Alphamädchen Meredith Haaf "Sexyness ist so unwichtig"

"Cool" soll der neue Feminismus sein, den Meredith Haaf in ihrem Buch "Alphamädchen" vertritt. Und Spaß machen soll er auch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plädiert die Autorin für fairere Pornofilme und rät jungen Frauen, sich nicht auf ihren Körper zu reduzieren.


SPIEGEL ONLINE: Frau Haaf, Sie vertreten einen "jungen" und "coolen" Feminismus. Was darf man sich darunter vorstellen?

Haaf: Zunächst mal sind wir relativ ideologiebefreit, das heißt wir stellen keine Regeln auf. Deshalb wird uns auch manchmal vorgeworfen: 'Ihr seid ja gar keine richtigen Feministinnen.' Doch diese Kämpfe um Deutungshoheit wollen wir einfach nicht führen. Wir wollen auch nicht gegen die Männer arbeiten, sondern mit ihnen zusammen. Das Coole drückt sich darin aus, dass uns Feminismus Spaß macht, dass wir uns mit interessanten Themen beschäftigen, dass wir locker damit umgehen und nicht bei jedem Scheiß gleich auf die Barrikaden steigen. Allerdings gibt es natürlich auch Dinge, da kann man gar nicht locker bleiben, die machen wütend. Aber ich finde, dass durchdachter Zorn cooler ist, als keine Meinung zu haben.

"Alphamädchen" Haaf: "Wir steigen nicht bei jedem Scheiß gleich auf die Barrikaden"
Stephanie Füssenich

"Alphamädchen" Haaf: "Wir steigen nicht bei jedem Scheiß gleich auf die Barrikaden"

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie wütend?

Haaf: Gewalt gegen Frauen, Sexismus in der Werbung, diese ganzen Geschlechterklischees. Da gibt es einiges. Was ich auch schlimm finde, ist, wie Medien für Frauen gemacht werden. In den klassischen Frauenzeitschriften geht es in erster Linie darum, sich einen Mann zu kapern. Den perfekten Blowjob will man als Frau nur können, damit der Mann möglichst lange bei einem bleibt, und ansonsten interessiert man sich für Schuhe und Zellulite. Politische Themen kommen so gut wie nie vor.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja aber auch "Emma", die Zeitschrift für Feminismus.

Haaf: Ja, schon. Ich fänd's aber gut, wenn es nicht dabei bliebe. Was die bei der "Emma" machen, ist gut und wichtig. Aber die "Emma" macht nicht sehr viel Spaß und jung ist sie auch nicht unbedingt. Ich weiß auch, dass es nicht die Lösung ist, ein rein politisches Blatt zu machen. Ehrlich gesagt, schaue ich mir auch ganz gerne mal Celebrity-Geschichten an. Ernste und flockige Themen lassen sich bestimmt auch vereinen.

SPIEGEL ONLINE: In der deutschen Frauenbewegung gibt es eine klare Ablehnung von Pornografie. Im Herbst letzten Jahres hat die "Emma" ihre dritte Anti-Porno-Kampagne gestartet.

Haaf: In der feministischen Pornografiedebatte ist der Mann ein Übeltäter und Pornografie dient seiner Sadismusbefriedigung.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch Ihre Haltung?

Haaf: Ich finde, vor allem sollte man sich damit auseinandersetzen und Pornografie nicht pauschal verurteilen. Ich bin eigentlich ein sehr rationaler Mensch und auch ein bisschen prüde. Wenn ich mich mit Pornografie beschäftige, konfrontiere ich mich mit meiner eigenen Verklemmtheit. Ich kann das anderen Leuten nur empfehlen, denn indem man auf der rationalen Ebene Tabus bricht, kann man sie auch im eigenen Bett brechen. Dadurch wird der Sex besser und das Leben auch. Aber Pornografie hat natürlich ihre Schattenseiten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Haaf: Was es an Filmen und Bildern gibt, ist meist für Männer gemacht und bedient männliche Phantasien. Ich sehe mir selbst gerne erotische Bilder an, Filme nicht. Die Storys sind schlecht, die Handlungsabläufe ermüdend, die Praktiken extrem. Ich glaube, das geht besser.

SPIEGEL ONLINE: Und wie?

Haaf: Man muss garantieren, dass die Produktionsbedingungen besser werden. Das ist mein größter Kritikpunkt. Ich habe die Hoffnung, dass sich in der Pornobranche eine ähnliche Entwicklung wie beim Ökoessen und bei Kleidung durchsetzt. Irgendwann wird es eine Art fairen Porno auf dem Markt geben, der mehr kostet, aber dafür ein gutes Gewissen macht. Was die schlechten Storys betrifft: Da braucht es junge coole Filmemacher, die sagen: 'Das machen wir jetzt mal anders.'

SPIEGEL ONLINE: Feministinnen kritisieren Pornografie, weil Frauen darin zu Objekten werden. Sie auch?

Haaf: Mein Gott, so ein bisschen gehört es halt auch dazu. Wenn ich mit meinem Mann ins Bett gehe und Bock auf ihn habe, wird er dadurch in gewisser Weise zum Objekt meiner Begierde – und gleichzeitig liebe ich ihn als Subjekt. Problematisch wird es nur, wenn Menschen darauf reduziert werden, wenn Pornos auf die Realität übertragen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was bekommen Sie für Reaktionen, wenn Sie erwähnen, dass Sie Feministin sind?

Haaf: Oft wird es mit Respekt aufgenommen. Wenn wir Probleme bekommen, dann meist im Internet, in unserem Blog. Da kommt oft die Hässlichkeitskeule und die Leute behaupten, wir seien verkrampft, frustriert, unweiblich, konservativ.

SPIEGEL ONLINE: Wieso konservativ?

Haaf: Zum Beispiel wenn wir Werbung kritisieren, die mit nackten Frauenpopos Produkte verkaufen will. Angeblich ist es ja so wahnsinnig subversiv, nackte Haut zu zeigen. Dabei ist das alles andere als subversiv. Das ist mittlerweile absoluter Mainstream. Für Hühnerkeulen wird mit Titten geworben, für eine Fluggesellschaft mit nackten Beinen. Ich habe nichts gegen Lippenstift oder körperbetonte Kleidung. Aber ich finde es total traurig, wenn sich Frauen nur über ihren Körper definieren. Schlimm ist das vor allem im Internet, wo man leider feststellen muss, dass Männer politisch bloggen und Frauen sich wenig bekleidet bei Facebook oder MySpace präsentieren. Es geht vielen Frauen nur darum, möglichst viel über ihre Sexyness auszusagen. Und Sexyness ist so unwichtig.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem werben Sie und Ihre Mitstreiterinnen damit, dass Ihre Art von Feminismus sexy sei. Ist das kein Widerspruch?

Haaf: Wenn man in einer Gesellschaft etwas erreichen will, die nach diesen Kategorien urteilt, kann man das nicht komplett ignorieren. Sexy zu sein macht ja auch Spaß, aber ist nicht existenziell. Doch weil das Thema anspricht, kann man es nicht ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Sexyness als Lockmittel?

Haaf: Ja, genau. Aber wenn das Einzige, was du über dich aussagen willst, ist, dass du eine erotische Ausstrahlung hast, ist das sehr wenig. Frauen sind Jahrtausende auf ihr Äußeres reduziert worden und wenn sie sich dann auch noch selber darauf reduzieren, ist das ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren sind biologistische Erklärungsansätze groß in Mode gekommen. Geschlechterklischees werden naturwissenschaftlich begründet und damit in Stein gehauen: Männer sind aggressiver, weil sie in der Steinzeit jagen gehen mussten, Frauen zum Muttersein geboren.

Haaf: Das ist der übelste Determinismus, wir müssen uns davon frei machen. Vor ein paar hundert Jahren hat man uns in der Aufklärung unsere Freiheit erkämpft. Indem wir uns auf unsere Hormone reduzieren, nehmen wir uns die ganze schöne Freiheit und begeben uns in die absolute Fremdbestimmung.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch richtet sich in erster Linie an Mädchen und junge Frauen. Was ist die wichtigste Botschaft?

Haaf: Dass wir relativ weit gekommen sind, aber noch nicht weit genug. Dass es wichtig ist, sich in Debatten einzuschalten. Dass wir aufhören müssen, uns nur als einzelner Mensch mit unseren Problemen zu sehen. Oft steckt dahinter etwas Strukturelles. Zum Beispiel bin ich erst 24 und habe schon unzählige Gespräche mit Freundinnen gehabt, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. Wir wollen Kinder haben. Aber wir sind auch so erzogen worden, dass wir im Leben etwas erreichen und finanziell unabhängig bleiben wollen. Es sind aber vor allem strukturelle Hindernisse, die uns das schwer machen. Und um die zu verändern, müssen wir uns vernetzen.

Das Interview führte Anke Lübbert


Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl: "Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht". Hoffmann & Campe, 256 Seiten, 19,95 Euro



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