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Alltag nach Fukushima: Schlimm ist das neue Normal

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Alt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während die Radioaktivität in Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen.

Fotostrecke: Alltag und Katastrophe Fotos
REUTERS/ Air Photo Service

Finden Sie es richtig, Benzin zu tanken, in das Pflanzenbestandteile gemischt sind, die auch als Nahrungsmittel genützt werden könnten? Hat der neue Song von Lena Meyer-Landrut eine Chance beim Eurovision Song Contest? Und denken Sie noch manchmal an Karl-Theodor zu Guttenberg?

Sagen Sie jetzt besser nichts - Ihre Antwort könnte Sie in ein schlechtes Licht rücken. Über Trivialitäten wie E10, Popmusik oder gefallene Hoffnungsträger zu reden, war in den vergangenen Wochen nicht gesellschaftsfähig. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, die mit dem Erdbeben und Tsunami am 11. März in Japan ihren Anfang nahm, erforderte unsere gesamte Aufmerksamkeit.

Wie Nachrichten aus einem weit entfernten, längst vergangenen Land erscheinen in der Rückschau die Themen, die Deutschland vor Fukushima beschäftigten. Die "Tagesthemen" berichteten am Abend vor der Katastrophe noch von neuesten Umfragen, die den Höhenflug der Grünen in der Wählergunst "endgültig beendet" sahen, und im Einspielfilm trötete die Bundeswehrkapelle unbeschwert "Smoke on the Water" für ihren scheidenden Schummel-Chef.

Welcher Partei gehört der noch mal an?

Dann bebte die Erde vor Japan, und der CDU-Bundesumweltminister Norbert Röttgen, gerade noch dabei, voll in ein E10-Schlamassel zu schlittern, war plötzlich damit beschäftigt, den deutschen Atomkraftwerken ein Ende zu bereiten. Mit nachhaltigen Folgen: Wer dieser Tage morgens zufällig in ein Radio-Interview mit einem Politiker reinschaltet, kann sich lange fragen, welcher Partei dieser Mensch wohl angehören mag. "Ich war immer für einen schnellen Atomausstieg", sagt da einer voller Überzeugung. "Ich bin auch heute noch dafür, schnell regenerative Energien auszubauen." Ein Grüner? Ein Roter? Nein, ein CDU-Mann aus Schleswig-Holstein. Es könnte auch ein Liberaler sein. Mittlerweile besteht die deutsche Parteienlandschaft ausschließlich aus atomkritischen Vereinigungen.

Fragt sich nur, wie lange diese Aufregung noch anhält. Denn das Interesse am Unglück in Japan und seinen Folgen flacht ab. Die Deutschen wenden sich wieder anderen Themen zu. Man kann das richtig finden oder falsch, es bleibt eine Tatsache.

Knut war gestern. Fukushima auch.

Google stellt einen interessanten Dienst bereit, "Trends" genannt, mit dem sich die relative Häufigkeit der Suche nach bestimmten Schlagwörtern auf einer Zeitachse abbilden lässt. Das Interesse an "Guttenberg" ist nach einem letzten Hoch zu seinem Rücktritt deutlich zurück gegangen, das Interesse an "Knut" ebenfalls recht schnell nach seinem Tod im Tauchbecken. Beides ist kaum verwunderlich, handelt es sich dabei doch um abgeschlossene Vorgänge. Doch auch die Suchen nach "Fukushima" und "Japan" sind einem deutlichen Abwärtstrend ausgesetzt, obwohl die Katastrophe dort noch immer in vollem Gange ist, womöglich noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht hat. Schon trauen sich Menschen wieder, auf Facebook auch mal ein lustiges Video zu posten.

Während die Kernschmelze erst allmählich ins Bewusstsein der Verantwortlichen und der Bevölkerung in Japan vorzudringen scheint, ist sie hierzulande gefühlt schon fast wieder vorbei, weil gesellschaftlich verarbeitet: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden die Grünen gewählt, Alt-Meiler wurden vom Netz genommen, mehr kann man beim besten Willen nicht tun.

Nur eines noch: die persönliche Stressresistenz erhöhen. Vor einigen Tagen hätte es empfindliche Menschen hierzulande wohl noch den Schlaf gekostet, zu wissen, dass die Strahlenwerte im Meer vor Fukushima 3355fach über dem Normalwert liegen. Heute nehmen wir solche Meldungen achselzuckend zur Kenntnis. 3000fach, 10.000fach, es spielt keine Rolle mehr, weil sich die Erkenntnis, dass sich dort tödliche Strahlung unkontrolliert verbreitet, nicht mehr steigern lässt.

Einen ähnlichen Effekt konnte man auf dem Höhepunkt der Finanzkrise beobachten, auf dem immer höhere Milliardenbeträge immer weniger ins Bewusstsein vordrangen, weil schon eine einzige Milliarde ein Betrag ist, den sich niemand vorstellen kann.

Dass die Europäische Union als Reaktion auf erhöhte Strahlung in Produkten aus Japan mit einer konsequenten Erhöhung der Grenzwerte reagiert hat, mag man für skandalös halten. Dabei ist es nichts anderes als die staatliche Verordnung von Normalität - einer Normalität, die jetzt eben auf einem neuen Level definiert wird.

Alles eine Frage der Gewöhnung.

Und, jetzt mal ganz abgesehen von Japan: Es ist kaum zu erwarten, dass Lena Meyer-Landrut ihren letztjährigen Erfolg mit "Taken by a Stranger" wiederholen kann. Alles andere wäre ein außergewöhnlicher Zufall.

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1.
Edelweiß 04.04.2011
Zitat von sysopAlt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während*die Radioaktivität in*Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande*gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754338,00.html
Meine Stresstoleranz ist schon ziemlich hoch, sonst würde ich mich über einen so sinnlosen Artikel aufregen. Aber ich glaub, ich hab's verstanden: der Artikel ist vermutlich nur als Einstieg ins Stresstoleranz-Training gedacht.
2. Normal war vorgestern.
Eurorider, 04.04.2011
Zitat von sysopAlt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während*die Radioaktivität in*Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande*gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754338,00.html
Schaut man sich die geographische Verteilung der AKW´s in der Welt an, so wird schnell klar wo es allein aufgrund der hohen Dichte zu einer grossen Wahrscheinlichkeit eines nächsten Unfalls kommen kann. Dies ist die Ostküste der USA, Japan und Mitteleuropa. Die Auswirkungen des Unfalls in Japan auf ein hoch industrialisiertes, dicht besiedeltes Land können frühestens in einem halben Jahr abgeschätzt werden, wenn bis dahin der Austritt von Strahlung halbwegs unter Kontrolle sein sollte. Nach Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima braucht´s eigentlich keinen vierten Unfall dieses Ausmasses mehr, um die Gefahren die auch bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft auftreten, erkennen zu können. In zwei Bundesländern die Grünen zu wählen und den Fall damit für abgschlossen zu erklären wäre sträflich. Wir brauchen europaweit eine Energiewende. Man muss die Ursachen einer Atomkatatstrophe nicht voll umfänglich verstehen, wie auch bei der Finanzkrise, um zumindest die Auswirkungen auf sein privates Leben begreifen zu können. Normal war vorgestern.
3. Nein, keinen Titel....
Hador, 04.04.2011
Zitat von sysopAlt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während*die Radioaktivität in*Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande*gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754338,00.html
Und was ist jetzt genau der Sinn dieses Artikels? Es ist doch völlig normal, dass irgendwann auch mal wieder andere Themen in den Vordergrund treten. Natürlich ist das was in Japan, auch jetzt noch passiert immer noch schlimm, aber was sollen wir denn machen? Soll die ARD weiterhin jeden Tag einen Brennpunkt darüber bringen bis die Lage dort vielleicht in ein paar Monaten irgendwann halbwegs stabil ist? Auch wenn es gar nichts tagesaktuelles mehr git. Will SPON weiterhin einen Liveticker schalten...auf dem dann halt mangels neuer Entwicklungen nur noch Allgemeinplätze erscheinen? Das selbst hochbrisante Themen, wenn sie sich lange hinziehen irgendwann in den Hintergrund treten ist vielleicht nicht toll, aber es ist menschlich. Ein gewisser Gewöhnungseffekt tritt halt leider immer ein. Eine Lösung bietet da auch dieser Artikel nicht, also wo liegt der Sinn?
4. Die üblichen Verdächtigen
gsm900, 04.04.2011
Zitat von sysopAlt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während*die Radioaktivität in*Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande*gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754338,00.html
kämpfen jetzt gene Stromtrassen, jedenfalls in Nordhessen,
5. Kein Wunder.
Geziefer 04.04.2011
Zitat von sysopAlt-Meiler abgeschaltet, zur Anti-AKW-Demo marschiert, Grüne gewählt: Während*die Radioaktivität in*Japan fast tägliche neue Rekordwerte erreicht, ist die Katastrophe hierzulande*gefühlt schon fast vorbei, weil bereits verarbeitet. Jetzt müssen wir nur noch unsere Stresstoleranz erhöhen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754338,00.html
Verarbeitet ist überhaupt noch nichts. Allerdings hat Erschöpfung nach dem medialen Dauerbeschuss eingesetzt. Es ist wie mit der Radioaktivität. Sie lähmt und schwächt das Leben.
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AKW in Japan

Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.

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