Alleswisser Mathias Richling "Ob ich noch ganz dicht bin? Ich bitte Sie!"

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2. Teil: "Ich bin gerne mein eigenes Internet"


SPIEGEL ONLINE: Gab es Lehrer, die Sie geprägt haben?

Richling: Mein Schuldirektor Volker Merz in außerordentlichem Maß und seine Frau Christa. Dann auch mein Lateinlehrer zum Beispiel. Ich war in Latein erbärmlich. Überhaupt lag die ganze Klasse unter jedem messbaren Durchschnitt. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt – ein Jahr vor dem Abitur – kommen Sie da nicht weiter, ohne dass sich jemand autoritär bei Ihnen durchsetzt. Das tat er. Und kurz vor dem Abitur hat er uns so getriezt, dass wir innerhalb von 14 Tagen die gesamte Latein-Grammatik gelernt haben. Im mündlichen Lateinabitur habe ich dann tatsächlich den Prüfer damit beeindrucken können, eine grammatikalische Form bei Cicero gefunden zu haben, die es so nur ganz selten gibt. Ich meine, es war ein substantivisches Gerundivum.

SPIEGEL ONLINE: Ein Wissen, das Sie in Ihrem späteren Leben wohl kaum anwenden konnten. Empfinden Sie es als vertane Zeit, dass Sie Latein gelernt haben?

Richling: Die Frage ist nicht, wozu lerne ich etwas. Sie hätten Recht, wenn Sie sagen: an keiner Tankstellentafel wird das Benzin auf Latein angeboten. Es geht darum, wie mich diese Sprache über den Tag hinaus formt. Durch Latein habe ich zum Beispiel gelernt, logisch zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Verspüren Sie als Kabarettist einen Bildungsauftrag?

Richling: Ich würde lieber von einem Entzerrungsauftrag sprechen: Ich will Dinge in ein anderes Licht rücken. Wenn ich Sie fotografiere und das Licht kommt von oben, sieht es anders aus, als wenn das Licht von rechts kommt. Es ist aber nicht meine Aufgabe, Leute von meinen Ansichten zu überzeugen. Deswegen habe ich es auch immer abgelehnt, Werbung zu machen für eine Partei, auch wenn ich mit ihr sympathisiere.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Richling: Das geht Sie doch gar nichts an. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung und lassen Sie sich von mir nicht beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Kabarettisten ist es doch eh klar: SPD.

Richling: Wieso ist das bitteschön klar?

SPIEGEL ONLINE: Das fragen wir Sie.

Richling: Dieses Urbild haben die Parteien 1998 kaputtgemacht. Weil die SPD sich innerhalb kurzer Zeit von sich selbst wegentwickelt hat, in eine Richtung, die wir noch nicht mal von der CDU erwartet hätten. Schröder hat den Spitzensteuersatz gesenkt um 11 Prozentpunkte, die Grünen haben Gewalt als Mittel der Politik anerkannt und so weiter und so weiter. Da war vieles ein innenpolitischer Schock für viele, die Rot-Grün als Ideal gesehen hatten. Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie sagen: Kabarett ist sozusagen links. Aber die linken Parteien sind es doch nicht mehr! Für Willy Brandt haben noch linke Intellektuelle, Künstler, Kabarettisten eine Bresche geschlagen und Wahlkampf gemacht. Das klappt heutzutage nicht. Denken Sie nur beispielsweise an Otto Schily als Bundesinnenminister! Was der alles initiiert hat – das hätten Sie nicht mal von Friedrich Zimmermann erwartet, dem CSU-Hardliner, der in den achtziger Jahren Innenminister war. Schily war einer der "rechtesten" in diesem Amt, die wir jemals hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie sich über Politik auf dem Laufenden?

Richling: Ich schaue fern, nutze das Internet und lese jeden Tag meinen Stapel von zehn Zeitungen. Was ich gebrauchen kann, wird in meinem Archiv abgelegt, einem eigenen Raum voller Hängeregister, in denen alles nach Themen geordnet ist. Vom SPIEGEL habe ich seit 1980 alle Ausgaben im Original. Wenn Sie ein Problem haben und etwas nicht finden, rufen Sie mich gerne an.

SPIEGEL ONLINE: Danke sehr. Wofür brauchen Sie das Archiv?

Richling: Es hilft mir, wenn bestimmte Themen wieder auftauchen, vor einiger Zeit etwa die Aufarbeitung des RAF-Terrors im Verena-Becker-Prozess. Da kann ich dann nachlesen, was die Regierung damals gemacht hat und was ich damals dazu notiert habe; das relativiert vieles. Wie hat Helmut Schmidt in dieser enormen Krise 1977 gehandelt, und wie geht Angela Merkel mit der Finanzkrise um, die für viele bestimmt auf andere Weise so existentiell war wie die Terrorbedrohung in den Siebzigern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Helmut Schmidt einmal als den einzigen glaubwürdigen Politiker bezeichnet. Nicht weil er immer das Richtige gemacht habe, aber weil er sein Handeln zu erklären gewusst habe.

Richling: Ich hatte bei ihm immer das Gefühl, dass er sich als ersten Diener des Staats empfindet. Das vermisst man heute, man vergisst gerne: Frau Merkel ist unsere Angestellte – Ihre und meine. Außerdem hat Helmut Schmidt immer mit großer Klarheit geredet. Hören Sie sich nur noch mal auf "Phoenix" seine Abschlussrede am 1. Oktober 1982 an, als er sein Amt an Kohl übergibt, und dann die Antrittsrede von Helmut Kohl – dann wissen Sie alles.

SPIEGEL ONLINE: Akribisch, wie Sie sind, haben Sie sich das bestimmt auch hunderttausend Mal angesehen.

Richling: Nein, ich kann es auswendig, wenn ich es zweimal gehört habe.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich?

Richling: Ja, auch Musik, die mich fasziniert, höre ich nicht unbedingt hundertmal. Es gibt Symphonien, die ich vielleicht nur zehnmal gehört habe und auswendig kann. Wenn Sie mir jetzt Ihre Telefonnummer sagen, behalte ich die für immer.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich mal untersuchen lassen?

Richling: Ob ich noch ganz dicht bin? Ich bitte Sie!

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht einen IQ-Test gemacht?

Richling: Nein, aber mein Vater hatte ein unglaubliches Gedächtnis. Er war Patentingenieur und hatte eine Abteilung mit 80.000 Patenten unter sich, nur aus dem Bereich Kugellager. Mein Vater war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, große Firmen fragten ihn an. Er konnte sofort sagen, was es schon mal gegeben hat, und innerhalb von einer Viertelstunde hat er es gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Mit so einem Gedächtnis wie Ihrem ist es freilich leicht, Wissen anzuhäufen.

Richling: Ja, aber das Schöne ist: Ich muss gar nicht alles wissen. Ich habe mir zum Beispiel auch längst abgewöhnt, in einer Galerie alle Bilder anzugucken. Ich suche mir fünf bis zehn Bilder aus, die behalte ich dann. Im Kopf, natürlich! Wissen ist relativ. Und die Kunst besteht darin, unnötiges Wissen gezielt wieder zu vergessen. Wegzuklicken. Und mit einem Stichwort wieder hervorholen zu können. Ich bin ganz gerne mein eigenes Internet.

Das Interview führten Alexander Kühn und Markus Verbeet



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
The_Laser 27.05.2011
1. Ich bin ein Titel
Der Richling redet vielleicht ein Zeug zusammen, da kommt man nicht mehr mit.
SidiTabet 27.05.2011
2. Gebt mir diesen Mann in meine Kammer......
.....und zwar nicht für schnöden Sex, sondern um ihn dort gut zu füttern und mit guten Weinen zu beköstigen und ihn dann JEDERZEIT zu einem Gespräch parat zu haben. Ich will hier gar nicht auf das ausserordentliche komödiantische Talent des Herrn Richling eingehen - es ist unschlagbar - sondern erfreue mich an fast jedem Satz dieses unglaublichen Menschen. Sehr gerne hätte ich ein x-mal so langes Interview verschlungen und mich an den Aussagen erfreut. So werde ich es in mein privates Richling-online-Archiv stecken, traurig meine leere Kammer betrachten und mir sagen: eines schönen Tages kriege ich Dich, warte nur!! Ein genialer Kopf, dem ich noch viele gesunde Jahre mit einem begeisterten Publikum wünsche!
stiller_genießer 27.05.2011
3. Latein
Wenn nicht nur diese beiden interviewenden Journalisten, sondern die ganze Zunft, Latein so geringschätzen, dann braucht man sich nicht mehr zu wundern, wenn die ARD-Korrespondentin in Washington nach Obamas Wahl fortwährend von "Präsident in spe" gesprochen, "designierter Präsident" aber gemeint hat.
garfield, 27.05.2011
4.
Zitat von sysopGute Allgemeinbildung? Kann*tödlich sein, glaubt Mathias Richling. Trotzdem plädiert der Kabarettist im Interview*dafür, sich möglichst viel*von diesem riskanten*Wissen anzueignen und erklärt, weshalb er der freien Presse gerne mal den freien Hintern zeigt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,763332,00.html
Von der Selbsbeweihräucherung mit seinem angeblichen Gedächtnis mal abgesehen, kann ich ihm ja in vielem zustimmen, besonders in dem, was er zur sPD und den Grünen sagte. Da stellt sich dann aber doch die Frage, warum er sich von einem politischen Kabarettisten zu einem Comedian entwickelt hat. Man ist ja inzwischen gewohnt, dass SpOn keine unangenehmen Fragen stellt (es sei denn einem Politiker der LINKEn), aber ich hätte mir schon eine Nachfrage zu dieser Verlagerung gewünscht, oder dazu, warum ihm Hildebrandt nicht mehr erlaubte, seiner Sendung den Titel "Scheibenwischer" zu führen. Nun ja, am Ende war ja in Richlings Sendung auch nicht mehr viel "Scheibenwischer" enthalten. Und seit Nuhr den "Satiregipfel" besteigt (http://www.nachdenkseiten.de/?p=8081), dürfte die Sendung wohl endgültig ihre Fans bei den "Leistungsträgern" und die sich dafür halten, finden.
janne2109 27.05.2011
5. wichtig
ist der sooo wichtig, dass er unter Topmeldung erscheint??
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