frau ohne Gesicht dorthin zurück.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rudya, unzählige Fotografen sind bereits nach Tschernobyl gereist, um dort zu fotografieren. Warum Sie auch noch?

Rudya: Ich habe mein erstes Lebensjahr in Prypjat verbracht, drei Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk Tschernobyl. Mit meinen Aufnahmen möchte ich meine Geschichte erzählen, aber ohne die Bilder, die so viele gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Fotos sieht man bröckelnde Fassaden, verlassene Wohnungen, vergessenes Spielzeug und immer wieder eine gesichtslose rothaarige junge Frau - Sie selbst. Die Überbleibsel Ihrer Geburtstadt Prypjat wirken auf eine märchenhafte Weise fast unschuldig.

Rudya: Ich wollte nichts drapieren, um den Schrecken von Tschernobyl zu untermauern. Ich will die Schönheit der Dinge zeigen, die wir verloren haben, und wie sich meine Heimatstadt durch die Katastrophe verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Und? Wie hat sich Prypjat verwandelt?

Rudya: Die Natur ergreift immer mehr Besitz von der Stadt. Bäume brechen durch Häuserböden, wachsen durch Fenster, Gestrüpp wuchert die Wege zu, Moos asphaltiert Treppen und Häusereingänge. Alles ist wunderschön und friedlich. Ich habe mich gefühlt, als sei ich in einem verlorenen Paradies.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl sich dort eine der verheerendsten Katastrophen der Menschheit abgespielt hat.

Rudya: Ich war ein Jahr alt, als sich der Unfall ereignete. Mein Vater hat als Ingenieur in Tschernobyl gearbeitet, sogar in jener Nacht, als der Reaktorblock 4 explodierte. Er war in einem anderen Bereich beschäftigt, aber er wusste, dass etwas Schlimmes passiert war. Er durfte seinen Posten nicht verlassen. Und als er seine Kollegen am Morgen sah, waren viele schon ganz rot im Gesicht und mussten sich übergeben. Einen Tag später haben wir die Stadt verlassen. Wir dachten, wir sind in zwei bis drei Tagen zurück.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie durften nicht mehr zurückkehren.

Rudya: Wir kamen zuerst bei meiner Großmutter unter und zogen dann in einen Vorort von Kiew - meine Mutter lebt noch immer dort. Mein Vater starb vor sechs Jahren, womöglich an den Folgen des Unfalls. Tschernobyl hat so viele Leben verändert.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie empfunden, als Sie nach Jahren erneut die Wohnung Ihrer Eltern betreten haben?

Rudya: Ich war zwar vor einigen Jahren schon einmal dort, aber für das Fotoprojekt mit einem Führer und einem anderen Journalisten unterwegs. Ich bat sie darum, 15 Minuten allein in der Wohnung sein zu können. Das war schon sehr traurig. Die Zimmer sind leer geräumt. Was meine Eltern damals nicht mitnehmen konnten, wurde geplündert oder kaputtgemacht. Es gibt nur noch wenig Persönliches von uns. Auf dem Boden habe ich ein Babyfoto von mir entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen das Projekt?

Rudya: Rund 50.000 Menschen haben damals ihre Heimat verloren. Sie sind jetzt in der ganzen Welt verteilt, sie leben in Israel, Australien, Amerika, Deutschland. Durch die Aufnahmen wird mir bewusst, dass ich Teil einer großen Geschichte bin, die es zu bewahren gilt. Nicht mehr lange und man wird all das nicht mehr festhalten können.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Rudya: Die Häuser werden immer brüchiger, drohen einzustürzen. Es ist jetzt schon relativ gefährlich, sie zu betreten. Irgendwann wird alles einfallen und die letzten Lebensspuren der Stadt werden verschwinden. Aber noch ist es möglich, da hineinzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich deshalb auch bewusst für Eigenporträts entschieden?

Rudya: Man sieht mein Gesicht ja nicht. Ich bin ein Geist in einer Geisterstadt. Aber ich lebe weiter.


Die Homepage der Fotografin.

Das Interview führte Kristin Haug

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Zur Person
  • Alina Rudya
    Alina Rudya wurde 1985 in der Ukraine geboren und verbrachte ihr erstes Lebensjahr in Prypjat, drei Kilometer entfernt von Tschernobyl. Dann explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerks. Sie flüchtete mit ihrer Familie in einen Vorort von Kiew und wuchs dort auf. In der ukrainischen Hauptstadt studierte sie zunächst Politikwissenschaft und Journalistik. Am Berliner Berufsausbildungszentrum Lette-Verein hat sie eine Ausbildung als Fotodesignerin abgeschlossen. Aktuell arbeitet sie als freiberufliche Fotografin und Grafikerin in Berlin.

Interaktive Grafiken

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.