S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Vor Angst wund werden

Revolution, Klimawandel und Globalisierung: Wir stehen vor dem Beginn einer neuen Weltordnung und wissen nicht, ob sich die wenigen Klugen oder die vielen weniger Klugen durchsetzen werden. Da hilft nur: kühle Analyse statt Hysterie.

Eine Kolumne von


Anke Engelke, vielleicht die einzige deutschsprachige Moderatorin mit Weltformat, machte bei der Eröffnung der Berlinale einen extrem eleganten Witz über die Nazis in Deutschland. Der ihr einen Kotsturm im Netz bescherte.

Sie wird, wie alle klugen Menschen, gelassen abwarten, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dann wird sich die öffentliche Empörung wieder etwas Neuem zuwenden und die Sache ist vergessen. War natürlich vollkommen unpassend. Sie hätte Nazis einfach "Bürger mit extremer Besorgtheit" nennen sollen und dann jene Orte in Deutschland aufzählen, in denen Bürger mit extremer Besorgtheit gerade ihrer extremen Besorgtheit Ausdruck verleihen. Also alle. Vielleicht ein wenig lang für einen Scherz. Aber im Krieg stirbt der Humor zuerst, oder sagen wir, er ist schon geraume Zeit tot.

Humor ist die Fähigkeit, über sich selbst Witze zu machen. Alles andere ist Aggression. Dabei fällt mir gerade ein: Gibt es eigentlich Männer, die auf die Frage, auch nur die innere, nach einem Vorbild eine Frau nennen würden? Na, denken sie mal darüber nach.

Warum wir?

Zurück zur Hysterie. Von oben betrachtet liegt da die Welt. Ein reizender Planet. Der sich so entwickelt, wie Menschen altern - über lange Zeit unbemerkt äußert sich die schleichende Veränderung nach einiger Zeit in einem Schub. Vor dem steht die Weltbevölkerung gerade. Digitale Revolution, Klimaänderung, Globalisierung sind nur ein paar Schlagworte, um zu benennen, was uns bevorsteht. Was bedeutet es, wenn die Hälfte der Arbeitskräfte nicht mehr benötigt werden, das Wasser knapp wird, die Rohstoffe aufgebraucht? Ist es gut, dass es keine Autos mehr gibt, schaffen es die wenigen Menschen mit brillanten Gehirnen oder die vielen weniger Begabten, deren Angst, von der Entwicklung entsorgt zu werden, sich in fundamentalistisch religiösen Wahnideen entlädt?

Jede neue Stufe der jüngsten Entwicklung war bisher von großen Ängsten, von Kriegen und Unruhen, Inflationen, Maschinenstürmern und Krankheiten begleitet. Es gibt für den Menschen nichts Unangenehmeres, als seine Gewohnheiten aufzugeben und die per Geburt anhaltende Unsicherheit des Schicksals sich jeden Tag manifestieren zu sehen. So wie viele, nachdem sie ein Schicksalsschlag ereilt hat, ein Unfall, ein Krebs, an der Frage "Warum ich?" fast verrückt werden, fragt sich nun eine gesamte Weltgeneration: Warum wir? Vor allem, wenn man an ein einigermaßen friedliches Leben gewöhnt war.

Beobachten statt krakeelen

Die nächste Stufe der Evolution, mit vollkommen unklarem Ausgang für den Einzelnen, macht gerade die Welt da draußen kirre. Sie fuchteln mit Lasern, Mistgabeln, sie erregen sich, suchen nach klar benennbaren Feinden (die Welt als Feind ist ein zu unklarer Gegner), um aufzuhalten, was nicht zu stoppen ist. Die Veränderung. Jede Spezies ist auf ihren Erhalt programmiert, darum steht zu vermuten, dass die neue Phase, in die sich die Erdbevölkerung begibt, ausgeklügelter sein wird als die vorherige. Rechtskonservative, religiöse Fundamentalisten und das Patriarchat halten sich an den Händen und schauen schreiend in die Zukunft. Dass sie eine große Rolle in der kommenden Weltordnung spielen werden, steht zu bezweifeln, denn bewährt haben sich weder die orthodoxe Auslegung von Religion noch der Ausschluss der (weiblichen) Hälfte der Bevölkerung von Produktion und Wissenschaft.

Vermutlich wäre es sehr viel intelligenter, die Veränderung zu beobachten, statt zu krakeelen und vor Angst wund zu werden. Aber wer will schon intelligent sein, wenn es auch laut und hysterisch geht. Mit dieser Steilvorlage möchte ich mich für heute verabschieden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
brehn 20.02.2016
1. Antwort
"wissen nicht, ob sich die wenigen Klugen oder die vielen weniger Klugen durchsetzen werden" - Darauf kann ich nur mit einem Zitat antworten. Das bringe ich zwar ständig an, doch nur weil's einfch so gut passt: "Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit." - Marie von Ebner-Eschenbach
GinaBe 20.02.2016
2. klug
Endlich mal eine Meta- Ebene. Ja, liebe Unternehmerinnen, Frau Lagarde, ... Poilitiker aller Länder, Bürger und Bedrängte, WIE soll, kann und muss es weitergehen auf unserem blauen Planeten? Erst einmal groß Faszite ziehen, was bisherige Entwicklungen, Entdeckungen, Veränderungen, Kriege, Zusammenschlüsse und das leben in der Gesellschaft so an Kosten- Nutzen- Fortschritt- Faktoren so mit sich gebracht hat und dann- sehen wir, was gerade los ist und warum. Unsere Alten leiden in den Pflegeheimen.- Warum? Für Kinder ist auch nicht genug Geld da, weder für eine adäquate Bildung, um die Herausforderungen der Zukunft anzupacken noch für vernünftig- gesundes Essen, von geschulten pädagogen und klugen Eltern mal abgesehen, denn die sind scheinbar alle überfordert und stürmen Beratungsstellen, wenn nicht schlimmeres passiert. nein, genug gejammert. wenn ich erst mal anfange. Die ganze Gesellschaft PLUS den Reichen, die sich die Hände reiben wegen der Finanzkrise, wodurch sie noch reicher wurden, müssen sich wieder einbringen und den Überfluss zur Verfügung stellen, den sie den soieso Armen durch Lohndumping abgenommen haben. Globalität ja, aber anständig, durch vernünftige Staatsverträge, in denen jedes Land produzieren und exportieren kann. Arbeit verschwindet immer mehr? ja, dann muss eben die pflege und betreuung, die Dienstleistung am menschen anders und gut positioniert werden. Dann ist auch dies wieder möglich in einem reichen Land wie unserem. Umdenken, meine Freunde, umdenken! Sonst fällt Euch das ganze ordentlich auf die Füße!
thequickeningishappening 20.02.2016
3. Eine Frau als Vorbild?
Ich hab Sie gefunden und geb Sie auch nie wieder her, meine Frau!
jj2005 20.02.2016
4. Schöne Neue Welt
Genau, krakeelen und vor Angst wund werden war noch nie lustig! Da bleiben wir doch lieber still sitzen, machen noch ein Bierchen auf und beobachten sorgfältig, wie die z.Zt. noch 62 Reichsten (->Oxfam) sich die Hälfte der Welt zusammenraffen. Sklaverei ist schön, Hauptsache man hat genügend iDings zum Rumspielen ;-)
Bueckstueck 20.02.2016
5. Stimmt
Und Anke hatte auch recht, denn das war kein Witz.
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