Sony-World-Fotopreis "Sie trägt die Geschichte auf ihren Schultern"

In den Gesichtern spiegelt sich die Last der Zeugenschaft: Die Norwegerin Andrea Gjestvang fotografierte die Überlebenden des Massakers von Utøya und erhält dafür den Hauptpreis beim Sony World Photography Award. Weitere 14 Fotografen wurden für ihre Arbeit ausgezeichnet.

Andrea Gjestvang, Norway, L`Iris d`or, Sony World Photography Awards 2013

Hamburg/London - Andrea Gjestvang wünscht sich, sie hätte diese Fotos niemals aufnehmen müssen. Innerhalb eines Jahres fotografierte sie die Überlebenden des Massakers von Utøya - junge Menschen, die sie zu Hause besuchte. Für ihre Aufnahmen, die sie "One Day in History" (Ein Tag in der Geschichte) nennt, wird die norwegische Fotografin beim Sony World Photography Award mit dem Iris d'Or und dem Titel Photographer of the Year ausgezeichnet. Der Preis ist mit 25.000 Dollar dotiert.

Ein halbes Jahr nach dem Anschlag von Anders Breivik begann Gjestvang die Opfer zu besuchen. "Ich wollte, dass sie den ersten Schritt zurück in ein annähernd normales Leben bereits getan haben", sagt sie. "Es ist mir sehr schwer gefallen, die jungen Menschen zu fotografieren. Es ist schwer zu verstehen, was sie durchgemacht haben."

Gjestvang fotografierte die Überlebenden in ihrem Zuhause. Mutig konzentriert sie sich auf die Gesichter und Narben der Jugendlichen, stellt die Kunst, stellt sich selbst in den Hintergrund. Jede Aufnahme sei ihr wichtig, doch am meisten bewegte sie die Aufnahme einer 15-Jährigen, die im Nacken eine große Wunde trägt. "Sie trägt die Geschichte auf ihren Schultern", sagt Gjestvang. Es sei wichtig diese Geschichte zu zeigen.

Neben Gjestvang zeichnete die Jury in London 14 weitere Fotografen in Kategorien wie Sport, Landschaft, Architektur, Lifestyle oder Fashion & Beauty aus. Eindrucksvoll ist etwa eine Aufnahme von Christian Aslund, einem schwedischen Fotografen, der auf der Straße liegende Menschen aus Hochhäusern ablichtete. In der Kategorie "Reisen" wurde die Israelin Gali Tibbon geehrt, die festhielt, wie Priester eine nackte, unfruchtbare Frau in ein Becken mit heiligem Wasser ablassen.

Die Jury würdigte zudem in der Kategorie "Current Affairs" ein eindrucksvolles Bild des russischen Fotografen Ilya Pitalev. In Pjöngjang fotografierte er Gäste einer Feierlichkeit zum 100. Geburtstag von Führer und Staatsgründer Kim Il Sung, die durch ihre Outfits eine Grenze durch den Zuschauerrang schlagen.

In der Kategorie "Contemporary Issues" wurde Valerio Bispuri ausgezeichnet. Der italienische Fotograf reiste in eines der brutalsten Gefängnisse Venezuelas und hielt den Schrecken in den Augen der Insassen fest.

kha



insgesamt 9 Beiträge
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Ronald Dae 26.04.2013
1. Teilweise unverständliche Auswahl
Ein paar prämierte Arbeiten sind durchaus bemerkenswert. Warum andere Arbeiten prämiert wurden, bleibt mir ein Rätsel. Besonders die Arbeiten 4, 6 und 13 sind ziemlich frei von künstlerischem Anspruch. Zum Teil leben die Bilder einzig von der politischen Aussage. Davon befreit sind sie teilweise nicht mehr als ein besserer Schnappschuss. Damit teilen sie ihr Schicksal mit den - in meinen Augen - häufig überbewerteten WorldPressPhoto Awards, welche ebenfalls den Background der Aufnahme über die Aufnahme selbst stellen. Gut gefallen hat mir als Portrait-Fotograf die Arbeit von Jens Juul (11), sowie das beeindruckende Siegerfoto in der Kategorie "Landschaft" (14). Ronald D. Vogel Charakter-Portraits
tanmenu 26.04.2013
2. Warum nicht
Zitat von sysopAndrea Gjestvang, Norway, L`Iris d`or, Sony World Photography Awards 2013In den Gesichtern spiegelt sich die Last der Zeugenschaft: Die Norwegerin Andrea Gjestvang fotografierte die Überlebenden des Massakers von Utøya und erhält dafür den Hauptpreis beim Sony World Photography Award. Weitere 14 Fotografen wurden für ihre Arbeit ausgezeichnet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/andrea-gjestvang-gewinnt-den-sony-world-photography-award-a-896609.html
Heutzutage wird alles vermarktet. Warum nicht auch das. Was wir früher nur in den Filmen von Vincent Price gesehen haben, bekommen wir jetzt in Natura. Welch ein Fortschritt. Der Schrecken wird uns genommen. Die nächsten Bilder müssen dann schon wieder mehr bieten.
Verun 26.04.2013
3. Utøya...
Zitat von sysopAndrea Gjestvang, Norway, L`Iris d`or, Sony World Photography Awards 2013In den Gesichtern spiegelt sich die Last der Zeugenschaft: Die Norwegerin Andrea Gjestvang fotografierte die Überlebenden des Massakers von Utøya und erhält dafür den Hauptpreis beim Sony World Photography Award. Weitere 14 Fotografen wurden für ihre Arbeit ausgezeichnet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/andrea-gjestvang-gewinnt-den-sony-world-photography-award-a-896609.html
Nichts hat mich in den letzten Jahren mehr mitgenommen als das Massaker von Anders Breivik. Zweifellos wäre so eine Hasstat niemals vorgekommen in einer Welt, in der es Religion nicht gibt. Es ist einfach traurig.
diefetteberta 26.04.2013
4. Gut gemacht.
Gratulation an die Gewinner, es sind sehr gute und durchdachte Bilder ausgewaehlt worden. Wieso sieht man so etwas nicht von Abgaengern an deutschen Hochschulen?
river-orange 26.04.2013
5. Zweifellos?
Zitat von VerunNichts hat mich in den letzten Jahren mehr mitgenommen als das Massaker von Anders Breivik. Zweifellos wäre so eine Hasstat niemals vorgekommen in einer Welt, in der es Religion nicht gibt. Es ist einfach traurig.
Etwas Zweifel wären schon angebracht. Ich glaube nicht, dass z.B. die in den USA vorgefallenen Schul-Massaker auf religiösen Gründen basierten (wurden teilweise sogar ausgeschlossen). Manche Leute sind halt krank im Kopf. Vielmehr lagen die Gründe in mangelnder Erziehung, Vernachlässigung des eigenen Kindes, Gewalttaten innerhalb der Familie, etc. Die Religionskritiker machen es sich mitunter schon sehr einfach.. Andererseits, gäbe es keine Religionen, wäre ich vielleicht derjenige, der an dieser Stelle behaupten würde, MIT religiösem Fundament wäre dieses oder jenes nicht passiert. Zu den Fotos kann ich Post#1 zustimmen. Viele schöne dabei, aber die Auto-Innenaufnahme finde ich absolut unspektakulär und nicht prämierungswürdig. Mag aber durchaus sein, dass mir der künstlerische Blick dafür fehlt.
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