Altkanzler Schmidt zum 90.: Der deutsche Herbstmeister

Von Reinhard Mohr

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im Deutschen Herbst geißelten ihn Gegner als Technokraten - heute will das Land am liebsten einen wie ihn als Kanzler. Helmut Schmidt, der jetzt 90 wird, ist die rauchende Eminenz der Republik: arrogant, autoritär - und kaltschnäuzig.

Es gibt kein Entkommen. Praktisch niemand kann in diesen Tagen dem gerade noch 89-jährigen Altbundeskanzler entgehen, es sei denn, er würde sich in einer Erdhöhle vergraben. Die öffentliche Präsenz des Kanzlers der letzten sozialliberalen Koalition (1974-1982) übertrifft die des aktuellen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, eines gewissen Herrn Steinmeier, um Längen.

Helmut Schmidt als Mensch, Helmut Schmidt als Mann, Helmut Schmidt als Politiker, als Raucher, als Pianist und elder statesman. Last not least: Helmut Schmidt als Ikone der alten westdeutschen Bundesrepublik.

Nicht nur sein Hausblatt "Die Zeit" (samt Jubiläums-DVD), auch der SPIEGEL und alle anderen wichtigen Medien feiern derzeit den Mann, der vor drei Jahrzehnten im Deutschen Herbst auf dem Höhepunkt seiner Regierungsmacht angelangt war. An diesem Dienstag zeigt das ZDF noch einmal eine ausführliche filmische Würdigung seines Lebenswegs, in den kommenden Tagen folgen so gut wie alle anderen relevanten Sender.

Deutschland im Krisenadvent 2008 – ein einziges großes Schmidteinander. Schon seit ein paar Jahren ist Schmidt regelmäßiger und selbstverständlich exklusiver Fernsehgast bei Sandra Maischberger und Reinhold Beckmann.

Technokratisch kalte Politik

Nun ist es nicht selten, dass die Wertschätzung einer prominenten Persönlichkeit mit dem Abstand der Jahre wächst, und eine gewisse sentimentale Verklärung mag dazu kommen. Als der einstige US-Präsident Richard Nixon (1969-1974) im April 1994 starb, weinten auch jene Amerikaner, die "tricky Dick" zeitlebens politisch bekämpft hatten. Denn eines hatten sie mit ihm gemeinsam: Die frühen siebziger Jahre, in denen sie jung und voller Hoffnung gewesen waren, damals, als das Leben noch ein Versprechen war - as time goes by.

Dieser lebensweltlich-biografische Aspekt könnte auch bei der seit einigen Jahren wachsenden Schmidt-o-Mania eine Rolle spielen: Right or wrong, it was our time – es war unsere Zeit.

Wie die "Generation Golf" später mit Helmut Kohl, dem "ewigen Kanzler" aufwuchs, so begleitete Helmut Schmidts kantige Rhetorik mit Seitenscheitel die Generation der 68er und 78er. In ihren Augen war er damals der Inbegriff einer technokratisch kalten Politik zur Durchsetzung bürgerlich-kapitalistischer Interessen. Für die schwärmerischen Utopien der 68er hatte Schmidt so wenig Verständnis wie für die revolutionäre Grammatik, die im mörderischen Treiben der RAF ihre schwarze Apotheose fand.

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", empfahl er der rebellischen Generation, für die er wenig mehr als Verachtung übrig hatte. Im Gegenzug sah ein radikaler Teil der 68er in ihm gar den Wegbereiter, wenn nicht Vollzugsbeamten eines modernisierten "neuen Faschismus". Ein Begriff, durch den Terroristen ihre Scheinlegitimation zu besitzen glaubten.

"Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen"

Auch die Grünen, 1979 gegründet, wären ohne Schmidts hartleibige "Betonlogik" einer konsequenten, teils klirrend vorgetragenen Staatsräson nicht so rasch erfolgreich gewesen.

Gut 30 Jahre später haben sich die gegenseitigen Zerrbilder zu einem guten Stück aufgelöst oder relativiert. Zwar ist Schmidt immer noch kein Fan von Daniel Cohn-Bendit oder Joschka Fischer, aber inzwischen dürfte er eine gewisse historische Berechtigung und Bedeutung der Revolte von 1968 nicht rundum abstreiten.

Immerhin billigt er ja auch den ehemaligen revolutionären Supermächten China und Russland einen beachtlichen Entwicklungsweg zu.

Umgekehrt schauen viele 68er (und 78er), unter ihnen nicht nur die berüchtigten "Renegaten", mit einiger Milde auf den alten Schmidt.

Nicht wenige schätzen jetzt sogar das, was ihnen vor drei Jahrzehnten zum Generalverdacht reichte: Jene kühle, zuweilen kalte Klarheit des Gedankens, der in schneidender, bisweilen arroganter Schärfe vorgetragen wird. "Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen", bekannte Schmidt einmal in einer charakteristischen Selbstbeschreibung.

Allenfalls zweimal in seinem Leben will er Tränen vergossen haben: Im Frühjahr 1945, als er nach den Kriegswirren seine 1942 geheiratete Frau Loki wieder traf; und, inzwischen öffentlich geworden durch Film, Funk und Fernsehen, am Morgen des 18. Oktober 1977 nach der telefonischen Mitteilung seines Emissärs "Ben Wisch", die Passagiere der nach Mogadischu entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" seien glücklich befreit worden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Am Ende des 2.Teils des Artikels
fauih 16.12.2008
befindet sich ein (peinlicher) Fehler: "am Vorabend seines 90.Geburtstages". Helmut Schmidt wird am 23-12-08 90 Jahre alt. Viele Grüße
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Haio Forler 16.12.2008
Zitat von sysopAuf dem Höhepunkt seiner Macht im Deutschen Herbst geißelten ihn Gegner als Technokraten - heute will das Land am liebsten einen wie ihn als Kanzler. Helmut Schmidt, der jetzt 90 wird, ist die rauchende Eminenz der Republik: arrogant, autoritär - und kaltschnäuzig. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,596686,00.html
Man müßte zum Vergleich einmal sehen, wie sich ein(e) andere(r) Kanzler(in) in diesem Jahren 1974 - 1982, die Jahre mit der größten Herausforderungen dieser Bundesrepublik, geschlagen hätten. Ölkrise, Mogadishu, RAF, Ost-Wet-Konflikt, das Heraufkommen der Grünen und der Frauenemanzipation (letztere beiden Punkte sind *nicht* abwertend gemeint, soll nur sagen, daß auch dies Themen waren, die die Gesellschaft vor Herausforderungen stellet und die verarbeitet werden mußten), Weltwirtschaftskrise, und so weiter. Dies alles in geballter Form. Es geht nicht um Arroganz oder Fehler (die macht jeder). Es geht darum, daß dort ein Kanzler war, der ökonomischen Sachverstand besaß. Weitreichende Bildung. Prinzipien. Handlungsmaximen. Geschliffenes Wort. Überlegte Sätze. Und trotz aller Arroganz auf seine Art doch Bescheidenheit und Fleiß. Disziplin. Sprachkenntnis. Jemand, der keine Skandale und peinliche Albernheiten nötig hatte. Und bei all dem schaffte er es noch, über den Tellerrand seines Berufes hinaus zu schauen und auf anderen Feldern tätig zu sein. Dies war schon meine Meinung damals im Alter von 20 Jahren. Ich konnte damals schon nicht Jene verstehen, die ihn als Förderer der arroganten Staatsmacht oder gar als Wegbereiter eines rechtsextremen Flügels sahen. Wenn Helmut Schmidt 'mal nicht mehr ist, wird uns schlagartig ein weiteres Mal klar werden, wie banal unsere heutige Medienlandschaft und Politiklandschaft geworden ist. Respekt, Herr Schmidt !
3. Trauriges Anzeichen, was in der Politik fehlt...
Rabenfeder 16.12.2008
Ja, auch ich bekenne gern und frei, das ich Hr. Schmidt, den Altkanzler, mehr und mehr sympathisch finde, nicht allen seinen Meinungen folge, aber es genieße, dass er präzise und umfassend mitdenkt. Niemand der sich "auf das Altenteil" zurückgezogen hat, sondern ein aktiver Geist und Denker im Jahre 2008. Ich vermisse Politiker die ähnlich sind und frage mich - da gerade ein Gleichnis gilt: "Charaktäre werden in Tälern/Krisen geboren!" - warum im Moment in unserer politischen Landschaft wir uns über einen Peer Steinbrück freuen, obwohl er eigentlich bis auf relativ klare Worte wenig Entscheidung zeigt. Ich frage mich auch, wenn man die beiden letzten SPD-Kanzler vergleicht, sind ein Schröder und ein Schmidt aus dem gleichen Holz? Hat die SPD überhaupt noch solche Gewächse? Oder haben all die parteilichen Schmusekurse und Klüngelleien eher die Ypsilantis, Becks und Schröders nach oben gespült. Ganz nebenbei... lange nichts mehr von Herr "Ich weiss wie es geht"-Lafontaine gehört? Im Urlaub? Erkältet oder einfach nicht... krisenfähig?
4. Zustimmung und Frage
Rabenfeder 16.12.2008
[QUOTE=Haio Forler;3105575] Wenn Helmut Schmidt 'mal nicht mehr ist, wird uns schlagartig ein weiteres Mal klar werden, wie banal unsere heutige Medienlandschaft und Politiklandschaft geworden ist. QUOTE] Wie wahr! Ja, genauso! Haben wir ein Systemproblem? Sind nicht nur die Wähler sondern auch die Politiker verdrossen?
5. .
Haio Forler 16.12.2008
Zitat von RabenfederWie wahr! Ja, genauso! Haben wir ein Systemproblem? Sind nicht nur die Wähler sondern auch die Politiker verdrossen?
Fast scheint es so ... jeder will kaum noch etwas bewirken, da die nächste Landtagswahl droht. Niemand möchte einen Medienfehler machen. Dies bedingt, daß niemand mehr den Mut hat, Fehler zu machen. Dies führt unweigerlich zum Nichts-Tun. Und dies kann man ja bekanntlich - ja nach Situation und wahltaktischer Erfordernis - so oder so auslegen, wie es gerade paßt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Helmut Schmidt: Sturmflut, RAF und Loki
Fotostrecke
Helmut Schmidt: Sturmflut, RAF und Loki