Analphabetismus: Lichtblicke fürs Schreiben und Lesen

Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an Analphabetismus. Die Lese- und Schreibschwäche wird meist verschwiegen, denn die Betroffenen schämen sich. Mit der Wanderausstellung "Corso der Lichtgestalten" will der Bundesverband Alphabetisierung jetzt ein Zeichen setzen: Kunst und Kreativität gegen Vorurteile und Isolation.

Fahrzeug mit Leuchtzeichen: Mit dem "Corso der Lichtgestalten" die Öffentlichkeit zu mehr Toleranz bewegen
Corso der Lichtgestalten

Fahrzeug mit Leuchtzeichen: Mit dem "Corso der Lichtgestalten" die Öffentlichkeit zu mehr Toleranz bewegen

"Fast vier Millionen Menschen sind betroffen, aber es gibt nur eine einzige Selbsthilfegruppe im ganzen Bundesgebiet", erklärt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung. "Das sagt doch schon einiges." Analphabetismus ist nicht nur eine Lese- und Schreibhemmung, sondern ein Isolationsproblem. "Es ist leichter mit Schwierigkeiten beim Rechnen zu kokettieren, als einen Mangel an Schreibkenntnissen zuzugeben", so der Verbandschef.

Die Leidtragenden haben mit einem hartnäckigen Vorurteil zu kämpfen: Wer schlecht lesen und schreiben kann, gilt als dumm. Ein Teufelskreis, der die Misere nur verschärft: "Die Menschen fürchten diese Reaktion und verbergen ihr Dilemma.", sagt Hubertus. "Lesen und Schreiben kann man aber nicht anonym und alleine lernen."

Einleuchtende Aktion gegen Vorurteile

Vom 1. August bis 5. September geht deshalb der "Corso der Lichtgestalten" auf große Deutschlandtour: eine Fahrzeugkolonne, die täglich rund 120 Kilometer durch die Dämmerung fährt und an insgesamt 36 Standorten Halt macht. Bestückt sind die Autos mit so genannten "Lichtgestalten": Figuren aus zersägten und neu zusammengesetzten Neonbuchstaben alter Firmen- und Reklametafeln.

"Wenn die Betrachter versuchen, eine Skulptur zu entziffern, bekommen sie ein Gefühl dafür, was es für einen Analphabeten bedeutet, einen Text zu lesen", so Benjamin Schubert, der die Figuren gestaltet hat. Hubertus ist realistischer: "Natürlich ist die Not der Betroffenen letztlich nicht nachvollziehbar", sagt der Geschäftsführer bescheiden.

Für die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen wird die Fahrzeugkolonne auch an ausgewählten Orten - etwa der Loreley, dem Schloss Neuschwanstein oder der Glienecker Brücke - einen Zwischenstopp einlegen und sich den Kameras präsentieren.

Der Lichtgestalten-Konvoi ist jedoch mehr als eine telegene Aktion: Der Bundersverband will die Tour als Plattform für flächendeckende Aufklärung nutzen. Deshalb ist auch das "Alfa-Mobil" dabei. Es informiert über das "Alfa-Telefon", eine bundesweite Service-Hotline, die anonyme Beratung und Informationen über Lernmöglichkeiten in ganz Deutschland anbietet.

Erste Hilfe mit Diskretion und Knowhow

Das "Alfa-Telefon" ist oft die erste Anlaufstelle, an die sich die heimlichen Analphabeten werden. "Manchmal weiß noch nicht einmal der Ehepartner, wie gravierend das Problem ist", erklärt Hubertus. Dabei sind nicht nur Menschen aus sozial schwachen Millieus betroffen. "Es gibt auch den Manager, der in Schweiß ausbricht, wenn er auf Zuruf der Kollegen Begriffe am Flipchart notieren muss", beschreibt der Verbandsleiter die Misere.

Das Engagement für die Alphabetisierung wird von höchster Stelle unterstützt: Am 13. Februar 2003 hatte Uno-Generalsekretär Kofi Annan die Uno-Dekade zur Alphabetisierung ausgerufen. Bis 2012 sollen weltweite Aktionen stattfinden.

Der "Corso der Lichtgestalten" ist ein Projekt im Rahmen des Bündnisses für Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland, dem unter anderem auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Deutsche Unesco-Kommission und der Deutsche Volkshochschul-Verband angehören. Ziel der Initiative ist es, Grundbildung und Alphabetisierung in Deutschland in die öffentliche Diskussion zu bringen. Der Lichter-Corso geht nun als glänzendes Vorbild voran.

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