Alkohol in der DDR: Jungs, macht die Kehle frei!

Von Barbara Bollwahn

Warum wurde in der DDR so extrem viel Alkohol konsumiert? Der Ethnologe Thomas Kochan sucht in seinem Buch "Blauer Würger" eine Erklärung für den Durst der Ostler - und widerspricht dem gängigen Klischee.

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Zentralkonsum eG

Die Ostler haben gesoffen, was das Zeug hielt, vor allem Schnäpse mit lustigen Namen: Goldbrand, Klosterbruder, Blauer Würger, Samba, Klarer Juwel oder Lunikoff. Die eingesperrten DDR-Bürger haben sich ihr tristes Leben schön getrunken. Die Staatssicherheit hat für volle Schnapsregale gesorgt, um das Volk ruhig zu stellen. Die Trinkgewohnheiten des großen Bruders Sowjetunion haben ihr übriges getan. Soweit die Klischees über den Alkoholkonsum in der DDR.

Sicher ist: In kaum einem anderen Land wurde so viel getrunken wie im ersten Arbeiter- und Bauernstaat. Beim Verbrauch von Hochprozentigem übertrumpfte der Osten den Westen. Lag 1955 der Verbrauch bei 4,4 Liter Weinbrand, Klarem und Likör pro Kopf, waren es 1988 sagenhafte 16,1 Liter. Das entspricht 23 Flaschen. International ging die DDR vor Ungarn und Polen 1987 in Führung. Hätte es also nicht heißen müssen: Blauer Bürger statt "Blauer Würger"?

Alkohol, ein stets willkommenes Präsent

Nein, sagt der Ethnologe und Historiker Thomas Kochan, Jahrgang 1968 und aufgewachsen in einem Elternhaus in Cottbus, in dem wenig, aber genussvoll getrunken wurde. Kochan hat eine Dissertation geschrieben, die jetzt als Buch vorliegt und im Aufbau Verlag erschienen ist. "Blauer Würger - So trank die DDR". Über vier Jahre hat sich Kochan, ausgestattet mit einem Stipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, durch Archive gewühlt, Verordnungen, Gesetze und Erlasse gelesen, mit Zeitzeugen gesprochen. "Die DDR-Gesellschaft war nicht alkoholisiert", lautet sein Fazit. Kochan spricht von einer "alkoholkonzentrierten" Gesellschaft, in der Alkohol Genuss,- Stärkungs- und Tauschmittel war, und immer ein willkommenes Präsent. Alles, was darüber hinaus gehe, sei "Legende".

Kochan räumt ein, dass er am Anfang auch Klischees im Kopf gehabt habe. Doch seine Untersuchungen haben ergeben: "Die Ostdeutschen hatten einen naiven und offenen Umgang mit Alkohol." Dafür führt er eine Reihe von skurrilen Beispielen an. In der populärwissenschaftlichen Fernsehsendung "AHA" befragte eine Reporterin Vorschulkinder, ob sie schon einmal Schnaps getrunken hätten. Ein halbes Dutzend Kinder hebt den Arm. "Ich trinke immer Eierlikör." "Ich auch." "Ich habe auch schon mal Eierlikör getrunken."

Schlank mit der Bockwurst-Wodka-Diät

Zur Eröffnung des Nationalen Jugendfestivals im Sommer 1979 in Ostberlin schmetterte ein Singklub eines Stahl- und Walzwerkes ein Hohelied auf den Alkohol, während die Politprominenz auf den Tribünen saß. "Komm' auf ein Bier herein", hieß das Stück mit Liedzeilen wie "Jungs, macht die Kehle frei!" In einer juristischen Ratgebersendung wurde 1987 eine Szene nachgestellt, in der 13-jährige Jungs ein Mädchen zum Schnapskaufen schicken. "Wie schreibt man Kirsch-Whisky?", fragt einer, um eine Vollmacht der Eltern zu fälschen. Da erwidert ein anderer: "Schreib doch einfach Kiwi. Das kennt jeder."

Ein Vater aus Weimar monierte Anfang 1989 in einer Eingabe, dass Mitarbeiter der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut in den 9. Klassen mit dem vergünstigten Erwerb von Deputatschnaps für 1,12 Mark die Flasche geworben haben. Eine Zeitzeugin aus der Oberlausitz erzählte Kochan von einer Bockwurst-Wodka-Diät. Morgens ein kleines Glas Schnaps, mittags ein großes und dazu eine Bockwurst, am Abend wieder ein kleines Glas Wodka.

Nach der Dissertation den eigenen Schnapsladen eröffnet

Sein Doktorvater habe ihm gesagt, dass eine Doktorarbeit prägend für das Leben sei. Wie recht er damit hatte, weiß Kochan jetzt. Im Februar 2009 beendete er seine Dissertation, im März dieses Jahres eröffnete er ein Schnapsgeschäft. Es heißt "Schnapskultur" und liegt wenige Meter hinter der Immanuelkirche in Berlin-Prenzlauer Berg. In dem kleinen Laden mit Regalen bis unter die Decke und einem gekreuzigten Jesus an der Wand stellte Kochan am Donnerstagabend sein Buch vor. Doch statt 40-prozentigem Kristall-Wodka "Blauer Würger" bot er Tresterbrand und Kirschwasser an. Für ihn ist die Kulturgeschichte des Alkohols "ein Glücksgriff". Sie versöhne "die oft als Gegensatz verstandenen, letztlich aber komplementären Ansichten der DDR".

Doch DDR-Schnäpse kommen ihm nicht ins Regal. "Ich bin ein Missionar für die Schnapskultur", sagt Kochan, "und ein Anwalt für den genussvollen Schluck am Abend". Er ist klar und nüchtern, wie die DDR-Oberen ihre Bürger gerne gehabt hätten. Kochan, der schon über Hippies, Bluesfans und Tramper in der DDR und ihre "Trinkeskapaden" geforscht und publiziert hat, hegt eine Leidenschaft für gebrannte Getränke - von hoher Qualität, nachhaltig hergestellt, von Obstbauern und Brennern, die er persönlich kennt. Den "Blauen Würger" hat er erst im Zuge seiner Recherchen probiert. Er ist für ihn ein Getränk "von zweifelhafter Herkunft".

Keine Beweise für den Kummertöter

Kochan widerspricht dem Vorurteil, dass die Umstände in der DDR die Menschen zur Flasche haben greifen lassen. "Nirgends ist von einer Trinkkultur, in der der Alkohol primär als Sorgenbrecher und Kummertöter diente, die Rede", schreibt er. Für das Trinken aus Verzweiflung hätten sich "partout keine Beweise finden" lassen - weder in den Archiven des SED-Zentralkomitees noch in den Unterlagen des Gesundheitsministeriums, des Leipziger Instituts für Marktforschung, des Ministeriums für Staatssicherheit, des Deutschen Hygiene-Museums oder den staatsferneren Akten der Evangelischen Kirche mit ihrer Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren. Die Ostdeutschen hätten in der Mehrzahl lange Zeit keinen Grund zur Flucht aus der Realität gesehen. Was beispielsweise für Soldaten der NVA, die in Kasernen eingesperrt waren und wie die Weltmeister becherten, galt, musste nicht für den Rest der Republik gelten.

Engpässe in der DDR-Schnapsindustrie gab es höchstens bei Glasflaschen, Verpackungskarton, Kakao oder Eiern. Bis Anfang der siebziger Jahre war der durchschnittliche Schnapskonsum in der Bundesrepublik höher als im Osten, gibt der Autor weiter zu bedenken, dahinter habe auch niemand eine Flucht vor der Wirklichkeit vermutet. So lautet sein Fazit: "Ursächlich waren die Erfahrung einer konkurrenzarmen Kollektivgesellschaft, ein wenig gefördertes Leistungsdenken, gemeinschaftliche Verantwortungsfreiheit, existentielle Sorglosigkeit und das Leben in einer räumlich begrenzten, dafür an Zeit umso reicheren Welt."

Kampf den finsteren Bierkneipen!

Der laxe Umgang mit Alkohol stand freilich völlig konträr zur offiziellen Linie von Staatsführung und Partei, die das Bild einer "nüchternen DDR" propagierten. In den Fünfziger Jahren wurde unter dem Staatsratsvorsitzenden und sächselndem Abstinenzler Walter Ulbricht den dunklen Bierkneipen der Kampf angesagt. Als Alternativen wurden Speiserestaurants, Milchbars, Klubgaststätten und das "kulturvolle" Glas Wein propagiert, allerhand Alkoholgesetze wurden erlassen, ergänzt und verschärft. Ab den sechziger Jahren wurden die Überlegungen eines kompletten Alkoholverbotes ad acta gelegt. Stattdessen lautete die Frage: Welche Getränke entsprechen dem sozialistischen Leben?

Lange Zeit wurde das Alkoholproblem verharmlost. Oppositionelle Gruppen forderten Anfang 1989 die Aufstellung unabhängiger Kandidaten bei den Kommunalwahlen, die sich dafür einsetzen sollten, dass der allgemeine Alkoholismus angegangen werde. Das Politbüro erließ im Sommer 1989 die "Richtlinie über Aufgaben des Gesundheits- und Sozialwesens zur Verhütung und Bekämpfung der Alkoholkrankheit" mit einem landesweiten Betreuungsnetz. Als die DDR begann, sich aufzulösen, spielte der Alkohol keine Rolle. "In diesen Wochen legten die Ostdeutschen das alkoholzentrierte System sang- und klanglos ad acta", schreibt Kochan. "Das war revolutionär."

Erst als die Grenzen geöffnet wurden, knallten die Sektkorken. Auch die Währungsunion und Wiedervereinigung waren feuchtfröhliche Anlässe. Dann war die hohe Zeit des Suffs im Osten unwiederbringlich vorüber: "Nie wieder spielte Alkohol eine derart prominente Rolle wie in der DDR, höchstens in ihren Erinnerungen."

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insgesamt 151 Beiträge
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1. Montagsdemonstranten
Altesocke 10.04.2011
Kein Widerspruch! Die zitierte Stelle hoert sich an, wie die Lebensumstaende jedes "vorm Supermarkt auf der Parkbank"-Saeufers. Solange die ihre Biere und Schnaepse noch bezahlen koennen (Harz IV?): "existenzielle Sorglosigkeit und das Leben in einer räumlich begrenzten, dafür an Zeit umso reicheren Welt." Schoen, das wir uns um diese Teile der Gesellschaft uweberhaupt keine Sorgen machen muessen! Und um den dazugehoerigen Einzelhandel! Prost
2. Leider falsch.
AIonso 10.04.2011
Herr Kochan widerspricht hier eben keinem Klischee. Die Ostler haben soviel getrunken weil das ihr Leben etwas erleichtert hat. Wer sich den Kommunismus schön reden will, der behauptet freilich, dass der Umgang mit Alkohol dort lediglich etwas offener war, quasi alles kulturbedingt ist.
3. Was für Bilder :-)
hilfloser 10.04.2011
Ich war als Jugendlicher mehrmals "Drüben". Irgendwie hat mir das da gefallen, wahrscheinlich weil ich als Wessie den Dicken machen konnte. Ja und gesoffen wurde da wirklich was das Zeug hällt. Was hatten die denn auch schon groß in der DDR außer Frauen und Alk? Die Atmosphäre war im Übrigen eine etwas verschlafene, weltentrückte, aber absolut unstressige und irgendwie gemütliche. Nachbarschaft wurde noch groß geschrieben, jeder mußte/sollte/konnte dem anderen in der Bewältigung des Lebensalltags helfen. Jaja, ich weiß, verklärter, zwanghaft herbeigeredeter Nostalgieblödsinn. Ich bin dennoch der Meinung das es den Menschen in der DDR bei ihrem Volksaufstand weniger um persönliche Freiheit ging als um materielle Werte. Heute fahre ich nicht mehr rüber, zu frustrierend und die Bäder an der Ostseeküste von Kühlungsborn bis Rügen sind unverschämt teuer und überlaufen von langweiligen Senioren.
4.
Incubus6 10.04.2011
Also erstmal hab ich das Gefühl die Doktorarbeit ist ähnlich hohl die von von Guttenberg. Die Argumentation das bis in die 70er BRD und DDR einen ähnlichen Alkoholkonsum hatten und danach der Konsum in der DDR deutlich stieg, spricht doch eindeutig für Frustsaufen. Gerade ende der 70er und dann in den 80ern Jahren hat sich doch die Gesamtsituation in der DDR verschäft, zeigen doch auch andere Statistiken (zB Selbstmordrate). Und ist es verwunderlich, dass er keine offizielle Dokumente findet in denen steht "die DDR ist so scheiße, dass das Volk es nur noch im Suff erträgt? Und wo ist bitte eine Alternativerklärung für den riesigen Konsum?
5. Aha
shovelbolle 10.04.2011
Der Artikel ist für mich als Wessi schon interessant da ich es bisher nicht wußte daß dem Alkohol derart zugesprochen wurde. Bei mir in der Firma von ca 90 Beschäftigten sind 3 Kollegen/innen aus Thüringen, Sachsen und Brandenburg und alle drei können schon was ab ... lol. Alle drei sind Mid-Dreißiger und Einer hat tatsächlich schon erhebliche gesundheitliche Beschwerden. Ich fragte ihn warum er sich unbedingt ein Loch in die Magenwand saufen muss und die Antwort war für mich, dem steifen Wessi, einfach wie verblüffend: "... Das ist nicht geplant aber schwupps: Sind 5 Radeberger-Granaten drin ..." Bei einer kurzen, improvisierten Feier in der Mittagspause spendierten 5 Arbeitskollegen u.a. eine Kiste Pils und während ich mich an einem Sekt-Orange festhielt hatte die Kollegin 3 Pils im Hals. WOW ! Den dritten Kollegen kann man Montags überhaupt nicht ansprechen und nutzt die Gleitzeitmöglichkeit voll aus ... Ich denke die Kollegen nehmen das Leben einfach lockerer und ergreifen die Möglichkeit für ein büsschen Geselligkeit sofort beim Schopfe während wir Wessis uns viel zu viel Gedanken machen.
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