"Anne Will"-Talk zur Türkei Özdemir und Söder gegen Erdogan

Protest im Gezi-Park, möglicher EU-Beitritt: Anne Will hat endlich die Türkei zum Thema einer Talkrunde gemacht. Grünen-Chef Özdemir und CSU-Polterer Söder waren sich sogar einig. Nur ein Erdogan-Anhänger verbreitete Verschwörungstheorien.

Türkischer Premier Erdogan: "Neo-osmanisch-kapitalistische Politik"
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Türkischer Premier Erdogan: "Neo-osmanisch-kapitalistische Politik"


Die Ereignisse auf dem Taksim-Platz in Istanbul geben im wahrsten Wortsinn Anlass zum Nachdenken: Über die Türkei und ihre EU-Reife ohnehin, aber auch über Europa, die Demokratie, das Recht und die Freiheit. Eine gut aufgelegte Anne Will nahm sich dieses aufgeladenen, komplexen Stoffes an. Endlich mal, nachdem ihre Kollegen Jauch und Plasberg soeben vor jeder politischen Aktualität auf Allerweltsthemen ausgewichen waren. Es wurde eine ziemlich gelungene Talkshow.

Die Szenen ungewohnter Eintracht zwischen Cem Özdemir und Markus Söder durfte man nicht verpassen. Aber es ging auch sonst bemerkenswert differenziert zu. Das galt selbst für die Einschätzung jenes Mannes, um den sich immer wieder alles drehte, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der das Aufbegehren mit rigoroser Polizeigewalt unterbinden ließ.

Am Ende schien er nur bedingt in das Klischee des bösen islamistischen Mannes am Bosporus zu passen. Aber das war noch am wenigsten das Verdienst seines Verteidigers Hasan Özdogan, der das Bild eines vielleicht nicht immer gut beratenen, jedoch von einer angeblich wachsenden Mehrheit getragenen Volksverstehers zu zeichnen versuchte und dabei auch zu den Mitteln einer leicht skurrilen Legendenbildung griff: Erdogan schlafe so gut wie nie und regiere auch noch nachts um zwei. Vor allem aber propagierte der türkische Verbandsfunktionär die Verschwörungstheorie, bei den Demonstranten handele es sich um eine von "fragwürdigen Machern" instrumentalisierte Minderheit.

Das sah nicht nur der Schriftsteller und 68er-Veteran Peter Schneider völlig anders. Er identifizierte den Protest als "klassische antiautoritäre Bewegung" wie in eigenen alten Zeiten und ihre Diskreditierung als typischen Reflex eines "autoritären Herrschers".

Der Grünen-Chef Özdemir und der bayerische CSU-Minister Söder wurden derweil sehr prinzipiell und erinnerten nahezu unisono daran, dass es in einer echten Demokratie nun mal eine Opposition gebe, die den Wechsel wolle und dass sie sich insbesondere dadurch auszeichne, dass alle Bürger die gleichen Rechte hätten. Ein bisschen klang das teilweise nach politischer Volkshochschule.

"Neo-osmanisch-kapitalistische Politik"

Die Moderatorin versuchte zwar, mit einer kleinen Provokation für etwas mehr Zündstoff zu sorgen, indem sie darauf verwies, dass hartes Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten auch anderswo nicht unüblich sei, beispielsweise bei Stuttgart 21. Aber irgendwie verpuffte das. Ohnehin gab es gewisse Argumentationsprobleme bei der Frage, ob denn nun Erdogans Regierung, die ja demokratisch gewählt wurde, die Merkmale eines autoritären Regimes voll erfüllt. Als die Rede etwa auf die Restriktionen beim Alkoholausschank oder die Vorgaben bezüglich der Geburtenfreudigkeit als Indizien hierfür kam, wurde speziell Söder etwas zögerlich und murmelte etwas von Rauchverbot und Familienpolitik auch hierzulande.

Immerhin konnte er sich das mittlerweile zum Spott verkommene Schröder-Wort vom "lupenreinen Demokraten" nicht verkneifen, das für Schneider übrigens der Anlass war, dem seinerzeitigen Kanzler die Freundschaft zu kündigen.

Und Özdemir gelangte irgendwann zu dem Befund, die Türkei Erdogans weise angesichts dessen "neo-osmanisch-kapitalistischer" Politik mit immer neuen Großprojekten und ohne Rücksicht auf Ökologie mehr Ähnlichkeit mit dem Russland Putins auf und weniger mit einem Staat auf dem Weg in den Islamismus. Der Islam diene hier lediglich als Folie, meinte der türkischstämmige Grüne - und die Demokratie nur als Mittel zum Zweck, ätzte Literat Schneider ergänzend und argwöhnte gleichwohl, Erdogan habe eine islamistische Agenda.

Söder preist die Türkei als "wundervolles Land"

Konkreter war das, was die SPIEGEL-Journalistin Özlem Gezer beizusteuern hatte, die mehrere Wochen am Ort des Geschehens zubrachte und von einem "Demokratie-Labor" im Camp auf dem Taksim-Platz sprach, von einer Einübung in Pluralismus. Es war das aufklärende Kontrastprogramm zu der systemtreuen Rhetorik des Verbandslobbyisten Özdogan, illustriert mit Anschauungsmaterial aus dem eigenen Leben zu der Frage, wie es mit dem Urteil über den Regierungschef denn nun tatsächlich zu halten sei. Ihr Onkel Sahmi in Istanbul, berichtete die junge Frau, sei als durchaus gebildeter Mann ein glühender Anhänger Erdogans, weil dieser das Land nicht nur zu wirtschaftlichem Aufschwung geführt, sondern den Bürgern das Gefühl zurückgegeben habe, "erhobenen Hauptes stolz sein zu können".

Wie sehr diese Ambivalenz zurzeit aus dem Nachdenken alte und neue Bedenken gegen eine EU-Mitgliedschaft werden lässt, war in der Diskussion sehr deutlich spürbar. Söder pries die Türkei als "wundervolles Land", das aber mit seiner gegenwärtigen Struktur nicht kompatibel sei. Und wenn schon irgendwann, dann müsse ein Beitritt hier wie dort per Volksabstimmung abgesegnet werden. Özdagan versprach, bei der Verfassungsreform werde auch der Gezi-Park eine Rolle spielen, er sagte aber nicht, welche. Schneider äußerte die Hoffnung, dass es dereinst einen aufgeklärten Islam geben werde. Vorerst ende die Toleranz gegenüber einer anderen Kultur dort, wo die Menschenrechte bedroht seien.

Und Özdemir empfahl der Türkei eine neue Konsenskultur und der EU die Prüfung ihres aktuellen Zustands sowie, nicht zuletzt, ein schärferes Auge darauf, dass sich die bisherigen Mitglieder an die eigenen Regeln halten. Soeben sei schließlich ein ehemaliger Regierungschef, Italiens Silvio Berlusconi, zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Ganz zu schweigen von Ungarn, wo Rechtsstaat und Demokratie sukzessive abgebaut würden.

Das ist in der Tat ein dunkles Kapitel für sich, von dem man sich wünschen würde, dass Politiker mehr darüber redeten - nicht nur in Talkshows.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Hilfskraft 27.06.2013
1. man wäre ja wohl dumm ...
... würde man an Erdogans Vorgehen etwas Positives feststellen. Was hat man in dieser Talkrunde anderes erwartet, ausser einem Hohes Lied auf die Demokratie?
thomas_gr 27.06.2013
2. optional
Ich mag Erdogan aus verschiedenen Gründen nicht, aber es ist doch sehr verwunderlich, dass seit 9/11 auf einmal die gesamte islamische Welt brennt. VT hin oder her, als Demokrat sollte man sich vor keinen Informationen verschliessen. Die Welt steckt nämlich voller Überraschungen...
Tolotos 27.06.2013
3. Wie können deutsche Politiker für Türken etwas fordern, was sie Deutschen verweigern?
Zitat von sysopAFPProtest im Gezi-Park, möglicher EU-Beitritt: Anne Will hat endlich die Türkei zum Thema einer Talkrunde gemacht. Grünen-Chef Özdemir und CSU-Polterer Söder waren sich sogar einig. Nur ein Erdogan-Anhänger verbreitete Verschwörungstheorien. "Anne Will"-Talk zur Türkei: Özdemir und Söder gegen Erdogan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/anne-will-talk-zur-tuerkei-a-908074.html)
Was ist das denn für eine seltsame Logik, wenn ein Politiker einer deutschen Regierungspartei von den und für die Türken etwas fordert, was den Deutschen von ihren angeblichen Volksvertretern systematisch verweigert wird? Hält Söder es eine rein deutsche Eigenschaft, dass die Wähler so unmündig sind, dass sie zu ihrem Schutz von ihren Politikern bevormundet werden müssen?
fuzzy010 27.06.2013
4. Söder ...
hatte in Punkten ganz Recht....Wir haben in Europa gerade genug Probleme, Streitigkeiten usw. Wir müssen erst einmal hier alles mit den ganzen Ländern in Ordnung bringen, bevor man ein so großen Land, wie die Türkei aufnehmen kann. Hierdurch werden die Probleme nämlich bestimmt nicht kleiner werden. Und zweitens soll sich die Türkei erst einmal innerlich einig sein, wie sie Leben wollen- bis dahin sind sie kein verlässlicher Partner, der die Werte der anderen europäischen Staaten vertritt.
stefankwittlin 27.06.2013
5. Geht doch!
Es war war fast zu schön und erst noch wahr....! Endlich, endlich wieder einmal eine durchwegs gelungene, interessante und souverän geführte Talk-Runde! Bravo, geht doch! Will- erste Klasse! Söder- so angenehm wie fast noch nie! Man konnte es kaum glauben! Oezdemir- sehr stark, sympathisch, klug! Auch die restlichen Gäste waren voll bei der Sache und dies ebenfalls in höchst angenehmer Art und Weise! So macht Demokratie und das Fernsehen Spass! Das Thema war interessant und Pro und Contra waren klar vorhanden, keiner der Gäste fiel negativ auf. Man fühlte sich als Zuschauer richtig wohl und man konnte sich voll und ganz auf jeden und jedes Argument konzentrieren ohne, dass wie üblich ein heilloses Durcheinander herrschte. Endlich, endlich wieder mal eine wirklich interessante und toll geführte Sendung! BRAVO!
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