Verdi-Spektakel in Salzburg Aida, das bin ich

Verdis "Aida" gilt als Höhepunkt der diesjährigen Salzburger Festspiele, schon allein wegen Anna Netrebko. Und weil die Iranerin Shirin Neshat Regie führt - in ihrer ersten Operninszenierung.

Anna Netrebko in Aida
Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

Anna Netrebko in Aida


Es war im Jahr 1996 auf dem Flughafen in Teheran, als ein paar Polizeibeamte der Künstlerin Shirin Neshat kurz vor ihrem Abflug klarmachten, dass sie das Land ihrer Vorfahren besser nicht mehr betreten solle. "Ich bin unschuldig und zu Unrecht aus meiner Heimat verbannt worden", sagt Neshat heute über jenen Tag vor 21 Jahren. "Ich habe selbst erfahren, was der Verlust der Heimat auslöst, welche Sehnsucht und welcher Schmerz daraus entstehen. Deshalb sympathisiere ich mit allen Menschen, die mit einem ähnlichen Schicksal geschlagen sind."

Schwarze Gewitterwolken ziehen an einem heißen Julitag über die Dächer der Stadt Salzburg, während Neshat Auskunft gibt über die Triebkräfte ihrer künstlerischen Arbeit. Auf eine geradezu altmodische Art scheint sie der Idee zu folgen, dass wirksame Kunst stets die Lebenserfahrung des Künstlers zum Ausdruck bringe. "Mich interessiert, was es bedeutet, eine von ihren Wurzeln abgetrennte Frau zu sein, in verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Zeiten der Menschheitsgeschichte. Und mich beschäftigt die Frage, wie wir uns zur Wehr setzen können gegen politische Tyrannei und Unterdrückung", sagt sie. Auch im Sitzen hat Neshat ihre Wirbelsäule straff durchgedrückt, ihre mit dicken Kajalstrichen unterlegten Augen sind ebenso stets in Bewegung wie ihre Hände. Sie zeigt ein schmales Lächeln. "Im Grunde handeln all meine Arbeiten von den gleichen Themen."

Shirin Neshat
AFP

Shirin Neshat

Als bildende Künstlerin und Filmregisseurin ist Neshat, die 1957 im iranischen Ghaswin geboren wurde, im kalifornischen Berkeley studiert hat und seit vielen Jahren in New York lebt, ein von Kritikern, Kunstkäufern und Zuschauern verehrter Star. Als Opernregisseurin ist sie Anfängerin. Für diesen Sonntag ist die Premiere ihrer ersten Musiktheaterinszenierung angesetzt, und das gleich bei den Salzburger Festspielen. Neshat führt Regie in Giuseppe Verdis "Aida" - und Anna Netrebko soll die Titelrolle der äthiopischen Sklavin Aida singen. Es verspricht ein Spektakel zu werden, wie es selbst für das an Rummel gewöhnte Salzburg selten ist.

Neben Netrebko singt Francesco Meli den ägyptischen Feldherrn Radames und Jekaterina Sementschuk die Pharaonentochter Amneris, die mit Aida um Radames' Liebe konkurriert. Dirigieren wird Riccardo Muti.

Sämtliche Vorstellungen mit Netrebko sind seit Monaten ausverkauft, auf dem Schwarzmarkt werden Tickets zu Wucherpreisen angeboten; der Kulturfernsehsender Arte zeigt die Aufführung am 12. August um 20.15 Uhr, das ZDF am 25. August um 23 Uhr einen Zusammenschnitt der Höhepunkte.

"Ich bin dankbar dafür, dass ich mit einer künstlerischen Form experimentieren kann, die für mich neu ist", sagt Shirin Neshat, "aber ich bin auch entschlossen, der Geschichte, die wir erzählen, meine eigene ästhetische und politische Signatur zu verpassen." Zu der gehöre es, dass sie die beiden weiblichen Hauptfiguren einer kritischen Analyse unterzogen habe. "Auf den ersten Blick könnte man meinen, Aida und Amneris seien unterwürfige, unselbstständige Frauenfiguren. Das ist ein Irrtum." Neshat gestikuliert viel beim Sprechen. "Tatsächlich begehren beide Frauen auf sehr individuelle Art gegen die Männerwelt auf. Sie stellen sich gegen die religiöse Ordnung und gegen die staatliche Ordnung. Deshalb sind beide eine Bedrohung für die Mächtigen. Die eine stirbt, die andere überlebt, aber für mich sind beide gleich faszinierend."

Die "Aida", von Giuseppe Verdi als Auftragswerk für den ägyptischen Vizekönig Ismail Pascha komponiert und 1871 in Kairo uraufgeführt, ist bis heute ein Gassenhauer des Opernrepertoires - und zugleich ein Traumstoff für mutige Interpreten. Regisseure wie Hans Neuenfels, Peter Konwitschny oder Calixto Bieito haben in den vergangenen Jahrzehnten die nach dem europäischen Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts exotisch ausstaffierte Geschichte über die Liebe zwischen dem Krieger Radames und der Sklavin Aida aus der Pharaonenzeit ins Heute oder gleich nach Europa verpflanzt.

Sie haben die Kriegsfeier, die im berühmten Triumphmarsch der Oper ihren Höhepunkt findet, mal als Verdis Traum vom italienischen Freiheitskampf und mal als Abbild heutigen Militarismuswahns begriffen. Und sie haben die Sklavin Aida mal als Putzfrau mit Wassereimer präsentiert, mal als frommes Mädchen, das zur Demütigung ihres Kopftuchs beraubt und in ein Partykleid gesteckt wurde.

Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

Ein Grundproblem und ein Geschenk für jeden cleveren "Aida"-Regisseur ist das von Verdi und seinem Librettisten Antonio Ghislanzoni ersonnene exotische Dekor; auf politisch aufgeklärte Opernfans wirkt es heute bizarr bis anstößig. "Ich kann verstehen, dass viele arabische Menschen diese Oper kolonialistisch und vielleicht sogar rassistisch finden", sagt Shirin Neshat. Verdi habe eine Oper zur Unterhaltung eines halbwegs gebildeten abendländischen Publikums verfasst, ohne jeden Anspruch, ägyptische oder äthiopische Menschen auf irgendwie authentische Weise zu zeigen. Deshalb habe sie das orientalistische Kolorit weitgehend auszulöschen versucht. "Mein Ziel ist es, ein universales Menschheitsdrama zu schildern."

Berühmt geworden ist Neshat durch Fotografien, Videos und Filme, die fast alle schwarz-weiß sind und muslimische Frauen darstellen. Sie hatte nach ihrer Studienzeit lange in den USA gelebt und sich als Malerin eher mühsam durchgeschlagen, als sie 1990 zu ihrer Mutter nach Iran reiste und das Land kennenlernte, in dem seit 1979 die Mullahs regieren. Schockiert, aber auch fasziniert vom radikal veränderten Leben, von der Einmischung des Regimes in fast alle Fragen des täglichen Lebens, begann Neshat mit der Arbeit an großformatigen Fotos. Sie zeigten Frauen, oft sie selbst, im Tschador und mit Schusswaffen. "Women of Allah" nannte sie die Serie. Es sind strenge Bilder, auf denen das Gesicht, die Hände oder die nackten Füße der Abgebildeten mit Schrift bedeckt sind, mit zeitgenössischer Lyrik in Farsi.

Die Fotos wurden als Sensation gefeiert, wegen ihrer erotischen Sogkraft und wegen ihrer Rätselhaftigkeit. Bald darauf begann Neshat Videos zu drehen. "Turbulent" zum Beispiel zeigt auf zwei parallel montierten Bilderspuren einen Sänger und eine Sängerin. Der Mann singt vor Publikum in einem mit Männern gefüllten Theatersaal, die Frau verausgabt sich allein auf der Bühne vor leerem Parkett. Die Männer im vollen Saal aber lauschen auch, als der männliche Sänger längst mit seinem Lied fertig ist - so findet der verbotene Frauengesang am Ende doch Gehör.

Für "Turbulent" bekam Neshat 1999 den Goldenen Löwen der Kunst-Biennale in Venedig, für ihren ersten Kinofilm "Women without Men" wurde sie 2009 wieder in Venedig, diesmal mit dem Silbernen Löwen beim Filmfestival, ausgezeichnet.

"Women without Men" ist ein in erlesen schönen Bildern fotografiertes politisches Lehrstück und zugleich ein Melodram. Es spielt im Jahr 1953 während des historischen Umsturzes, der den Schah an die Macht brachte, in Teheran. Erzählt wird von protestierenden Studentinnen und Studenten, von brutalen Soldaten und von der Solidarität einiger Frauen, deren mutigste stirbt. Starr vor Wut und voller Angst blicken die Menschen in der stärksten Szene des Films auf die Märtyrerin des Widerstands. Die "New York Times" pries Neshats Film nicht bloß als grandioses Kunstwerk, sondern auch als "tragische feministische Allegorie".

Tatsächlich hat Neshats Erfolg auch damit zu tun, dass sie die Prinzipien weiblicher Selbstbehauptung mit einer Eleganz und Ruhe propagiert, die kaum jemanden verschreckt. Bei aller Entschiedenheit kommt ihre Art von Feminismus, so scheint es, ohne jeden Zorn aus. Ihre Kunstwerke sind auf irritierende Weise Feste der Schönheit - und Feiern eines fast meditativen Durchhaltewillens.

In ihre Salzburger "Aida"-Inszenierung hat Shirin Neshat drei Videofilme eingebaut. Sie nennt die Videos "cinematografische Interventionen". Gemeinsam mit dem Kameramann Martin Gschlacht, einem Haudegen des europäischen Kunstkinos, hat sie afrikanische und syrische Flüchtlinge vor die Kamera geholt. Sie vermisse in der Erzählung der "Aida" Bilder der Welt, aus der die Titelheldin gerissen wurde, sagt die Regisseurin, "deshalb haben wir Szenen aus einem fiktiven Äthiopien gedreht, das zugleich modern und archaisch aussieht". Ein weiterer Film illustriert die bei Verdi nur aus dem Off zu hörende Farce einer Gerichtsverhandlung, in der Radames zum Tod durch Einmauerung bei lebendigem Leib verurteilt wird. "Es sind nicht Priester einer bestimmten Religion, die Radames und Aida in den Tod schicken", an den Kleidern der Gottesmänner könne man erkennen, dass sie ebenso Muslime wie Juden wie Christen sein könnten. "Mir kam es darauf an zu zeigen, dass Fanatiker in jeder Religion zu finden sind."

Die Bilderwelt, in der sich Shirin Neshat bewegt, ist oft düster; fast alle ihre Heldinnen sind konfrontiert mit Gewalt, Niedertracht und Tod. Trotzdem blicke sie voller Hoffnung auf die Welt, behauptet Neshat. "Man kann auch wider besseres Wissen hoffen", sagt sie, "auf eine Heimkehr, die nie stattfindet. Oder auf eine Liebe, die sich nie erfüllt. Die Hoffnung hilft einem beim Überleben."

In den vergangenen sechs Jahren hat Neshat den Großteil ihrer Arbeitszeit in einen Kinofilm investiert. Er spielt wie die"Aida" in Ägypten und erzählt von einer berühmten Sängerin, die nicht in Opernhäusern sang, sondern in üblen Kaschemmen und auf riesigen Konzertbühnen. "Looking for Oum Kulthum" heißt der Film, der 2017 in die Kinos kommen soll. Er beschäftigt sich mit dem "wohl größten Popstar der arabischen Welt im 20. Jahrhundert", wie Neshat sagt. Die Sängerin Kulthum wurde um 1900 geboren, befreite sich aus einer engen dörflichen Zwangsgemeinschaft und bekannte sich dazu, dass sie Frauen liebte. Mit ihren Liedern begeisterte sie ein riesiges Publikum. Zu ihrer Beerdigung in Kairo im Jahr 1975 kamen vier Millionen Menschen. "Oum Kulthum war eine herausragende Künstlerin", sagt die Regisseurin, "und sie war eine Frau, die den Männern niemals erlaubt hat, über sie und ihr Leben zu bestimmen."

Neshats Film schildert nicht einfach Kulthums Leben, sondern er zeigt eine iranische Künstlerin, die sich auf Kulthums Spuren begibt. So funktioniert Neshats Kunst: als kühles, wohldurchdachtes Spiel mit der Identifikation. Immer erzählt die Künstlerin auch von sich selbst. "Es gibt in Salzburg immer wieder Momente, in denen ich nicht weiß, ob ich von Aida oder von mir spreche", berichtet Shirin Neshat. Ihr Operndebüt folgt der Losung: Aida, das bin ich. "Für mich symbolisiert Aidas Tod die Weigerung, die Regeln der Gesellschaft und der Religion anzuerkennen", sagt sie. "Sie setzt ein Zeichen des Aufruhrs gegen Fanatismus und Tyrannei. Ich finde, das ist ein großartiges Ende."

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