"Am laufenden Band" Schnee von gestern

Gibt es jenseits von "Wetten, dass…?" doch noch große Samstagabend-Shows? Mit einem Revival des Rudi-Carrell-Klassikers "Am laufenden Band" startete die ARD gestern einen merkwürdigen Testballon. Moderator Florian Silbereisen erwies sich einmal mehr als beängstigendes Schunkel-Phänomen.


Es war ein besonderer Tag für Florian Silbereisen. Er sei "aufgeregt wie vor meiner allerersten Show", hatte der 25-jährige Moderator vor der Livesendung zu Protokoll gegeben. Immerhin durfte der Bayer mit den blonden Strähnen, der mit seinen "Festen der Volksmusik" regelmäßig um die sieben Millionen Zuschauer beglückt, gestern in der Stadthalle Zwickau eine einmalige Revival-Ausgabe des Rudi-Carrell-Klassikers "Am laufenden Band" (1974–79) moderieren – zu Ehren des im Juli 71-jährig verstorbenen holländischen Entertainers, wie es offiziell hieß. Carrell, der der Legende nach in Silbereisen ein Talent seines Schlages gesehen und diesem 2004 zu seiner Samstagabend-Premiere gratuliert haben soll, hätte in Kürze Geburtstag gefeiert.

Merkwürdig geheimnisvoll und zurückhaltend war die Vorankündigung der nostalgischen Unternehmung geraten: Es habe sich um eine kurzfristige Titeländerung gehandelt, kommentierte der federführende MDR den Umstand, dass in den ARD-Programmfahnen (und dementsprechend auch in der Programmpresse) ganz regulär "Das Adventsfest der Volksmusik" angekündigt worden war. Erst eine Woche vor der Show durfte dann "Bild" erstmals von der geplanten Hommage berichten. War Angst vor übersteigertem Erwartungsdruck der Grund für die branchenunübliche Zurückhaltung? Ist man nach den gescheiterten Wiederbelebungsversuchen an "Dalli Dalli", "Einer wird gewinnen" und "Der große Preis" womöglich vorsichtig geworden? Oder handelte es sich um das, was man im Serien-Segment "Backdoor-Pilot" nennt, einen getarnten Test, der nur im Erfolgsfall fortgesetzt wird?

An mangelnder Rückendeckung seitens der Carrell-Erben kann es jedenfalls nicht gelegen haben: Tochter Annemieke hatte persönlich ihren Segen gegeben, angeblich am Konzept mitgewirkt und zeigte sich sogar auf der Bühne. Dort hatte man sich nicht lumpen lassen und ein gigantisches Aufgebot an Gesangsstars zusammengetrommelt: von Karel Gott, der zum Besten gab, früher mal als "Rudi Karel Gott" angesprochen worden zu sein, bis zu Kim Wilde, von US 5 bis zu den Kastelruther und Regensburger Domspatzen. Im kitschig-zuckrigen Bühnenbild, einem Winterwonderland aus reichlich Kunstschnee, jagte eine Musik-Performance die andere; so gesehen war’s dann doch auch ein Fest der Volksmusik, das die übliche Klientel ganz wie gewohnt bediente.

Eine "Show für die ganze Familie" sei dies, verkündete der in einen braunen Anzug mit Glitzerbesatz gewandete Silbereisen zu Beginn, "hier lernt die Oma die 'Popstars' Monrose kennen, und die Enkel wenigstens ein paar Weihnachtslieder." Und was für welche! Die Zipfelbuben brachten ein unglaubliches Geschenke-Lied dar ("Was wünschst du dir, parapapapam, weil du alles hast, fällt’s mir so schwer"), Bo Katzman und Gaby Albrecht besangen jeweils Bethlehem.

Zeitreise ins Schunkel-Land

Die traditionellen Spiele mit acht Kandidaten, die jeweils in Zweierteams gegeneinander antreten, bis der letzte Verbliebene vor dem Laufband Platz nehmen, die vorbeiziehenden Gegenstände sich merken und gewinnen darf, gerieten ein wenig in den Hintergrund – angesichts von infantilen Wettbewerben wie Adventskerzen-mit-auf-den-Kopf-geschnallten-Wassereimern-löschen oder Esel-und-Kuh-mit-Mohrrüben-durch-Slalomstangen-locken aber ein verschmerzbarer Umstand. Dafür konnte man dank der vielen alten Carrell-Ausschnitte (u. a. Rudi bei der Vorstellung eines "jungen Talents" namens Mike Krüger) und Live-Gästen wie Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wirklich das Gefühl haben, per Zeitreise um Dekaden zurückversetzt worden zu sein.

Vielleicht das Unglaublichste an der bizarren Veranstaltung aber war der Moderator selbst: Florian Silbereisens Unterhaltung spielt in einer so ganz anderen Welt als der der Raabs und Pochers, dass sie schon für sich zeitentrückt wirkt. Zynisches und Zoten liegen ihm fern, etwas Abfälliges über die dümmlichen Spiele oder gar die Kandidaten würde er niemals auch nur denken. Stattdessen vermittelt er glaubhaft, den ganzen Zinnober ernst zu nehmen – und bezaubert die schunkelnden Senioren im Publikum durch seine Jugendlichkeit. Gegen Ende wird den TV-Zuschauern zu Hause per Bildschirm-Laufband ein Highlight angekündigt: "Florian Silbereisen weiß nicht, dass er gleich überrascht wird." Die Überraschung besteht im Klingeln des "Nottelefons" auf der Bühne, dran ist aber nicht "mein Chef", wie Silbereisen mutmaßt, sondern Mireille Mathieu, die wenig später auf die Bühne kommt und mit Silbereisen "Good-bye, my love" und a cappella "Hinter den Kulissen von Paris" darbietet. Da rast das Publikum, nach standesgemäßen drei Stunden gibt es standing ovations.

"Wann wird’s mal wieder richtig Winter?", hatte Silbereisen zwischendurch in Anlehnung an Carrells Sommer-Song in der berückenden Kunstschnee-Kulisse geträllert und dabei auch getextet: "Ein Land ist tief gesunken, das sich nur nach dem Schnee von gestern sehnt." Unterhaltungstechnisch war seine Show-Reanimation genau das: Schnee von gestern. Für die Volksmusikfraktion und ihre Fürsprecher in der ARD aber dürfte Silbereisens "Laufendes Band" ein bestechendes Zukunftsmodell sein. Einmaligkeitsbeteuerungen hin oder her: Die gestrigen 6,26 Millionen Zuschauer (Marktanteil beim Gesamtpublikum: 21,9 Prozent) werden zwar Gottschalk und das ZDF noch nicht zittern lassen. Aber für einen dezent beworbenen Testballon ist das ein ordentliches Ergebnis. Wie sang Silbereisen nach seiner berüchtigten Abschiedsformel "Bleiben oder werden Sie gesund": "Weil wir uns so gut verstehen, müssen wir uns wiedersehen". Diese Drohung ist ernst zu nehmen.



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