CDU als Migrationspartei Anjela Märköl

Angela Merkel hat ihre Partei zivilisiert und Migranten mit ihrem Charme eingelullt. Ganz klar: Sie ist der Bismarck der Integrationspolitik.

Angela Merkel in Polen (2011)
DPA

Angela Merkel in Polen (2011)

Eine Kolumne von


Zum ersten Treffen der "Deutschen Islam-Konferenz" 2006 servierte das unionsgeführte Innenministerium Schinkenschnittchen. Also Schweinefleisch. Keine Ahnung, ob das launige Rücksichtslosigkeit oder Unwissenheit war. Ich halte es für gut möglich, dass vor zwölf Jahren noch niemand in der CDU einen Muslim oder eine Muslimin kannte, geschweige denn ihre Essgewohnheiten. Heute ist das anders.

Irgendwann unter Angela Dorothea Merkel hat die CDU eingesehen, dass sie sich für Minderheiten öffnen muss. Die Parteichefin wollte, dass sich nicht nur Russlanddeutsche in der Union wiederfinden. Und sie hat es geschafft.

Für die Jüngeren unter uns: Migranten in der Union, das war revolutionär! Die CDU war immer die Anti-Ausländer-Partei. Fast jede Rede von Unionspolitikern stellte klar: Migranten sind ein Problem. Sie gehören nicht dazu. Die Botschaft an Leute wie meine Eltern: Lernt erst mal Deutsch. Und wie man mit Messer und Gabel isst.

Die Christlich Demokratische Union verhielt sich in Sachen Einwanderungsland wie ein Elefant im Porzellanladen. Also so, wie die CSU noch heute.

Doch Merkel zivilisierte ihre Partei. Sie brachte der CDU Manieren gegenüber den "ausländischen Mitbürgern" bei. Und setzte neue Botschaften: Es war kein SPD-Kanzler, sondern Angela Merkel, die Integration "zur Chefsache" erklärte. Und sie ist es, die seit über zehn Jahren Migrantenverbände ins Kanzleramt einlädt. 2015 hielt sie außerdem als erste Bundeskanzlerin eine Feierstunde für Gastarbeiter ab, um ihre Leistungen zu würdigen.

Zweitausendfünfzehn! Damit war eigentlich nicht mehr zu rechnen.

Was mich in all den Jahren besonders überrascht hat: Die CDU-Frau trifft immer den richtigen Ton. Sie schafft es als erste Bundeskanzlerin, die Bürger mit Migrationsheckmeck in ihren Ansprachen nicht auszugrenzen. Das gelingt den allermeisten Politikern nicht - auch nicht bei SPD, Grünen und Linken.

Merkel, die Mutter aller Lösungen

Ich glaube ja nicht, dass Merkel aus Nächstenliebe handelt. Dafür sind ihre politischen Entscheidungen zu skrupellos. Sie ist eher der Bismarck der Integrationspolitik: Zuckerbrot und Peitsche. Unter ihr wurden krasse Asylrechtsverschärfungen beschlossen, Einbürgerung blieb abschreckend kompliziert und Antidiskriminierungspolitik ist immer noch das Aschenbrödel im Haushalt.

Aber Merkel ist eben nicht nur pragmatisch, sie ist auch eine Politikerin mit Weitsicht. Und die Zahl der Wähler mit Migrationshintergrund wächst. 2017 waren erstmals über zehn Prozent aller Wahlberechtigten Mihigrus. Wer Volkspartei bleiben will, muss also sexy werden für Deutsche mit Migrationsplus.

Stimmenfang #72 - Merkels Rückzugsplan und wer ihn torpedieren kann

Die Sozialdemokraten sahen das locker. Sie hielten es offenbar für ein Naturgesetz, dass Migranten die SPD wählen. Die schlaue Merkel dagegen dachte: Wäre doch gelacht, wenn man der SPD nicht die konservativen Türken, Jugos und Italiener abluchsen könnte. Und genau so kam es. Neuerdings steht die Union in der Gunst von Migranten und ihrer Nachkommen ganz oben, wie vor Kurzem eine Studie zeigte. Besonders gestiegen ist ihre Attraktivität bei Turkodeutschen - und das nur wegen "Anjela Märköl". Der Mutter aller Lösungen.

Merkel hat das bestimmt nicht überrascht. Sie hat jahrelang daran gearbeitet. Den Höhepunkt ihres Vielfaltfeldzugs mache ich vor vier Jahren aus: 2014 lud sie eine illustre Gesellschaft ins Konrad Adenauer Haus ein. Schwarze Menschen, Roma, Juden, Frauen mit Kopftuch vereint mit Parteifunktionären in der Schaltzentrale der Christdemokratie. Natürlich gab es Schweinewienerle, Tradition ist Tradition.

Merkel: erste Bundeskanzlerin mit Migrationshintergrund

Der Titel der Veranstaltung klang nach Kompromiss mit den Hardlinern: Zugewandert - Angekommen?! Denn es ist ein unausgesprochenes Gesetz in der CDU, dass man nicht Einwanderer sagen darf oder Einwanderungsland, sondern nur Zuwanderer und Zuwanderungsland. Ganz wichtig: nicht ein, nur zu! Merkel selbst aber ist das Wurst, sie spricht die verbotenen Worte ständig aus.

Bei der Zuwanderer-Party in der Unionszentrale erzählte sie von den Hürden, die sie selbst in der CDU nehmen musste. Manche ihrer Parteikollegen hätten ihr, der ostdeutschen Frau, auch nicht zugetraut, dass sie die Regeln kennt.

Einmal musste sie in der Zeitung lesen, dass sie jemand als "Zonenwachtel" beschimpft hatte. "Man darf sich von kleinen Widrigkeiten nicht abhalten lassen", riet sie den Migranten und neuen Deutschen, quasi von Minderheit zu Minderheit.

Merkel gehört übrigens zu den Leuten, auf die die Bezeichnung "mit Migrationshintergrund" perfekt passt. Denn während die meisten Mihigrus eher einen Migrationsvordergrund haben, kann man den von Merkel nicht erkennen. Aber ihr Vater hieß Horst Kazmierczak, bevor er seinen Namen in Kasner eindeutschen ließ. Später nahm Merkel den Nachnamen ihres Ehemannes an.

Schade eigentlich. Kanzlerin Kazmierczak, erste Frau und Bundeskanzlerin mit Migrationshintergrund. Hätte mir gut gefallen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Heimatkunde


insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aaaron 17.11.2018
1. Bismarck? Nur mal zur Erinnerung
Bismarck vertrat in seiner Politik die deutschen Interessen. Nach der Reichsgründung 1871 betrieb er eine Politik des Ausgleichs mit allen seinen Nachbarn - auch mit Russland. In einer seiner Reichstagsreden lehnte er Strafzölle gegen Russland ab und begründete das in etwa so: Wenn man einem Kutscher einen Stock zwischen die Speichen der Räder steckt, kann man ihn vielleicht kurzzeitig aufhalten. Aber der wird sich das für immer merken. Bekannt auch seine Haltung zu unsinnigen Auslandseinsätzen: "Der Balkan ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert." Davon könnten deutsche Politiker heute lernen. Eine Gleichsetzung Merkelscher Politik, auch nur von Teilen davon, mit der von Bismarck, ist dreist.
mont_ventoux 17.11.2018
2. Schieflage
Wenn Merkel nun mehr und mehr Stimmen von Migranten erhält, weshalb befindet sich denn dann die Union in der Wählergunst im kontinuierlichen Sinkflug? Möglicherweise sagen ja deutlich mehr Einheimische NEIN zu ihrer Politik.
b1964 17.11.2018
3. Da fällt mir ein Sponti-Spruch ein...
Alle Menschen sind Ausländer - fast überall! Was gut rüberkommt, ist dass man pragmatatisch aber auch strategisch mit dem Thema umgehen muss. Deutschland ist ein Land mit Tradition und Kultur. Diese ist aber nicht statisch. Wer hier diese Tadition und Kultur annimmt und sich auch in die Weiterentwicklung einbringt, den sollten wir auch aufnehmen. Das wird niemals konfliktfrei sein, aber es ist auch unvermeidbar. Beispiele: Wir lieben Pizza und mediterrane Lässigkeit, wir fremdeln noch immer mit angelsächsischer Liberalität. Wir sind irritiert, wenn jemand kein Schweinefleisch ist, finden es aber normal, wenn jemand vegan leben will. Will heißen: Die Stammgesellschaft verändert sich langsam. Die Einwander (egal woher) müssen sich in diese Lage einfinden, aber werden die Gesellschaft auch weiterentwickeln. Werden sie ausgegrenzt und in Ghettos verdrängt, dann wird es Konflikte geben. Im Ergebnis wird der Einwanderer zum großen Teil deutsche Gepflogenheiten annehmen müssen (siehe Merkels Vater), wenn er hier ankommen will. Integration funktioniert nur mit einem gewissen Maß an Assimilation. Gleichzeitig muss der Einwanderer auch seine Identität bewahren. Aus dem Spannungsverhältnis kann eas gutes Neues entstehen. Leider ist das zum Teil nicht unsere gesellschaftliche Realität. Daran sind beide Seiten Schuld.
Ökofred 17.11.2018
4. Schöner Beitrag!
Die sog "Gastarbeiter" sind in der ganzen Migrationsdebatte mittlerweile ziemlich an den Rand gedrängt worden. Dabei galten vor 40 Jahren die selben Vorurteile gegenüber Italienern und Griechen, wie heute gegenüber Muslimen: Völlig fremder Kulturraum und eine latente Aggressivität (besonders in Gruppen). Die Bundesregierung hat in den 70ern Zeitungsanzeigen geschaltet, um das zu konterkarieren.
dasfred 17.11.2018
5. Aber voll ins Fettnäpfchen
Das will ja nicht mal mehr das einfachste CDU Mitglied lesen. Hat man sich doch gerade innerlich gefreut, dass man wieder rechts und wirtschaftsliberal sein darf. Das Angela Merkel sich so präsentiert, dass sie die Sympathie der breiten Öffentlichkeit einfangen konnte, weil sie auf jeden zuging, wird ihr in der eigenen Partei als größter Fehler angekreidet. Wenn Minderheiten sich von Merkel vertreten fühlen, muss sie aus konservativer Sicht etwas gründlich verkehrt gemacht haben. Ich hoffe, ihr Nachfolger polarisiert wieder so stark, dass er oder sie die AFD marginalisiert und Rot, Rot, Grün endlich eine geschlossene Gegenbewegung aufbauen können. Aber so, wie die Rechte heute glaubt, Merkel wäre links, hat früher die Linke geglaubt Helmut Schmidt wäre rechts. Richtig beliebte Kanzler gehen über Parteigrenzen hinweg.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.