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Alltagskultur in der DDR: Zäune statt Mauern

Von Tanja Dückers

Zwei Kulturwissenschaftlerinnen aus dem Westen entdeckten in den liebevoll gestalteten Gartenzäunen des Ostens eine Alltagskultur, mit der die DDR-Bürger auch politische Gegebenheiten reflektierten. Das ungewöhnliche Projekt "Zaunwelten" wird jetzt in Berlin ausgestellt.

Man kann es als berufliche Deformation oder als zielsicheren Blick fürs Detail auffassen: Majken Rehder und Nicole Andries - zwei junge Kulturwissenschaftlerinnen aus den alten Bundesländern - reisten monatelang in der ehemaligen DDR herum und ließen sich die Zäune, mit denen DDR-Bürger ihr Eigenheim umgeben haben, zur Augenweide werden. Was verwunderte: Kein Zaun glich dem anderen. Da fiel ein Gartenzaun auf, in dessen Muster ein gestanztes W zu erkennen ist. Der stolze Besitzer erklärte: "Der Zaun, das ist eine Liebeserklärung an meine Frau. Die runden Teller, die da mit eingeschweißt sind, die Ausstanzteile, die hab ich in Form eines W eingesetzt, weil meine Frau Wanda heißt." Andere Gartenzäune - in der DDR immer Marke Eigenbau - haben Hammer und Sichel, Initialen, Jahreszahlen, Blumen- oder Tiermotive als Zierelemente integriert. Sie wurden aus Industrieschrott - Moniereisen, Zahnräder, Kastenprofile, Plastikschwimmkugeln und Bremsscheiben von Flugzeugrädern - in monatelanger Arbeit gefertigt und stellen eine kreative Antwort der Bevölkerung auf den allgegenwärtigen Mangel an Waren dar. Diese "Privatproduktion" war Teil einer Eigenheimkultur, die trotz oder gerade wegen des staatlichen Programms zur Vergesellschaftung des Bodens florierte.

Kein Zufall, sondern Zaunkultur

Andries und Rehder bemerkten bald, dass sie nicht nur zufällig ein paar Prachtexemplare der DDR-Heimwerkerkunst entdeckt hatten, sondern dass in den neuen Bundesländern vor der Wende eine wahre Zaunkultur entstanden ist. Gespräche mit den Eigenheimbewohnern - gern am Zauntor - machten den beiden Retro-Ästhetikerinnen deutlich, dass das Thema sowohl Aspekte der DDR-Alltagskultur als auch der "großen" Geschichte berührt. Die Zaun-Erbauer redeten von der DDR als einem "Land der Zäune" mit "Grenzen und Zäunen rund um dein Leben", sie sprachen über ihre Haltung zur Mauer (manche haben sie verflucht, andere aber auch verteidigt), von den Materialbeschaffungsnöten und vom Wunsch nach individuellem Wohnen und Leben jenseits der allgegenwärtigen Platte.

Eine Maschinenschlosserin meinte: "Ich wollte immer einen Zaun haben, den keiner hat. Denn die Zäune wiederholten sich ja bei manchen und dann hat einer das nachgemacht und dann der nächste und so weiter. Man möchte nicht anders sein als andere, aber mal was anderes haben als die anderen."

Für eine Erzieherin signalisierte ihr Gartenzaun: "Hier ist mein Zuhause! Hier ist mein Reich, und hier gestalte ich mein Leben, wie ich das für richtig befinde!"

Die Mehrzahl der Bewohner möchte sich jedoch nicht in erster Linie abgrenzen, sondern innerhalb der aufgezwungenen Gleichheit auffällige Signale setzen. Zäune als Ornamente, Schmuckstücke, die betonen und nicht verstecken: keine Mauern. Nicht umsonst ist die vielleicht berühmteste "Zaun-Arbeit" der Welt, Christos "Running Fence": ein wehender "Zaun" aus rotem Stoff, der die kalifornische Wüste, in der er das Nichts vom Nichts absetzt, eher zelebriert als parzelliert.

Ungehinderter Blick in die Privatsphäre

Den beiden Wissenschaftlerinnen fiel auf, dass die Mehrzahl der Gartenzäune einen fast ungehinderten Blick in die Privatsphäre dahinter zulässt. Die Freizügigkeit in der Körperkultur schien sich hier zu wiederholen. Meterhohe dichte Hecken und andere hermetisch abriegelnde Maßnahmen begegneten ihnen viel seltener als in den alten Bundesländern. Vielmehr stellten die selbst geschmiedeten, niedrigen Gartenzäune eine semipermeable Grenze dar, oft eher eine Ein- als eine Ausladung. Einem KFZ-Schlosser war gerade diese Transparenz wichtig: "Für meine Begriffe ist ein Zaun ein Aushängeschild, man sieht erst den Zaun und dann das Haus."

Es gelang Andries und Rehder, das Vertrauen der Eigenheimbewohner zu gewinnen. Sie wurden zu Kuchen und Tee eingeladen, bekamen Fotos, Familienalben, Gartenzwerge und Hollywoodschaukeln zu sehen. Noch ohne Sponsoren, aber mit viel Idealismus, begannen die beiden, Interviews mit den Zeitzeugen zu führen und Bilder zu machen. Anfänglich mussten sie fast jede freie Minute opfern, um weiter auf Zaun-Entdeckungsreise gehen zu können. Außerdem mussten sie, wie Rehder sagt, bei offiziellen Institutionen immer wieder "Überzeugungsarbeit" dafür leisten, dass es sich bei der nun vollendeten "Zaunwelten"-Ausstellung um ein ernstzunehmendes Projekt handelte.

Im Zuge einer Ausschreibung des Vereins Kulturland Brandenburg mit dem Themenschwerpunkt "Schlösser und Gärten" bekamen sie schließlich eine erste Förderung. Zu Gärten gehören nun einmal auch Zäune. Als nächstes fand die Gewerkschaft ver.di Gefallen an dem ungewöhnlichen Projekt, das auf seine Weise Aspekte der Alltagskultur und Mentalitätsgeschichte meist einfacher Arbeiter dokumentiert, und trat als Sponsor auf. Es folgte der Hauptstadtkulturfonds.

Als die "Zaunwelten", wie Rehder schmunzelnd sagt, "eine ernstzunehmende Größe" entwickelt hatten, interessierten sich auch Institutionen wie das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Leipzig oder jüngst das Museum für Kommunikation Berlin dafür.

Man merkt der Ausstellung, die dort am 9. November eröffnet wurde, an: Hier sind zwei Wissenschaftlerinnen mit ernsthaftem Interesse an Alltags- und Erinnerungskultur am Werk, keine westdeutschen Club-Designerinnen auf der Suche nach dem letzten Schrei. Rehder hat die Uni mit einer Arbeit über "Massentourismus und Knipserfotografie" abgeschlossen, Andries ihren Magister mit "Inszenierungen von Erinnerungen in Gedächtnisräumen" über den russischen Installationskünstler Ilya Kabakov gemacht.

Junge Künstler deuten Zäune

Trotz ihres bildhaften Sujets ist die Schau recht textlastig: Den in dokumentarischer Strenge gehaltenen Zaun-Bildern stehen die abgetippten Gespräche mit ihren Hobby-Konstrukteuren gegenüber. Das Augenmerk, das auf Details gelegt wird, zeugt eher von Einfühlung in die Lebenswelt der Heimwerker als vom distanziert-amüsierten Wessi-Touristen-Blick. Andries ist schon 1989 in den Osten gezogen, zu einer Zeit, als andere Studenten sich noch nicht vorstellen konnten, ohne Telefon zu wohnen. Rehder folgte nicht lange danach.

Für das Berliner Museum für Kommunikation haben die beiden das "Zaunwelten"-Konzept noch um eine künstlerische Stellungnahme erweitert: Per deutschlandweiter Ausschreibung wurden bildende Künstler eingeladen, Arbeiten zum Themenkomplex "Zaun und Abgrenzung" einzureichen. Während die Zeitzeugen im ersten Teil der Ausstellung eher der älteren Generation angehören, wird nun das Thema von den Jüngeren künstlerisch reflektiert. Grenzlinien treten plötzlich viel weniger als Akzentuierung des Privaten oder Individuellen denn als Netzwerke, als allumfassende Verbindungslinien oder als Einsamkeit produzierende Narben und Nähte auf.

So zitiert die Künstlerin Senne Simon mit den Versen "als ob es tausend Stäbe gäb/ und hinter tausend Stäben keine Welt" das berühmte Rilke-Gedicht "Der Panther". Bei Ina Geißler und Gerard Jenssen wiederum werden abstrakte Raum-Linien-Labyrinthe entworfen, die von postmoderner Unübersichtlichkeit zeugen; Eveline Mooibroek spricht euphemistisch von "Raumteilung, Raumvervielfältigung". Die Künstlergruppe MARVA hingegen hat - ganz realpolitisch agierend - eine Gruppe Langzeitarbeitsloser in Mecklenburg-Vorpommern gebeten, T-Shirts mit Motiven von Mauern, Zäunen und Stacheldrähten zu besticken. Auch Jens Robert Koko Bi bezieht sich auf die, die vor oder hinter dem Zaun - je nach Perspektive - stehen: "Les Deportés" heißt seine Holz-Installation mit anthropomorphen Gebilden und zusammen geschobenen Häusern. "Jede Abgrenzung verringert das Wohl", ist sein Statement zur strittigen Thematik.

Andries und Rehder hoffen nun, dass die Ausstellung nach Berlin noch durch weitere Städte touren wird. "Da wir versucht haben, den Transformationsprozess zwischen Ost und West ein klein wenig positiv mitzugestalten, ist natürlich der Westen als Ausstellungsplattform für uns von besonderem Interesse. Denn in dem kleinen Mikrokosmos der Privatparadiese des Ostens werden sich viele Wessis mit ihren Gepflogenheiten sicher auch wieder erkennen - und vielleicht ein bisschen mehr Verständnis aufbringen für den 'komischen Ossi'."


Ausstellung "Zaunwelten": Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin; bis 8. Januar 2006


Das Buch "DDR-Zaunwelten, Zäune und Zeitzeugen - Geschichten zur Alltagskultur der DDR" von Nicole Andries/Majken Rehder ist im Jonas Verlag, Marburg erschienen; 78 Seiten, 10 Euro


Zur Ausstellung gibt es das Memory-Spiel: "Auch Sie erinnern sich!"; 40 x 2 farbige Zaunmotive, Sankt Oberholz Verlag, Berlin 2004, 14,80 Euro

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