Pop-Art-Erotomane Allen Jones Der Mann, der Frauen vermöbelte

Devote Girls unterm Tisch, Schenkel als Armlehnen, sexy Sekretärinnen: Die Möbel-Kunst von Allen Jones ist wie ein Blondinenwitz. Man kann sie frauenfeindlich finden - oder sich darüber amüsieren, was Männer sich über Frauen ausmalen. Jetzt zeigt eine Schau in Tübingen sein Werk.


Vieles, was in den Sechzigern zum Skandal taugte, wirkt heute eher putzig: Monokini und Minirock, freie Liebe und Konsumverzicht, Pilzköpfe und Oben-ohne-Mode. Monströs aber wirken immer noch drei Möbelstücke: "Table", "Chair" und "Hatstand". Die Tischplatte des "Table" ruht auf dem Rücken einer Brünetten, die auf allen Vieren die Brust baumeln lässt und ihren Po reckt. Der "Chair" ist einer Dunkelblonden auf den Leib geschnallt, ihre Unterschenkel bietet sie als Lehne an. Und als Hutablage hält für den "Hatstand" eine Blondine mit Pagenkopf her, deren durchsichtige Bluse ihr sittsamstes Kleidungsstück ist.

Frauen als Möbelstücke als Kunst - 1969 gefertigt von Allen Jones. Auch wenn die mal devoten, mal dominanten Ladys nur aus Fiberglas waren, erregten sie doch von Anfang an Bewunderung wie Abscheu. Kaum war das Herrengedeck der Wohnraummöblierung um 1970 das erste Mal ausgestellt, klingelte bei seinem Schöpfer das Telefon: Regisseur Stanley Kubrick war beeindruckt und fragte an, ob Jones das Setdesign für eine Szene seines Gewaltschockers "A Clockwork Orange" übernehmen wollte. Jones lehnte ab. Kubrick hatte als Entlohnung nur eine Nennung im Abspann geboten.

Dann echauffierten sich Feministinnen über die sado-maso-mäßig aufgebrezelten Damen. Sie sahen den weiblichen Körper missbraucht und verdinglicht. 1978, als die in Sechser-Auflage erstellten Objekte im Londoner Institute of Contemporary Arts gezeigt wurden, flogen Rauch- und Stinkbomben. Und noch 1986 gab es in der Tate Britain eine Säureattacke auf den "Chair". Den Stellenwert der "vermöbelten" Frauen auf dem Kunstmarkt aber haben die Proteste vermutlich eher beflügelt: Kürzlich wurde ein Set der Skulpturen aus dem Nachlass des kunstverständigen Frauenexperten Gunter Sachs bei Sotheby's versteigert - für 2,6 Millionen Britische Pfund.

Motive aus Fetischmagazinen

Jones hatte Ende der fünfziger Jahre Kunst studiert, zuletzt mit Malern wie R. B. Kitaj und David Hockney am Londoner Royal College of Art. Die Lektüre von Nietzsche, Freud und Jung regte ihn an, sich verstärkt für das Verhältnis von Mann und Frau zu interessieren. Als er Mitte der Sechziger in den USA lebte, entdeckte er Motive aus Fetischmagazinen für seine Malerei. Erst drängten die erotisierten Gestalten immer stärker aus seinen Gemälden heraus - bis sie sich 1969 als Möbel ganz von der Leinwand absetzten und den Raum eroberten.

"Ich lebte in Chelsea, interessierte mich für die weibliche Figur und ihre sexuelle Aufladung", so hat er 2007 die Atmosphäre der Entstehungszeit dem britischen "Telegraph" geschildert. "Jeden Samstag ging man auf die King's Road und die Röcke waren wieder kürzer, und wieder wurden die Körper anders zur Schau gestellt. Und man wusste, in der nächsten Woche würde jemand das Bisherige überbieten."

Zum erotisch erhitzten Zeitgeist kam noch einiges dazu. Inspirierend wirkte etwa ein Spielzeugautomat in Gestalt einer lebensgroßen, nahezu nackten Frau, den Jones in einer Spielhalle in Reno, Nevada, gesehen hatte. 1969 jedenfalls waren die Möbelfrauen in seiner Phantasie ausgereift. Er ließ sie in stahlverstärktem Kunststoff ausformen und mit ledernen Fetischklamotten einkleiden.

Kunst als Blondinenwitz

Noch gut vierzig Jahre danach spitzen die Skulpturen die Verdinglichung sexuell aufgeladener Körper so frech zu, dass sie verwirrende Denkbewegungen anstoßen: über Begehren und die Legitimität erotischer Phantasien, über sexuelle Selbstbestimmung. Dabei funktionieren sie ein bisschen wie Blondinenwitze: Man kann sich an ihrer Frauenfeindlichkeit stoßen, man kann sich aber auch darüber amüsieren, wie sich die männliche Phantasie die Frauen zurechtknetet.

Dieser Witz und die hintergründige Ambivalenz fehlen Jones' späteren Arbeiten aber oft: den Beinen in endlos hohen Schnürstiefeln, die kokett übereinander geschlagen die perfekte "Secretary" (1972) formieren; den Kaskaden explodierender Farben, die eine Schöne nicht ganz aus der Fläche des Bildes entlassen wollen ("Stand In" von 1991/92). Und auch der grazilen, schaufensterpuppenhaften Gestalt auf ihrem Stahlsockel ("Enchanteresse" von 2006). Ihr strenger, in sich versunkener Blick scheint nichts davon zu wissen, wie exponiert ihr Körper ist, oder davon, dass Stiefeletten und ein hauchdünner blauer Catsuit sie eher entblößen als verhüllen.

Jones' Oeuvre der letzten Jahrzehnte kokettiert mit dem Motiv des fetischartig erotisierten weiblichen Körpers. Manches zielt dabei zu sehr auf den biederen Kunstgeschmack, dem eine Prise Erotik künstlerischen Pep verbürgen soll. Die Tübinger Kunsthalle präsentiert mit Werken von 1957 bis 2009 die, so der Pressetext, "bislang umfangreichste Retrospektive" - also auch das doch banale Spätwerk. Einen Gefallen tut sie dem Künstler, der am 1. September seinen 75. Geburtstag feiern wird, damit nicht.

Allen Jones - Retrospektive, Kunsthalle Tübingen, 16. Juni bis 16. September 2012, www.kunsthalle-tuebingen.de

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insgesamt 2 Beiträge
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posten 15.06.2012
1. Künstler sind lustig...
... haben irgendein perverses, oder zumindest sehr eingeschränktes Frauenbild, machen dann irgendwelche geilen Plasiken und behaupten "So sieht der Mann die Frauen!" STimmt aber nich' - nur der Typ, der solche "Kunst" macht, sieht die so - oder aber er machts nur um orndlich Knete zu verdienen... was ich für am Wahrscheinlichten halte
derdriu 17.06.2012
2. Finds doof
Sieht nicht gut aus, ist kindisch, unbrauchbar, unkreativ und diskriminierend. Eigentlich schon zu plump, um sich drüber aufzuregen. Langweilig und platt...
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