An Eva Herman Da staunt die Feministin!

Ist Eva Hermans "Cicero"-Artikel ein Coup des Patriarchats? Haben die Neocons sie losgeschickt, den Feminismus zu schleifen? SPIEGEL-ONLINE-Autorin und Mutter Renée Zucker ahnt Böses. Und weiß: Frauen gehören an den Unruhe-Herd.


Ist Eva Herman in einer Sekte? Besucht sie zu viele Familienaufstellungen? Liest sie esoterisches Schriftgut? Auf diese Fragen mag man kommen, liest man die Abrechnung der Nachrichtensprecherin mit der Frauenbewegung in "Cicero". Was diese vor einem halben Jahrhundert angerichtet habe, müssten wir nun "ausgelaugt, müde und wegen permanenter Überforderungen mit suizidalen Phantasien" geschlagen auslöffeln.

Post-post-Feministin Herman: Ohne Helm und ohne Gurt
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Post-post-Feministin Herman: Ohne Helm und ohne Gurt

Aber jetzt kommt Eva! Ohne Helm und ohne Gurt. Sie stellt die, wie sie findet, längst überfällige Frage: Haben berufstätige Frauen von heute wirklich das Recht auf unbegrenzte Selbstverwirklichung, oder war die Emanzipation ein fataler Irrtum? Nun ist sie nicht die Erste, die sich diese Frage stellt, ihre Gedanken sind weder originell noch anregend.

Sie sind vielmehr ein Aufguss der Ideen Philip Longmans, jenes Fellows des Neocon-Think-Tanks "New America Foundation", der seinem Buch über den Bevölkerungsrückgang in westlichen Gesellschaften "The Empty Cradle" einen auch hierzulande in einschlägigen Kreisen andächtig zitierten Aufsatz folgen ließ, in dem er die Rückkehr des Patriarchats voraussagte. Außerdem machte er zwei Ursachen der aktuellen Weltmisere aus: alleinerziehende Frauen und die Säkularisierung. Zu beheben sei das Dilemma nur, wenn sich der Westen wieder auf eheliche und religiöse Werte besinnen würde.

Auch Eva Herman erkennt in der Frauenbewegung die Schuldige am langsamen Tod der Bundesbürger. Sie attestiert den Aktivistinnen durch agressive Verkündigung ihrer "revolutionären Pläne und kühnen Ziele" eine landesweite Bewusstseinsveränderung, unter deren Folgen wir heute stöhnen". Da reibt sich allerdings so manche Feministin verwundert die Augen. Wer hätte gedacht, dass die Emanzipation so erfolgreich war?

Weil seit dem ersten Blaustrumpfblitzen zu viele Frauen dem Ruf nach Selbstverwirklichung gefolgt wären, sei nicht nur das Ansehen der deutschen Mutter und Hausfrau ramponiert, sondern so viele Ehen wie nie scheiterten, anständig gekocht würde auch nicht mehr. Letzteres ist allerdings fragwürdig: Selten gab es in diesem Land so viele Hobbyköche wie heute, denkt man an den Erfolg von Tim Mälzer und Co. und an die wie Pilze in jeder Fußgängerzone sprießenden Kochschulen. Und mancher, der noch in einer Zeit aufwuchs, als Frauen nicht gegen die Gesetze verstießen, die das Überleben unserer Spezies sichern, die also eine gute Hausfrau als Mutter hatten, erinnern sich sogar noch mit Grauen an die tägliche Hausmannskost.

Dennoch möchte Herman zurück in die vermeintlich guten Zeiten, als Mutti Vati noch mit Salzkartoffeln und Bratensauce den Rücken freihielt, damit der mit frischem Mut allen feindlichen Bären im Büro das Fell über die Ohren ziehen konnte. Heute dagegen, unsere kleine Küchenphilosophin Herman nennt es " unmittelbare Gegenwart", sieht sie sich und ihre Leidensgenossinnen der Moderne mit einem "wehenden Schleier der Atemlosigkeit" durchs Leben hetzen, wobei Karriere und Küche, Partner und Kind zu kurz kämen.

Dabei sei doch gerade in der "schöpfungsgewollten Aufteilung zwischen Mann und Frau eine Gnade", die dauerhafte Harmonie und Frieden in den Familien zur Folge habe. Es sei die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrages die Familie zusammenhalte, deklamiert sie in neumodischer Frömmelei von der Küchenleiterkanzel und streut noch die Todsünden Selbstgefälligkeit und Eitelkeit in den Predigtcocktail.

Ja, liebe Schwestern, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit waren es, die uns dem Wahn verfallen ließen, dass wir alles schaffen könnten: Karriere, Kinder, Küche - und jetzt auch noch Kirche?
Es liegt eine Unmittelbarkeit in diesem Zurück-zur-Familie-Pamphlet, das jedem Kabarettisten herrliche Vorlagen bieten würde; der Text müsste nicht einmal umgeschrieben werden. Für Herman bedeutet "soziologischer und biologischer Kontext": "Der Mann steht in der Schöpfung als der kraftvolle, starke und beschützende Part, die Frau dagegen als der empfindsamere, mitfühlende, reinere und mütterliche Teil".

Der kleinen verschwörungstheoretischen Feministin in mir drängt sich die Frage auf: Hat das Imperium dazugelernt? Schickt es jetzt Frauen wie die Familienministerin von der Leyen einerseits und Fernsehgesprächsbegleiterin Herman andererseits an die Front, um uns vom Frevel unseres Tuns zu künden? Die eine zeigt uns als Superweib, wie man mit sechs Kindern, Gatten und Beruf noch abends aufs Laufband geht und beklagt den Egoismus der Ein-Kind-Mütter; die andere sieht sich von den Versprechungen einer Emanzipationsbewegung bitter enttäuscht und will wieder zurück ins Paradies jener "verlorenen Welt, die unseren Vorfahren jahrtausendelang Kraft und Halt gab".

Weine nicht, Eva, das Leben ist ein einziges Auf und Ab, auf Regen folgt stets Sonnenschein. Warum gehst du nicht einfach zurück in deine Küche und kochst was Nahrhaftes ?



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