Anish Kapoors "Leviathan" Spektakulärer Riesenpariser

Ein hundert Meter großer, roter PVC-Schlauch, genannt "Leviathan": Anish Kapoors Riesenkunstwerk füllt nicht nur das Grand Palais in Paris fast bis zur Decke aus. Für seinen Schöpfer ist es auch eine Hommage an den verfolgten chinesischen Künstler Ai Weiwei.

AP

Von , Paris


Durch die Drehtür in die Unterwelt: Der Besucher hat nicht einmal die Gelegenheit, einen Blick auf die Eisenarchitektur zu werfen, gleich hinter dem klassizistischen Portikus des Pariser Grand Palais führt der Weg in eine riesige rote Plastehaut. Der künstlich-kolossale Raum, in dessen Hülle das filigrane Trägerwerk der 1900 geschaffenen Ausstellungshalle nur als Schattenspiel erkennbar ist, erinnert an das Innere eines aufgeblasenen Luftschiffs.

Geschaffen hat den spektakulären Riesenpräser der britisch-indische Künstler Anish Kapoor, 57: Bekannt für seine anspruchsvollen Vexierspiele, ist der in Indien gebürtige Brite der dritte Künstler, der im Rahmen der 2007 ins Leben gerufenen Monumenta das Wahrzeichen der ehemaligen Weltausstellung als Ort der Inszenierung nutzt. Zuletzt hatte der Franzose Christian Boltanski die 72.000 Quadratmeter Fläche mit einer Kleider-Collage gefüllt - eine Anspielung, die zum Beispiel an den Holocaust erinnern könnte. Der Deutsche Anselm Kiefer wie der US-Amerikaner Richard Serra gebrauchten den Raum in erster Linie als Ausstellungshalle für ihre Riesenplastiken aus Blei beziehungsweise Eisenplatten.

Kapoor hat den Auftrag, sich des Grand Palais zu bemächtigen, beinahe bis auf den letzten Kubikmeter erfüllt. Allein die technischen Herausforderungen sind immens: Das Kunst-Stück, rund 100 Meter breit, bis zu 38 Meter hoch, wurde zusammengeschweißt aus tausenden PVC-Abschnitten und hat ein Volumen von rund 80.000 Kubikmetern. In Form bleibt der Schlauch durch mächtige Pumpen, die unsicht- und unhörbar bleiben. Es ist eine Architektur, die von innen nicht zu erraten ist", so Kurator Jean de Loisy, "ein außerordentliches Werk, wie eine Frucht, wie gewachsen im gigantischen Gewächshaus des Grand Palais."

Ungeheurer Uterus

Der Effekt ist atemberaubend: Das Auberginerot im Ton wie "geronnenes Blut" (Kapoor), die gebogenen Formen, an denen das Auge keinen Halt, keinen Horizont findet, versetzen den Betrachter ins Träumen und Taumeln, er taucht ein in ein überdimensioniertes Blutgefäß, in einen ungeheuren Uterus, dunkel und warm. Nach dem Eintritt in die zentrale Blase verliert sich der Blick in unbestimmten Öffnungen, die - je nach Tageszeit - im Licht changieren.

Durch Türen nach außen gelangt, schrumpft der Besucher unter den 35 Meter hohen Wölbungen, er wird von dem mäandernden Ballon und seinen mächtigen Wucherungen beinahe überrollt. Wie Tentakel einer Riesenkrake strecken sie sich in die Winkel der Halle, nähern sich den Emporen und ihren Jugendstilverkleidungen. Eine animalische Präsenz, elegant und unheimlich zugleich, die der Technik aus Glas und Eisen gegenübersteht. "Ein Moby-Dick im Grand Palais", sagt Matthieu Poirier, Wissenschaftler und Experte für Gegenwartskunst: "Hier die Ingenieurskunst des vergangenen Jahrhunderts, dort die organische Masse von Kapoors Objekt."

Der Widerspruch schafft verblüffende Aha-Momente. "Ich möchte, dass die Besucher von dem Moment an, in dem sie den Raum betreten, eine Art Schock empfinden, ästhetisch wie physisch", erklärte der Künstler im vergangenen Herbst bei einer Vorbesichtigung des Ortes. Deuten oder erklären will Kapoor sein Werk freilich nicht. "Größe ist nicht erklärbar, sondern nur mysteriös", meint er verschmitzt über sein Werk, "Es ist ein offenes Buch."

"Leviathan", räumt der Brite ein, wurde von den Schriften Thomas Hobbes inspiriert. Die Tatsache, dass der Philosoph des 17. Jahrhunderts den Staat als Monster beschrieb und Kapoor sein Werk dem in China von der Regierung festgesetzten Künster Ai Weiwei widmete, schafft eine Verbindung zwischen der real existierenden Unterdrückung in der Volksrepublik und der gefühlten Bedrohung durch die geschaffene, kolossale Urform.

Denn das Ungeheuer, nach dem Kapoor seine Kopfgeburt benannt hat, spielt nicht nur in den theoretischen Texten von Hobbes eine zentrale Rolle. In der Sagenwelt traditionell mal als Krokodil, mal als Seeschlange dargestellt, wird das Ungetüm in den alttestamentarischen Vorlagen nicht konkret beschrieben - der biblische Schrecken, die Allegorie auf das Böse bleibt von unbestimmter, amorpher Natur. "Vielleicht kann man das Objekt gerade deswegen als Neufassung dieser Metapher verstehen", sagt Kunstfachmann Poirier, der damit die bislang überzeugendste Schau der Monumenta-Ausstellungen realisiert sieht. "Die Präsenz dieses extraterrestrischen Objekts, die sublime Kombination von Innen- und Außendarstellung - das ist ganz und gar Kapoor."


Monumenta 2011 - Anish Kapoor, 11. Mai bis 23. Juni 2011, La Nef du Grand Palais

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