Altersfreigabe Die religiöse Verführung der jungen Potter-Fans

Um die Kritik des CSU-Politikers Benno Zierer an einer Freigabe des "Harry Potter"-Films für Kinder ab sechs Jahren hat sich eine hitzige Debatte entsponnen - obwohl sich eigentlich außer Zierer alle einig sind, dass der Fantasy-Film keinerlei okkulte Gefährdung darstellt.


Potter-Darsteller Radcliffe, Grint, Watson: Verführung zum Okkultismus?
Warner Bros.

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Die Warnung des Bundestagsabgeordneten Benno Zierer (CSU) vor der Wirkung des "Harry-Potter"-Films auf kleine Kinder ist am Dienstag auf heftigen Widerspruch getroffen. Zierer hatte in der "Bild"-Zeitung die Freigabe des Films für Kinder ab sechs Jahren kritisiert: "Für Sechsjährige ist so viel Okkultismus gefährlich. Sie sind religiös nicht gefestigt und glauben alles, was sie sehen." Dieser Ansicht widersprachen der Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags, Klaus Haupt (FDP), wie auch der Filmbeauftragte der Evangelischen Kirche, Werner Schneider-Quindeau.

Der christlich-soziale Politiker Zierer meinte: "Am besten wäre es, den Film in Deutschland nicht zu zeigen, bis wir wissen, welche Auswirkungen er in anderen Ländern hat." Er forderte Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin auf einzuschreiten. Die Sprecherin des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien sagte auf Anfrage, bevor man den Film nicht kenne, gebe es keinen Anlass zu reagieren. Zunächst gelte der Grundsatz der Kunstfreiheit.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Ingrid Fischbach sprach sich in der "Bild"-Zeitung dafür aus, dass die Kinderkommission des Parlaments entscheiden soll, ob sie "die für Kinder frei gegebenen Filme vorab sehen und bei Bedenken die Altersfreigabe beeinflussen können sollte".

"Völlig aberwitzig"

Der Vorsitzende der Kinderkommission, Haupt, wies den Vorschlag zurück. "Das wäre so, als würde man den Tierschutzbund aufrufen, gegen die Gebrüder Grimm einzuschreiten, weil sie den Wolf auf Rotkäppchen und die Großmutter loslassen." Der FDP-Politiker betonte: "Die Kinderkommission kann nicht, und ich persönlich will auch nicht, zur Filmbewertungskommission werden." Sie habe in erster Linie die Aufgabe, für kinderfreundliche Gesetze zu sorgen. Haupt sagte, er sehe auch nicht die von Zierer beschriebene Gefahr. Ein Film allein habe nicht entscheidenden Einfluss auf die Gedankenwelt der Kinder. "Außerdem ist ja auch der gesunde Einfluss der Erwachsenen da."

Richard Harris als Zauberer Dumbledore: Klar als Fantasy erkennbar
Warner Bros.

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Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat die Altersbeschränkung für den "Harry-Potter"-Film bereits am 29. Oktober festgelegt. Als nächste Altersstufe wäre nur eine Freigabe ab zwölf Jahren möglich gewesen. Die Entscheidung traf ein mit sieben Prüfern besetzter Ausschuss der FSK, in dem die Vertreterin der obersten Landesjugendschutzbehörden den Vorsitz hat. Die anderen Prüfer werden entsandt von der Film- und Videowirtschaft, vom Bundesfamilienministerium und den Kultusministerien der Länder, von den großen Kirchen und dem Bundesjugendring.

Der Filmbeauftragte der Evangelischen Kirche, Schneider-Quindeau, meinte, es wäre "völlig aberwitzig", wenn man den "Harry-Potter"-Film erst ab zwölf Jahren freigegeben hätte. Er selbst habe Kinder im Alter von acht und zehn Jahren und werde "selbstverständlich mit ihnen in den Film gehen". Der Film sei für Kinder klar als Fantasy zu erkennen. "Kinder können mit sechs sehr gut entscheiden, was Wirklichkeit ist."

Der Jugendschutzbeauftragte der Evangelischen Kirche, Bernd Merz, meinte, der Film "Harry Potter und der Stein der Weisen" sei ein "wunderbarer Anlass, Menschen für ein Thema zu begeistern". So könnten Lehrer die Diskussion nutzen, um das Thema Okkultismus im Unterricht durchzunehmen.



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