Zum Tod des Philosophen André Glucksmann Seher in der Nacht

Vom militanten Maoisten zum gemäßigten Humanisten: Für den Philosophen André Glucksmann war das Recht auf Einmischung der Kern einer linken Haltung. Jetzt ist der Franzose im Alter von 78 Jahren gestorben.

AP

Von Romain Leick


André Glucksmann war ein zorniger Philosoph. Das machte ihn immer bereit, sich über die Welt, wie sie ist, zu empören - und über diejenigen, die sich mit ihrem Zustand wie mit einer unveränderlichen Wirklichkeit abfinden, gleich mit. Als einen Propheten der Apokalypse mochte er sich nicht sehen, wohl aber als einen Denker, der ständig auf der Hut war und sich dem Bösen überall zu stellen suchte. Denn der Hass, so seine tiefe Überzeugung, lauert in jedem und kann jederzeit ausbrechen. Nichts Unmenschliches sei ihm fremd, pflegte er mit seinem provokanten, leicht maliziösen Lächeln zu sagen.

Glucksmann hatte schon als Kind eine existenzielle Wut eingesogen. Während der turbulenten Erfahrung des Zweiten Weltkriegs bildeten sich die Wurzeln seines lebenslangen philosophischen und humanistischen Engagements. Mehrere Jahre lebte er als der Knabe mit zwei Identitäten und zwei Namen: Glucksmann und Rivière, deutsch und französisch, jüdisch und christlich. Der Spross einer eingewanderten österreichischen, jüdischen, antinazistischen und kommunistischen Familie musste von 1940 bis 1944 im von den Deutschen besetzten Frankreich im Verborgenen leben, um zu überleben.

Vater Rubin, der aus Czernowitz in Galizien stammte, kam im Sommer 1940 ums Leben; er ging mit einem torpedierten Fährschiff unter, auf dem er das sichere England erreichen wollte. Die Familie sollte später nachkommen. Mutter Martha entkam mit dem kleinen André und der Tochter Micky nur knapp der Deportation nach Nazi-Deutschland. Weil André am 19. Juni 1937 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren worden war, galt er als französischer Staatsbürger.

Und so konnte die kleine vaterlose Restfamilie buchstäblich in letzter Minute auf dem Bahnsteig vor der Zugfahrt nach Osten in den Tod gerettet werden. Der Mutter gelang es, die französischen Polizisten zu überreden, sie und die beiden Kinder aus der Masse der staatenlosen und ausländischen Juden auszusortieren, die den NS-Schergen übergeben wurden.

Der radikalen Linken immer mehr entfremdet

Aus diesen dramatischen Kindheitsereignissen zog der erwachsene Philosoph die Lehre, dass das Tragische in der Geschichte nie versiegt. Das Böse, selbst wenn es geschlagen und scheinbar besiegt ist, verbirgt sich unter der Oberfläche trügerischer Harmonie.

Das "Verbrechen der Gleichgültigkeit" war in seinen Augen das schlimmste, weil es alle anderen ermöglicht, vor allem die unterlassene Hilfeleistung, das feige Wegschauen. Das Unheil müsse bekämpft werden, wo es sich zeige. Darin bestand für ihn der Kern einer linken Haltung. Das Recht auf Einmischung war deshalb für Glucksmann oberstes Gebot der Humanität. Der Philosoph bleibt ein Seher in der Nacht, der erkennt, was andere nicht wahrhaben wollen.

Zusammen mit Jean-Paul Sartre (der Antikommunisten lange als "Hunde" beschimpft hatte) und seinem konservativen akademischen Lehrmeister Raymond Aron bedrängte Glucksmann 1979 den damaligen französischen Staatschef Valéry Giscard d'Estaing, den vietnamesischen Boatpeople, die zu Tausenden in brüchigen Kähnen übers Chinesische Meer vor den kommunistischen Siegern von Saigon flohen, Zuflucht zu gewähren. Die Flüchtlingskrise wiederholte sich am Ende von Glucksmanns Leben, direkt vor der Haustür Europas. Die Tragödie kehrt in den alten, müde gewordenen Kontinent zurück.

In Frankreich zählte Glucksmann zu den sogenannten Neuen Philosophen, die sich Anfang der Siebzigerjahre marxistischen und maoistischen Anfängen abwandten. Vor allem der Eindruck, den Solschenizyns Beschreibung des "Archipel Gulag" auf ihn machte, bewog ihn dazu, endgültig mit dem Totalitarismus sowjetischer Prägung abzurechnen. Als Früchte dieser Auseinandersetzung, die auch eine Autokritik war, entstanden die beiden Bücher "Köchin und Menschenfresser" sowie "Die Meisterdenker", die ihn auch in Deutschland bekannt machten.

Misstrauen gegen Systeme aller Art

Der Entwurf großer Systeme und Ideologien, die der Menschheit Freiheit, Glück und Erlösung versprechen, erregte fortan sein Misstrauen. Er hielt es lieber mit dem Skeptiker Voltaire, einem Apologeten der Toleranz, als mit Hegel, Marx und Heidegger. Glucksmann arbeitete wie ein philosophischer Reporter, als Augenzeuge der großen Krisen der vergangenen Jahrzehnte: Vietnam, die Wende in Osteuropa, die Kriege auf dem Balkan und im Kaukasus, der islamistische Terror, der neue russische Expansionismus. In dessen Bannerträger Wladimir Putin glaubte er einen Oberterroristen im falschen Gewand eines Staatsmanns zu erkennen.

Den Pazifismus Westeuropas hielt er für eine gefährliche Illusion. Deshalb setzte er sich wiederholt für den Tyrannensturz mit militärischen Mitteln ein, von Slobodan Milosevic in Belgrad bis zu Saddam Hussein in Bagdad. Der radikalen Linken, aus der er hervorgegangen war und deren universalistische Werte er verteidigte, entfremdete er sich dadurch immer mehr. Unter französischen Intellektuellen war damals die Grenzübertretung zwischen links und rechts das absolute geistige Verbrechen.

Bei der Präsidentschaftswahl 2007 unterstützte er sogar den rechten Kandidaten Nicolas Sarkozy, allerdings nur, um sich bald darauf von ihm wieder abzuwenden, nachdem dieser als Präsident den realpolitischen Ausgleich mit Putin gesucht hatte. Der Kampf um die Freiheit der Ukraine war eine seiner letzten Kampagnen. Den Putin-Freund Gerhard Schröder verachtete er, dessen Nachfolgerin im Kanzleramt, Angela Merkel, bewunderte er, solange sie Putin die Stirn bot. Der Leuchtturm der freien Welt blieb für ihn, trotz Kritik an den Schwächen ihrer amtierenden Präsidenten, die USA. Der Antiamerikanismus der europäischen Linken schien ihm eine sonderbare Verirrung des aufklärerischen Geistes.

Ein rechtspopulistisches, fremdenfeindliches Europa kam ihm wie Verrat an der westlichen Zivilisation vor, denn die moderne Globalisierung sei schließlich deren Errungenschaft. Die Flüchtlinge hielten Europa einen Spiegel vor, argumentierte er, die Nomaden der Gegenwart erinnerten uns an die Gespenster der Vergangenheit.

Ein Entwurzelter war Glucksmann selbst, ein einsamer Denker, der die Satten und Zufriedenen aus ihrer Behaglichkeit reißen wollte. Ein Moralist, der auf das "Schwarze in der menschlichen Seele" zielte, wie er sagte. Alarm schlagen, die Stimme erheben, vor dem Unheil am Horizont warnen: Dieses Leuchten hinein in das Dunkel der Nacht blieb für Glucksmann eine ständige Zukunftsaufgabe.

Am Montagabend ist Glucksmann im Alter von 78 Jahren verstorben.

Am Tag nach seinem Tod gelobte sein Sohn Raphaël, der sich in Frankreich für die Flüchtlinge von Calais einsetzt, die Fackel im Dienst des Menschlichen weiterzutragen.



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