Fotokünstler Andreas Gursky: Größe zeigen

Von Karin Schulze

Auf dem Kunstmarkt erzielt der Fotokünstler Andreas Gursky Preisrekorde, in seinen Arbeiten zeigt er auf andere Art Größe: In Panoramabildern fängt er machtvolle Metaphern auf die menschliche Gesellschaft ein. Jetzt zeigt eine Ausstellung in Düsseldorf sein Werk.

Ein wirklicher "Gursky"? Fragt man den Künstler, dessen Arbeiten auf dem Kunstmarkt so teuer verkauft werden wie die keines anderen Fotografen, verweist er auf eine Arbeit, die 1984 am Klausenpass in den Schweizer Alpen entstanden ist. Die Passhöhe war gerade erstiegen, da hieß es von seinem Mitwanderer: "Du bist doch der Fotograf. Mach du doch mal ein Bild." Andreas Gursky hielt drauf auf die Matten, Schneefelder und Felsen. Erst Wochen später, als er einen Abzug machte, entdeckte er, was ihm da gelungen war. Da war er schon eingeschrieben in der renommierten Fotoklasse von Bernd Becher an der Düsseldorfer Akademie.

In der Überblicksausstellung zum Werk des Fotokünstlers hängt diese Bergansicht gleich am Eingang. Durch die Konstellation, in der - winzig klein, aber detailliert - Touristengrüppchen den Berghang bevölkern, gilt das Foto seinem Urheber als Auslöser für die Entdeckung seines spezifischen Bildgenres, das er "Zivilisation in Landschaften" nennt.

Die Urszene seines künstlerischen Ansatzes beschrieb Gursky beim Presserundgang inmitten einer gut hundertköpfigen Journalistenschar. Man war sogar aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Großbritannien angereist, um mit Film, Foto und Mikrofonen jedes Wort und jede Regung des Meisters einzufangen.

Konsumterror-Panorama

In solcher Umgebung kann der Künstler zwar durchaus verstockt reagieren, wenn ihm eine Frage - etwa die nach dem Umgang mit seinem Ruhm - "zu privat" erscheint. Geduldig aber erklärte er die vielen Etappen des Arbeitsprozesses, an dessen Ende seine teilweise ikonischen Bilder stehen: das "99 Cent"-Konsumterrror-Panorama etwa, das für 3,19 Millionen Euro versteigerte "Rhein II" oder "Pyongyang", das eine riesige nordkoreanische Menschenformation als rigides Ornament der Macht fixiert.

Im Alltag oder auf Reisen entdeckt Gursky Dinge, die er mit einer Handykamera dann festhält, wenn sich ihm eine anfangs noch diffuse Bildvorstellung einstellt. Übersteht diese Intuition eine Reflexionsphase wird die Umsetzung des Motivs geplant. Mit viel Aufwand, der bis zur Anmietung eins Helikopters oder zur Anmeldung in einem kernphysikalischen Institut in Japan geht, entstehen dann vor Ort die Aufnahmen, aus denen im Atelier in digitaler Bearbeitung das endgültige Bild entwickelt wird.

Theoretisch würde Gursky sich auch heute noch freuen, wenn ein Foto - wie zu Beginn seiner Karriere - auf Anhieb seiner Bildidee entspräche und ihm die Computerei erspart bliebe. Bedingt auch durch den Detailreichtum der meist gigantischen Formate, ist das aber schon seit Mitte der neunziger Jahre, nicht mehr passiert. Und für die Bilder der Bangkok-Serie von 2011 hat er, wie er es selbst nennt, "anderthalb Jahre Exil im Atelier" verbracht - bei mühseligster Kleinarbeit am Computer.

Computer-Klausur

So ist "Bangkok I" mit seinen schwarzen, ölig-trägen Wasserwellen und dem weißen Lichtband, das über sie hinwegschillert, aus acht Einzelaufnahmen des Stromes Chao Phraya synthetisiert. Und die in seinem suppigen Sud treibenden Kanister, Illustriertenseiten, Blüten und Gemüseabfälle hat der Künstler auch lange hin und her geschoben.

War Gursky das Malerische seiner fotografischen Kompositionen immer schon wichtig, reizt er es bei "Bangkok" ganz aus: Die Farben und Formen haben sich gegenüber der fotografischen Illusion weitgehend verselbständigt. Die lichten Flecken auf schwarzem Grund flirten jetzt mit dem Abstrakten Expressionismus eines Clifford Still oder Barnett Newman - wenn sie nicht, zu grafischen Kürzeln gefroren, in flacher, fast comic-hafter Künstlichkeit erstarren.

Vielleicht ist Gursky mit denen in Computer-Klausur errungenen Werken der Serie übers Ziel hinausgeschossen. Vor einigen jedenfalls kann man sich zurücksehnen zu seinen zugleich inhaltsstärkeren Weltessenzen: zu seinen Börsen-Tableaus, dem Formel-1-Wahnsinn seines "Bahrain I" oder seinem "Prada II"-Minimal-Chic-Kosmos.

Sollte er sich kurzzeitig in der Kunstkunst festgefahren haben, scheint er neuerdings aber wieder Kurs auf die Wirklichen zu nehmen. Das jüngste Bild der Schau, "Katar" von 2012, zeigt den Flüssiggas-Tanks eines Schiffes, das vom gleichnamigen Emirat aus operiert. Beim Blick in den gigantischen, zu Reinigungszwecken entleerten Raum meint man in den golden schimmernden Aluminiumpaneelen seiner Wände bereits die eiskalte Signatur des Kapitalismus.

Sieht man dann winzigklein, unten links, einen Arbeiter einer rätselhaften Tätigkeit nachgehen, dann ist man ganz schnell bei einer von Gurskys Fotobildern so oft metaphorisch angedeuteten Ebene: dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Das Gefühl, dass an dieser Relation etwas nicht stimmt, hat der Künstler in einem seiner Text-Tableaus aus dem Jahr 2000 mit Worten von Robert Musil einmal so herbeizitiert: "dass das Gesamtlaboratorium etwas planlos arbeitete und dass die Leiter und Theoretiker des Ganzen fehlten".


Andreas Gursky, 23.9. bis 13.1.2013, Museum Kunstpalast, Düsseldorf

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Naja
rodelaax 21.09.2012
Was, außer ein wenig Bildbearbeitung, hat der "Künstler" eigentlich bei dem Foto vom Indischen Ozean geleistet?
2. Kunst?
blowup 21.09.2012
Zitat von rodelaaxWas, außer ein wenig Bildbearbeitung, hat der "Künstler" eigentlich bei dem Foto vom Indischen Ozean geleistet?
Tja, was man so alles Kunst bezeichnet. In dem Format sehen wahrscheinlich viele Bilder gut aus. Metaphern? Für einen orientierungslosen Kunstbetrieb?
3. Nun ja,
richardb 21.09.2012
im Vergleich zum Werk von z.B. Erwin Olaf sind Gurkys Bilder mir dann doch zu abstrakt, zu leer.
4. Man sollte in der Kunst nie von Expertenmanipulation sprechen
neanderspezi 21.09.2012
Man sollte einen "Künstler" immer erst dann über den grünen Klee loben, wenn man nicht nur das eine oder andere, sondern gleich mehrere "Werke" aus seinem Oeuvre seinem Besitz einverleibt hat. Das mag für die pinselschwingende und auch für die ablichtende und andersartig gehandhabte "Kunst" gelten. Die Wahrnehmung für Qualität in Sachen Kunst mit Hinblick auf Auserwählte in diesem Metier entwickelt sich sowohl bei Liebhabern als auch in der Riege der Sachverständigen proportional zum Umfang der bereits im eigenen Interesse preiswert erworbenen Objekte. Mit jeder hochlöblichen Expertise kann man auf kunstsinnigem Weg eine erfreuliche Wertsteigerung anregen. Dazu können sich gesponserte Wertschöpfungen in anderen Sparten womöglich noch eine Scheibe abschneiden.
5. Zu Recht einer der Besten
Ronald Dae 21.09.2012
Gurskys Arbeiten erschließen sich dem Betrachter nicht sofort. Die Ästhetik kommt hier online auch auf keinen Fall herüber. Man muss die Arbeiten live sehen, um sie beurteilen zu können; sie sind wirklich beeindruckend und wohlkomponiert. BTW: Bei Youtube gibt es eine Doku über Gursky: http://www.youtube.com/watch?v=G2Jwwh-99OA Dort wird auch "Rhein II" gezeigt, ein erst banales und dann geniales Bild. :) Ronald Daedalus Vogel
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