Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Alt-Linke Jutta Ditfurth: "Grünen-Wähler wollen getäuscht werden"

2. Teil: "Die Grünen sind die Partei der verrohenden Mittelschicht."

Grünen-Kritikerin Ditfurth: Eine Ex rechnet ab Fotos
Kurt Steinhausen

SPIEGEL ONLINE: Nach all den Jahren in Regierungsverantwortung und obwohl sie allen radikalen Tendenzen abgeschworen haben: Wieso gelten die Grünen heute wieder als Protestpartei?

Ditfurth: Die Täuschung irgendwie "anders" zu sein gelingt nur, weil die heutigen grünen Wähler getäuscht werden wollen und selber täuschen. Die Grünen sind die Partei der gehobenen und auch der verrohenden Mittelschicht. Man attestiert sich wechselseitig ein alternatives Image. Mittvierziger in gutbezahlter Position mit zwei Kindern, Eigenheim, Vermögen, Aktien und regelmäßigen Flugreisen, die die Grünen wählen, weil sie schick sind, werden sich von mir nicht davon überzeugen lassen, dass die Grünen keine soziale Partei sind, weil sie das gar nicht interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Aber in der Bildungspolitik behandeln die Grünen die soziale Frage doch. In Hamburg haben sie versucht, das längere gemeinsame Lernen - statt 4 Jahren 6 Jahre Grundschule - durchzusetzen. Auch wenn sie gescheitert sind, haben sie sich damit nicht-elitär verhalten.

Ditfurth: Deutschland ist im europäischen Vergleich in vielen Fragen ja wirklich rückständig. Sechs Jahre sind besser als vier, aber die Zweiklassenschule sollte in Hamburg erhalten bleiben - die GAL hat das mitgetragen. Menschen, die weniger Geld haben - Hartz-IV-Bezieher, viele Migranten, die untere Mittelschicht - die wissen genau, dass die Grünen von ihrer Welt unendlich weit entfernt sind. Sie haben sich ja in Hamburg mehrheitlich nicht mal an dem Volksbegehren zur Schulreform beteiligt!

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Grünen so sind, wie Sie es behaupten, müssten sich Menschen, die sich für Klimaschutz und gegen AKW engagieren, mit Grausen abwenden. Dennoch treten jedes Jahr Menschen ein, die eine ökologische Politik machen wollen.

Ditfurth: Weil sie unter Ökologie nichts anderes mehr verstehen als verdünnte Vorstellungen von Klimaschutz. Aber an die Wurzel der Mensch und Natur zerstörenden Produktionsverhältnisse gehen sie nicht ran. Grüne und ihre Wähler interessieren sich heute weder für die Produktionsabläufe, noch für die Rohstoffbeschaffung in aller Welt oder für den Giftmüllexport. Die Dominanz des Autoverkehrs haben sie akzeptiert und die Privatisierung der Bahn, die Voraussetzung des derzeitigen Bahndesasters, haben die Grünen im Bundestag mitbeschlossen. Es geht heute bei grüner Umweltpolitik nur noch um das eigene Essen, Ökoklamotten, getrennte Müllsammlung, kein Pestizid im eigenen Vorgarten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen über die Grünen, dass sie von einer pazifistischen zu einer Kriegspartei geworden sind. Dem Bundesvorsitzenden Cem Özdemir werfen Sie gar vor, er laufe "an der Leine der USA".

Ditfurth: Özdemir war 2002 nach der Bonusmeilen-Affäre und dem Skandal um einen Privatkredit, den er von dem PR-Berater Hunzinger bekommen hatte, eine Zeitlang aus der deutschen Öffentlichkeit verschwunden. Er war in den USA, gefördert vom German Marshall Fund, und hat eine Art Zusatzausbildung gemacht. Danach folgte der steile politische Aufstieg - und plötzlich sitzt er in allen möglichen Gremien, die immer etwas damit zu tun haben, wie sich Europa und Deutschland zu den USA verhalten. Im Oktober 2010 veröffentlichte Wikileaks rund 400.000 Geheimdokumente zum Irak-Krieg. Das fand Cem Özdemir ethisch bedenklich. Aber die Grünen waren mal für Transparenz!

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Verschwörungstheorie.

Ditfurth: Ich habe die Einflussnahme der US-Regierung auf hiesige Politiker ja selbst erlebt: Als ich Bundesvorsitzende der Grünen war, wollte das US State Department Kontakt zu mir aufnehmen. Ich sagte: kein Interesse. Bei meiner Vortragsreise 1987 durch die USA haben sie es trotzdem versucht. In der Georgetown University in Washington stand ich plötzlich vor einem geladenen Publikum - darunter jede Menge Uniformträger und CIA-Mitarbeiter. Wir haben uns lautstark gestritten - ein ehemaliger Stadtkommandant von Berlin brüllte los: "Wenn wir gewollt hätten, hätte es die Grünen nie gegeben!" Mein Gastgeber von der Universität versuchte nach der Veranstaltung, mich dazu zu überreden, an einer Studie über die Grünen mitzuschreiben. Da hätten auch schon andere Grüne zugesagt - "gute Freunde" wie Otto Schily und Lukas Beckmann.

SPIEGEL ONLINE: Sie greifen die Doppelbödigkeit der Grünen an - aber der Partei geht es in Regierungsverantwortung doch nicht anders als anderen: Sie müssen sich mit Haushaltsnöten herumschlagen, mit Koalitionspartnern und bestehenden Verträgen. In Hamburg etwa musste die GAL nach der Wahl 2008 feststellen, dass sie Vattenfall den Bau eines Kohlekraftwerks in Moorburg nicht untersagen kann, solange sich Vattenfall an die Emissionsvorschriften hält. Warum erkennen Sie solche Sachzwänge nicht an?

Ditfurth: Es gibt keine Sachen die einen zu etwas zwingen, es sind immer Interessen. Und in Hamburg werden die Grünen ja wohl vorher gewusst haben, dass Moorburg auf juristische Weise schwer zu verhindern ist. Alle Parteien machen ihren Wählern was vor, aber es gibt keine Partei, die eine so grandiose Differenz zwischen ihrem Image und ihrer Realität hat.

Das Interview führte Christoph Twickel

Jutta Ditfurth: Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen, Berlin: Rotbuch Verlag, 288 S., Euro 14,95.

Buchvorstellung: 20. Februar, 18 Uhr, Hebbel am Ufer, Stresemannstraße 29, Berlin

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 527 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nüchtern betrachtet
rempfi, 20.02.2011
hat Jutta Dittfurth recht. Realistisch betrachtet bleiben Zugeständnisse unumgehbar. Trotzdem, der Part zu S21 war interessant und Frau Dittfurth hat Recht. Was wäre wohl geschehen, wenn Kretschmann das Zugeständnis nicht gemacht hätte ? Eigentlich sind wir Bürger doch riegeldoof, daß wir uns von Politikern vorführen lassen.
2. Treffene Analyse
reinhard_m, 20.02.2011
Zitat von sysopDie Grünen - eine Protestpartei?*Nicht für*Jutta Ditfurth. Die*Ex-Bundesvorsitzende greift ihre*früheren Weggefährten im SPIEGEL-ONLINE-Interview scharf an:*Sie seien zu neokonservativen*Weichspül-Ökos und Meister in der Kunst des Verrats verkommen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745943,00.html
Das hat Frau Ditfurth gut erkannt und treffend benannt. Die heutigen Grünen unterscheiden sich von den FDP-Neoliberalen nur dadurch, daß sie noch gerissener und gewissenloser sind und daß sie ihre Mitläufer noch besser im Griff haben und für dumm verkaufen können. Die naiven mittelalterlichen kleinbürglichen Muttchen, die heute "grün" wählen, weil sie "modern" sein wollen laufen nur ihrer längst verflogenen Jugend nach und fallen auf die Sprüche der raffinierten jetzt-grünen Politniks ebenso leichtgläubig herein wie auf die Heilsreklame-Versprechen nutzloser Faltencremes.
3. Liebe Jutta!
Friedelmaus 20.02.2011
Zitat von sysopDie Grünen - eine Protestpartei?*Nicht für*Jutta Ditfurth. Die*Ex-Bundesvorsitzende greift ihre*früheren Weggefährten im SPIEGEL-ONLINE-Interview scharf an:*Sie seien zu neokonservativen*Weichspül-Ökos und Meister in der Kunst des Verrats verkommen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745943,00.html
J. Ditfurth hat nie wahrhaben wollen, dass Politik die Kunst des Möglichen und des Kompromisses ist. Sie hat sich mit ihrer UnbedingtHeit, die ja irgendwie bewundernswert ist, leider in eine Isolation begeben. Das aber kann gefährlich werden; wenn sie weitere Enttäuschte um sich sammelt, die aus Frust zur Radikalisierung tendieren. "Wir haben nur das Beste für Alle gewollt!" Man kennt Beispiele. Friedelmaus
4. ...
felisconcolor 20.02.2011
Serh Interessant was Frau Ditfurth da von sich gibt. nur nicht wirklich neues. Wer als engagierter Bürger die Grünen ausgiebig beobachtet, wer ist schon wirklich gegen ökologisch sinnvolle Ideen, haben die Grünen keine wirklichen Ideen umgesetzt. (Wir erinnern uns: die unsägliche Einführung des Kat, nach der dann tausende von Fahrzeugen von jetzt auf nun zu unverkäuflichem Schrott wurden, verdanken wir Frau Merkel als Umweltministerin um nur mal ein Beispiel zu nennen) Das Wischi Waschi Gehabe eines Herrn Trittin war nichts wirklich umwerfendes. Ein Herr Gabriel musste Die Asse auf sich nehmen. Und und und. In sofern bestätigt sie nur meine Meinung. Aber "anpolitisierte" Mitbürger, wollen weiterhin an das Grüne Heilsversprechen glauben. Und sind doch nur Stimmvieh. Auch dieses Buch wird das wohl leider nicht richten.
5. Lange ersehnt...
Der Pinscher 20.02.2011
Zitat von sysopDie Grünen - eine Protestpartei?*Nicht für*Jutta Ditfurth. Die*Ex-Bundesvorsitzende greift ihre*früheren Weggefährten im SPIEGEL-ONLINE-Interview scharf an:*Sie seien zu neokonservativen*Weichspül-Ökos und Meister in der Kunst des Verrats verkommen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745943,00.html
... und heiß erwartet! Die "dicke Frau" und ihre Sprechblasen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

Jutta Ditfurth:
Krieg, Atom, Armut
Was sie reden, was sie tun: Die Grünen.

Rotbuch Verlag; 288 Seiten; 14,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Hamburg-Wahl 2011
Was und wie wurde gewählt?
Am 20. Februar wählten die Hamburger eine neue Bürgerschaft und in den sieben Hamburger Bezirken neue Bezirksversammlungen. Die Wahlen wurden nach einem personalisierten Verhältniswahlrecht durchgeführt. Deshalb erhielt jeder Wahlberechtigte vier Stimmzettel: einen gelben und einen roten Stimmzettel für die Bürgerschaftswahl und einen grünen und einen blauen Stimmzettel für die Wahl der jeweiligen Bezirksversammlung. Auf jedem Stimmzettel konnten die Wähler maximal fünf Stimmen abgeben – kumuliert (angehäuft auf eine Partei oder einen Kandidaten) oder panaschiert (verteilt).
Die Wahllokale waren am Wahlsonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet.
Wahl der Bürgerschaft
Die Hamburgische Bürgerschaft besteht in der Regel aus 121 gewählten Abgeordneten. Über deren Zusammensetzung wurde mit dem gelben und dem roten Stimmzettel entschieden: Der gelbe Landeslistenzettel führte die verschiedenen Parteien und Wählervereinigungen samt den von ihnen aufgestellten Kandidaten auf. Mit seinen fünf Stimmen auf dem gelben Wahlzettel beeinflusste der Wähler, welche Partei oder Wählervereinigung wie viele Sitze in der Bürgerschaft bekommt und in welcher Reihenfolge die Kandidaten der Gesamtliste der Partei oder Wählervereinigung in die Bürgerschaft einziehen. Wer hier sein Kreuzchen bei einer Partei allgemein machte, statt konkret einen Kandidaten zu wählen, votierte dafür, die auf die Partei entfallenden Mandate in der Reihenfolge zu vergeben, wie sie die Partei bei ihrer Kandidierendenliste aufgestellt hatte.
Mit dem roten Stimmzettel, auf dem die Kandidaten der verschiedenen Parteien sowie die Einzelbewerber für die Bürgerschaft stehen, bestimmte der Wähler mit, wer seinen Wahlkreis in der Bürgerschaft vertritt. 71 der 121 Abgeordneten wurden so direkt aus den 17 Hamburger Wahlkreisen in die Bürgerschaft gewählt; 50 Abgeordnete über die Landeslisten auf den gelben Wahlzetteln.
Wahl der Bezirksversammlungen
Hamburg ist in sieben Bezirke eingeteilt: Altona, Bergedorf, Eimsbüttel, Hamburg-Mitte, Hamburg-Nord, Harburg und Wandsbek, die je eine eigene Bezirksversammlung haben. Die Stimmzettel für die Wahlen zu den Bezirksversammlungen waren grün und blau.
Mit den fünf Stimmen auf dem grünen Stimmzettel beeinflusste der Wähler, welche Partei oder Wählervereinigung wie viele Sitze in der jeweiligen Bezirksversammlung bekommt und in welcher Reihenfolge die Kandidaten einer Partei dort einziehen.
Mit dem blauen Zettel wählten die Wähler ihre Kandidaten aus ihrem Wahlkreis direkt, unabhängig von deren Parteizugehörigkeit.
Warum gibt es zwei Wahlzettel pro Wahl?
Mit dem neuen Wahlrecht konnten die Bürgerinnen und Bürger von Hamburg einen unmittelbareren Einfluss auf die personelle Zusammensetzung der Bürgerschaft und der Bezirksversammlungen nehmen. Mit dem einen Wahlzettel wählten die Bürger ihre Kandidaten über Listen: Der gelbe Zettel für die Bürgerschaft enthielt die Landesliste, der grüne für die Bezirksversammlung die Bezirksliste. Auf diesen Stimmzetteln bestimmten die Wähler wie früher, wie stark welche Partei oder Wählervereinigung wird. In Hamburg bestand aber auch die Möglichkeit, Stimmen auf einer Landes- bzw. Bezirksliste auf bestimmte Kandidaten zu verteilen – unabhängig von deren Platz auf der Liste der Partei.
Auf dem zweiten Wahlzettel mit den Wahlkreislisten (rot für die Bürgerschaft, blau für die Bezirksversammlung) vergaben die Wähler ihre fünf Stimmen nur noch an Personen und nicht mehr an Gesamtlisten von Parteien. Diese Stimmzettel entscheiden darüber, welche Kandidaten einen Wahlkreis als Abgeordnete in der Bürgerschaft bzw. in der Bezirksversammlung direkt vertreten. In der Hamburgischen Bürgerschaft besetzen diese direkt gewählten Vertreter der 17 Wahlkreise 71 von 121 Sitzen.

Mehr zum Wahlsystem auf der überparteilichen Info-Website zur Hamburg-Wahl
Interaktive Grafik
Die Spitzenkandidaten der Hamburger Bürgerschaftswahl


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: