Angst Das It-Girl unter den Gefühlen

Angst ist das Gefühl der Stunde. Hilft nicht, macht keine gute Laune, wirkt aber ansteckend. Besser wäre, gegen sie laut zu werden.

Lauter Protest: Pussy Riot auf dem Roten Platz, Moskau 2012
REUTERS

Lauter Protest: Pussy Riot auf dem Roten Platz, Moskau 2012

Eine Kolumne von


Das Zeitfenster in dieser Publikation macht aus meinem komplett zeitnah geschriebenen Text einen absoluten Zuspätkommer. Aber es ist wie bei einem wunderbaren Fest, bei dem schon alle besoffen unter dem Tisch liegen - die Freude über die Besucher, die erst am Morgen mit frischen Brötchen eintreffen, ist doch eine überbordende.

Also reden wir noch einmal ganz kurz über die Diskussion von Herrn Tellkamp und Herrn Grünbein in Dresden. Das Thema "Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?" wurde an dem Abend hervorragend beantwortet: Hier kann jeder reden. Und jeder widersprechen. Vorbereiten muss man sich auch nicht wirklich, Zahlen und Fakten sind unwesentlich, eventuell der neuen Wissenschaftsskepsis (Eliten) geschuldet.

Das eigentliche Thema des Abends war: die Angst. Und darüber kann man auch Jahre später noch schreiben, denn sie hat schon für viel Elend und Erstschläge gesorgt.

Viele reifere Menschen haben heute also: Angst. Das It-Girl unter den Gefühlen. Verwirrenderweise ist deren Ursprung momentan unklar - draußen sieht alles aus wie immer. Die Jahreszeiten machen ihren Job, die Uhr an der Wand und die Verwandten sind auch noch da. Alles geht seinen normalen Lebensweg, der irgendwie in Ordnung ist, aber prächtig, prächtig ist es eben auch nicht. Das Dasein hatte man sich fetter vorgestellt.

Die präsente Einfachheit im Osten

Was ist, wenn jetzt alles einfach so weiterginge. Oder noch schlimmer - wenn sich etwas ändert. Ob dieses Paradoxons kapitulieren die Synapsen. Es entsteht noch mehr Angst. Kein gutes Gefühl, es vereitelt, wenn es zum Dauerzustand wird, logisches Denken.

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Wovor fürchtet sich jemand wie Herr Tellkamp, der in der DDR-Diktatur aufwuchs, heute? Wovor haben sie Angst, die Menschen, die sich noch an die präsente Einfachheit im Osten erinnern sollten? Die Luft verpestet von brennenden Mülltonnen, Häuser, die auseinanderfallen, Knappheit der Heizmaterialien, arme Alte, die auf dem Land hocken und auf die Altenpflegerin warten, die einmal in der Woche kommt, um die Windeln zu wechseln; undichte Fenster, feuchte Wohnungen, übersichtliche Auswahl der Nahrungsmittel, synthetische Mistkleidung, die Aussicht, sein Leben in diesem kleinen Gefängnis zu verbringen, unter permanenter Bewachung durch Sicherheitsorgane, und der berechtigten Sorge, wegen seiner eventuell parteikritischen Meinung verhaftet zu werden.

Stacheldraht an den ehemaligen Grenzanlagen
DPA

Stacheldraht an den ehemaligen Grenzanlagen

Wovor haben sie Angst heute im Osten und Westen - wenn sie nicht aus Versehen alleinerziehend sind, in der Pflege arbeiten, langzeitarbeitslos sind, wenn sie, wie Herr Tellkamp, als Angehöriger der Mittelschicht in einem Land leben, in dem man seine Ärzte frei wählen kann, selbst wenn man als Nicht-Privatversicherter auf einen Termin warten muss, was unter anderem daran liegt, dass jeder heute zu einem Facharzt tigern möchte, nachdem er seine wichtige Krankheit im Netz diagnostiziert hat.

Verteidigen wir die Demokratie!

Ein Land, in dem die Versorgung der Bürger und Bürgerinnen im Krankenhaus weltweit führend ist. In dem die meisten Straßen nicht voller Löcher sind, in denen kleine Kälber versinken, die Bildung kostenlos, die Säuglingssterblichkeit kaum messbar, die Verkehrsverbindungen im Vergleich mit der Restwelt sehr in Ordnung, kostenlose Bibliotheken, die Gewaltverbrechen im Rückgang begriffen und so weiter. Wenn man dann noch über seine Stadt, sein Land hinzublicken möchte - verbessern sich für alle Menschen der Erde langsam die Lebensbedingungen.

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Die Anzahl der Kriege geht zurück, die Gleichberechtigung nimmt langsam zu. Humanistische, demokratische Entwicklungen sind ein sehr langsamer Prozess, den man aktiv unterstützen müsste.

Mutig ist es nicht, jedem Gefühl unreflektiert Ausdruck zu verleihen, sondern, gegen die Angst laut zu werden. Verteidigen wir die Demokratie, solange wir, auch als Künstler, es noch können.

Ob wir Angst haben oder nicht - das Ende ist vorprogrammiert. Hoffen wir, dass wir in Freiheit leben. Und sterben.

Anmerkung der Redaktion: Die Diskussion zwischen Tellkamp und Grünbein fand in Dresden statt, nicht in Leipzig wie zunächst geschrieben.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Lykanthrop_ 17.03.2018
1.
Angesichts knapper werdenden Ressourcen, bei gleichzeitig rasant steigender Weltbevölkerung und Gesellschaften die zunehmend aus dem Gleichgewicht geraten kann man schon Angst um die Zukunft unseres kleinen, aber überaus wertvollen Planeten haben. Angst betrifft nicht die Gegenwart sondern die Zukunft und wer viel hat, hat viel zu verlieren, Wohlstand und Frieden z.B.. Angst ist sicher auch eine der Quellen für die anprangernden, z.T. Frauen- und Weltuntergangskolumnen von Frau Berg, so wie vielleicht Angst um die eigene Bedeutung bzw. Deutungshoheit. Leider wird Angst auf verschiedene Weise instrumentalisiert, um mit Gefühlen Argumente zu übertünchen. Wir sollten uns von der Angst nicht leiten und blenden lassen, denn Logik ist der bessere Ratgeber als Ideologie. Ich wünsche mir mehr Freigeister und weniger Menschen, die sich vor einen ideologischen Karren spannen lassen, besonders in den Medien. Verliert bitte die Angst anzuecken.
mister_coconut 17.03.2018
2. Zahlen und Fakten sind zwar unwesentlich... ;-)
... aber Diskussion zwischen Tellkamp und Grünbein fand in Dresden statt (Kulturpalast), nicht in Leipzig.
dasfred 17.03.2018
3. Mit Angst versaut man sich das Leben
Echte Angst kennt im Alltag doch kaum jemand. Abstrakte Bedrohung kann man sich einreden, sollte man aber nicht. Ich mache mich nicht zum Sklaven aller möglichen Untergangsszenarien. Bedrohungen lauern überall, aber die Wahrscheinlichkeit selbst zum Opfer zu werden, ist so gering, dass man sie getrost verdrängen kann. Sonst dürfte ich nicht mehr auf die Straße gehen. Selbstvertrauen schützt mehr als Übervorsicht.
carryflag 17.03.2018
4. German Angst
oder First World Problems. Wenn es einem zu Gut geht, man (Frau) zuviel Freizeit, oder auch zu viel Auswahl/Wahlmöglichkeiten hat, tja dann kann man schon mal Angst bekommen (Fear of missing out). Die "Armut" in Deutschland wächst, Ja, die Geiste Armut wächst. Ich-Gesellschaft in der ohne Leistung alles möglich sein soll (Umverteilung). Jeder will zum Popstar werden - auch wenn man (Frau) nicht singen kann. Jeder will das Gehalt eines DAX-Vorstandes, aber niemand möchte Verantwortung übernehmen (noch nicht einmal für sein eigenes Leben). Das Ende ist Nahe - ich schaue es mir an (der Nachspann ist eh oft das Beste).
MartinBrodhag 17.03.2018
5. Es ist nicht die Angst, die uns verzweifeln lässt ....
... es ist die Resignation. Die ist das IT Girl der Emotionen aktuell, nicht die Angst, die ist nur eine Folge. Ist ja auch kein Wunder, die ganze Welt, inklusive der sogenannten intellektuellen Elite, wie Frau Berg, ist mit Spaltung beschäftigt. Wir grenzen uns immer mehr voreinander ab. Jeder hat ne Lobby, jeder hat einen Grund für seinen Kampf. Aber das war noch nie die Lösung und wir wollen es ums verrecken nicht lernen. Wenn man das selbe Problem immer wieder mit der falschen Lösung angeht, folgt was? Resignation. Weil man es NIE löst. Es zur Abwechslung mal mit Vereinigung statt Spaltung zu versuchen, wäre ein Ansatz. Aber das hat auch die Frau Berg noch nicht so richtig verstanden meiner Meinung nach. Und bevor das nicht viele, viele verstehen und auch wirklich wollen, wird sich nichts ändern.
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