Heidelberger Stückemarkt: Ein Freund, ein guter Freund

Von Tobias Becker

Heidelberger Stückemarkt: Provinz voll Leben Fotos
Florian Merdes

Ein Porträt jener Anfang-30-Jährigen, die ihre Provinzheimat verlassen, um in einer neuen Stadt ihr Glück zu suchen: In Thomas Arzts "Alpenvorland" stehen sieben Jugendfreunde im Mittelpunkt - jetzt eröffnet es den Heidelberger Stückemarkt.

Heidi und Hannes haben sich ihre Zukunft so schön ausgemalt: Heidi geht ins Büro, Hannes geht in die Uni, und wenn sie Feierabend haben, trinken sie gemeinsam ein gutes Glas Rotwein in ihrem Eigenheim, gebaut in dem Provinzkaff, in dem sie mit ihren Freunden ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Bloß: Heidi und Hannes mögen gar keinen Rotwein.

Es ist nicht der einzige Denkfehler in den Zukunftsplänen, die Heidi und Hannes in "Alpenvorland" schmieden, dem Heimatstück, mit dem der Österreicher Thomas Arzt, 30, im vergangenen Jahr den Heidelberger Stückemarkt gewonnen hat.

Das Paar hat fünf ihrer Jugendfreunde, alle Anfang 30, zu einer Grillparty auf das Baugrundstück eingeladen. Der Grundriss des geplanten Hauses ist bereits abgesteckt, nun soll der Grundstein gelegt werden. Der Grundstein fürs Eigenheim. Und der Grundstein fürs eigene, fürs erwachsene Leben. Doch wie erwachsen sind die Sieben wirklich? Und wie erwachsen wollen sie sein? Vroni und Bimbo zum Beispiel sind ein Paar, schwanger ist Vroni aber nicht von Bimbo, sondern von Moritz oder vielleicht auch von Alf. Was Bimbo nicht weiter stört, weil er gar nicht in Vroni verliebt ist, sondern in Heidi. Kurzum: Ihre Freundschaft ist ein wackeliges Fundament.

Die Uraufführung von "Alpenvorland" ging am Samstag in Linz über die Bühne, die deutsche Erstaufführung folgt am Freitag in Heidelberg. Der Regisseur Jens Poth eröffnet mit ihr den diesjährigen Stückemarkt. Es ist die 30. Ausgabe des renommierten Festivals, ein kleines Jubiläum.

Auch der Regisseur ist ein Landkind

Poth hat bewusst darauf verzichtet, sich die positiv besprochene Uraufführung in Linz anzuschauen, um sich nicht verunsichern zu lassen: "Am Ende gefällt mir die Inszenierung noch", sagt er und lacht. "Es gibt Inszenierungen, die ich so gut finde, dass ich das Stück gar nicht mehr selbst inszenieren mag."

Das Stück von Arzt mag er vor allem wegen seines "subtilen und doch deutlich vorhandenen Humors". Auch mit dem Thema kann er sich identifizieren: "Ich bin zwar schon 40, also etwas älter als die Menschen im Stück, aber ich bin auch so ein Landkind. Ich bin in Ostwestfalen aufgewachsen und habe vieles wiederentdeckt." Zurück im Provinzkaff, falle jeder der Freunde wieder in seine alte Rolle; jeder erfülle die Erwartungen, die die anderen an ihn stellen. Und: Jeder hüte sich davor, die Situation eskalieren zu lassen, weil er den Halt der Gruppe nicht verlieren wolle. So fragwürdig dieser Halt auch sein möge.

Thomas Arzt hat ein Porträt all der Anfang-30-Jährigen geschrieben, die ihre Provinzheimat verlassen haben, um ihr Glück in Städten wie Berlin oder Hamburg, München oder Wien zu suchen. Oder die zumindest davon geträumt haben, ihre Provinzheimat zu verlassen. So klar ist das im Stück nicht. Arzt lässt die Figuren in einem Kunstdialekt klassische Ein-Satz-Dialoge sprechen, durchsetzt diese Dialoge aber mit inneren Wutmonologen und versponnenen Songtexten. Manchen Kritiker hat dieser Stil an Arthur Schnitzler erinnert oder an Ödön von Horváth oder an Thomas Bernhard. Der Regisseur Poth denkt auch an Bollywood-Filme, in denen sich aus einer naturalistischen Szene heraus plötzlich eine Gesangseinlage entwickelt. Eine Technik, die den Naturalismus unterläuft.

Wer wird der Nachfolger von Thomas Arzt?

Beim Heidelberger Stückemarkt ist "Alpenvorland" einer der Höhepunkte des an Höhepunkten reichen Programms: Das Staatstheater Stuttgart zum Beispiel gastiert mit "Stallerhof/ 3D" von Franz Xaver Kroetz und Stephan Kaluza (inszeniert von Stephan Kimmig), das Konzert Theater Bern mit Philipp Löhles "Trilogie der Träumer" (inszeniert von Jan-Christoph Gockel) und das Performance-Kollektiv Monster Truck mit der gefeierten Produktion "Dschingis Khan", in der drei Menschen mit Down-Syndrom, früher "mongoloid" genannt, als Mongolen auftreten. Dazu kommen Inszenierungen aus dem Gastland Griechenland. Und natürlich die Wettbewerbs-Lesungen um den mit 10.000 Euro dotierten Autorenpreis. Gesucht wird der Nachfolger von Thomas Arzt.

Nominiert sind sieben Stücke, ausgewählt aus 89 Einsendungen. Mit dabei ist das Stück "Die Hölle ist auch nur eine Sauna", geschrieben von Katja Brunner, 22. Sie ist die jüngste im Teilnehmerfeld, mit großem Abstand, und doch ist sie eine der bislang erfolgreichsten, wenn nicht gar die erfolgreichste Autorin. Mit ihrem Missbrauchs-Stück "Von den Beinen zu kurz", uraufgeführt in Zürich und verstörend gut nachgespielt in Hannover, ist sie auch nominiert für den Mülheimer Dramatikerpreis, der Ende Mai vergeben wird.

Es könnte Katja Brunners Frühjahr werden.


Heidelberger Stückemarkt. Eröffnung am Freitag, 26. April, um 19 Uhr im Zwinger 3, Premiere des Vorjahresgewinners "Alpenvorland" um 20 Uhr im Zwinger 1, dort im Anschluss Eröffnungsparty. Programm mit hochkarätigen Gastspielen bis 5. Mai, Kartentelefon 06221/582 00 00.

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1. Toll
Presse_Kritik 24.04.2013
Das Stück von Thomas Arzt ist toll. Es geht um Geschlechtsverkehr und andere Banalitäten. Nein, nicht nur wegen seines "subtilen und doch deutlich vorhandenen Humors" haut's einen geradewegs aus den Socken, er überascht auch mit wunderbarer Namenskomik und Rafinesse. Danke SPON- Redakteur für diesen hervorragenden Artikel.
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