Leben mit Angststörungen "Die Panik wirft mich fast um"

Die Furcht dreht frei, sie dockt überall an, wo sie Halt findet: Die Journalistin Franziska Seyboldt hat über ihre Angststörung geschrieben. Kein klassischer Ratgeber, sondern ein Augenöffner.

Linda Rosa Saal

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Wer in ein Flugzeug steigt, gibt sein Leben gewissermaßen ab - kann nicht mal mehr dem Fahrer ins Lenkrad greifen oder im letzten Moment die Radbremse drücken. Franziska Seyboldts Freund sagt auf dem Weg in den Lanzaroteurlaub auch genau die Binse, mit der Menschen oft diese seltsame Schicksalshaftigkeit rationalisieren: "Im Flugzeug sinkt der Druck, man wird ohnmächtig, und bumms, aus. Da kriegt man nicht mal mit, dass man stirbt. Ist doch perfekt." Sie aber wird nur von dem einen Gedanken beherrscht: "Ich will noch nicht sterben." Während die anderen mit der Katastrophe flirten, aber sich ihr nicht ergeben, scheint ihr der Absturz sicher.

Seyboldt, Anfang 30 und "taz"-Journalistin, lebt mit einer generalisierten Angststörung, bei der die Furcht freidreht, überall andockt, wo sie Halt findet. Sie meidet nicht nur Flugzeuge und fährt kein Auto mehr. Sie flieht auch vor Redaktionskonferenzen aufs Klo, weil sie die Aufmerksamkeit fürchtet. Ihre Angst vor einem Ohnmachtsanfall wird noch stärker, wenn sie sich vorstellt, dass alle gucken, wie sie ohnmächtig wird.

Im Video: Phobien - Wenn die Angst im Kopf entsteht

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Jetzt hat Seyboldt einen Erfahrungsbericht über ihr Leben mit der Angst geschrieben. "Rattatatam, mein Herz" ist gewissermaßen ein mutiger Akt: Millionen Deutsche leiden unter krankhafter Angst, sozialen Phobien, Panikstörungen. Aber wer mal die Menschen mit Angststörung im Bekanntenkreis nachzählt, wird feststellen, dass viele offenbar Angst davor haben, über ihr Ängste zu sprechen, dass sie Scham fürchten. "Wer ein psychisches Problem hat, ist schwach", fasst Seyboldt diese Stigmatisierung zusammen.

Was ist eine generalisierte Angststörung
Wovor besteht die Angst?
Betroffene haben übermäßige Angst vor einem Unglück oder einer Erkrankung. Sie machen sich viele unbegründete Sorgen um alltägliche Lebensumstände wie ihren Beruf oder befürchten, dass den eigenen Kindern schlimme Dinge wie etwa Unfälle passieren könnten. Generalisierte Ängste treten oft im jungen Erwachsenenalter auf: Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden einmal in ihrem Leben darunter. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Was macht die Angst mit Betroffenen?
Die übermäßigen Sorgen sind unkontrollierbar, Betroffene können sie nicht unterdrücken. Beispiel: Während eines wichtigen beruflichen Termins wird der Betroffene die Angst nicht los, den Kindern könnte auf dem Schulweg etwas zugestoßen sein. Die Folge: Er ist ruhelos, unkonzentriert und selbst nach einfachen Tätigkeiten schnell müde. Auch körperliche Symptome wie Schwindel, Schwitzen, Zittern, Übelkeit oder Herzrasen können auftreten. Im schlimmsten Fall lässt die Angst keine Kraft mehr für die alltäglichen Aufgaben. Denn anders als bei anderen Angststörungen lassen sich angstauslösende Situationen nicht vermeiden, weil die Angst nicht mit konkreten Situationen verbunden ist.
Was können Betroffene tun?
Grundsätzlich lassen sich Angststörungen gut behandeln. Ärzte und Psychologen setzen meist zunächst auf eine Verhaltenstherapie. Dort erlernen Betroffene Strategien, um mit ihren Ängsten besser umzugehen und sich ihnen zu stellen - etwa, indem sie bewusst erleben, dass die von ihnen befürchteten Folgen ausbleiben. Ein weiteres wirksames Mittel kann zudem das aktive Durchplanen des Alltags sein. Wer keine Pause hat, hat auch keine Zeit zum Grübeln. Betroffene können sich sogar innerlich Gedichte aufsagen. Auch Selbsthilfegruppen unterstützen sie.

Die Angst beschreibt sie als ihren seelischen Zwilling, der sie in- und auswendig kennt. Der sie beschützen will, ihr aber auch jede offene Flanke zielgenau einflüstert und ihr nonchalant den Boden wegzieht, wenn sie es am wenigsten braucht. Die Angst hängt mit ihr an der Bar und trinkt Gin Tonic, die Angst hebt dozierend den Zeigefinger. Die Angst schlenderte einst zur Klassentür rein, als sie ein Referat halten musste: "'Ich wollte wissen', sagte die Angst, 'ob es dir nicht peinlich ist, so aufgeregt zu sein.'"

Sachbuch-Bestseller wie Stephan Grünewalds "Deutschland auf der Couch" über die Sinnsuche in einer Welt mit immer mehr Optionen oder auch Hartmut Rosas "Resonanz" über die Beschleunigung des modernen Lebens erzählen psychische Brüche als Gesellschaftssymptom, diagnostizieren ganze Nationen, gebeutelt von Selbstoptimierung und unsicheren Zukunftsaussichten. Solche System-Perspektiven interessieren Seyboldt nicht. Sie blickt aber dennoch mit genügend Distanz auf den eigenen Zustand, um nicht komplett in privater Seelenbeschau aufzugehen.

Als sachte, humorvolle Ethnologin der eigenen Seele beschreibt sie, wie der eigene Bruch zum ersten Mal zutage tritt, als sie mit zwölf bei der Ärztin umkippt, der Trichter in ihrem Ohr fühlte sich damals so falsch an. Danach, schreibt sie, "ist nichts mehr wie vorher". Und es bleibt für immer anders, mündet Jahrzehnte später in eine große Existenzkrise, als sie, pleite und arbeitsmüde, eine Lebensbilanz zieht und keine Rücklagen sieht, nur Rückschläge. Nach einem Urlaub mit den Eltern öffnet sie den Briefkasten und die Mahnungen der Bank regnen ihr entgegen: "Die Panik wirft mich fast um."

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Franziska Seyboldt:
Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst

Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 18 Euro

Das Buch setzt sich aus vielen solcher Szenen zusammen. Mal scheint das Leben über Monate sicher, dann wieder, oder gerade dann, erwischt sie die Angst mit voller Wucht. Hier unterscheidet sich ihr Blick wiederum von klassischer Ratgeberliteratur, weil es ihr nicht darum geht, einen Zustand zu überwinden.

Nur das Anerkennen der Krankheit ist bei Seyboldt noch ein linearer Prozess. Danach geht es vor allem noch um eine andere Begegnung mit der Angst. Wie die aussehen kann? Ihre Erkenntnisse sind erstmal wenig überraschend: Stress entsteht nicht durch die Anforderungen des Umfelds, sondern durch die Maßstäbe, mit denen man sich selbst misst. Und eine Woche im Kloster, Yoga, Abende alleine und ein guter Therapeut helfen.

Aber hinter dieser Verhaltensebene steht eben auch immer die Frage, warum es so schwer ist, das Leben zu ändern - obwohl es doch so einfach scheint. Vielleicht, weil dahinter eine größere Unsicherheit steht. Seyboldt sorgt sich etwa zunächst, andere zu enttäuschen, weil sie zwei Abende pro Woche für sich haben will, Verabredungen absagt. Sich klar zu machen, dass ihre Freunde sie für ihre Verlässlichkeit, ihre Empathie schätzen, dass das aber nicht im Umkehrschluss bedeutet, dass sie Erwartungen anderer erfüllen muss, ist weniger einfach.

Ganz ähnlich simpel, aber eben auch nicht simpel, verhält es sich auch mit dem Sprechen über die Angst. Seyboldt: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einen niemand angreift, wenn man ehrlich ist. Man wird höchstens bewundert, wie offen man damit umgeht." Weiß eigentlich jeder. Und trotzdem schweigen viele.



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