Ausnahmekünstlerin Anni Albers Ihre Fäden führten in die Zukunft

Nur widerwillig zum Weben gekommen, schuf die Bauhaus-Schülerin Anni Albers einzigartige Kunstwerke aus Stoff. Eine Ausstellung in Düsseldorf versammelt diese nun und zeigt Albers als Künstlerin von Weltrang.

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Das große Dilemma ihres Lebens hat Anni Albers selbst einmal auf den Punkt gebracht. "Wenn eine Arbeit mit Fäden entsteht, dann wird sie als Handwerk betrachtet; auf Papier wird sie als Kunst angesehen."

Über fünf Jahrzehnte ließ Albers Arbeiten mit Fäden entstehen, webte Gemälde, Industriestoffe, sogar Denkmäler. Erst im letzten Drittel ihres Lebens wandte sie sich dem Drucken zu. Was gewesen wäre, wenn Albers früher zum Papier gefunden hätte? Die große Ausstellung, die das K20 in Düsseldorf ihr nun vor Beginn des Bauhaus-Jubiläumsjahres 2019 widmet, legt es nahe: Albers hätte sich nicht nur als herausragende Handwerkerin und wichtigste Künstlerin des Bauhauses, sondern als eine der größten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts überhaupt in die Geschichte eingeschrieben.

Dass es anders kam, lag bei Albers - wie bei so vielen Künstlerinnenbiografien - an äußeren Zwängen: Als sie, geboren 1899 als Anneliese Else Frieda Fleischmann in Berlin, 1922 ans Bauhaus in Weimar kam, konnte sie sich nicht frei für eine Werkstatt entscheiden. Obwohl Gründungsdirektor Walter Gropius Gleichbehandlung als Maxime ausgegeben hatte, konnten nur die männlichen Studenten wählen, ob sie sich auf die Arbeit mit Holz, Metall, Ton, Papier oder Glas spezialisieren wollten. Frauen wurde die Textilwerkstatt gewissermaßen zugeteilt.

Gouache-Entwurf von Anni Albers für einen Wandteppich von 1926
Kunstsammlung NRW/ Foto: Tim Nighswander/ Imaging4Art

Gouache-Entwurf von Anni Albers für einen Wandteppich von 1926

"Weben? Weben hielt ich für zu weibisch", hat Albers über ihre Lehrjahre am Bauhaus gesagt. "Ich war auf der Suche nach einem richtigen Beruf. Und so fing ich ohne Begeisterung mit dem Weben an, da ich mit dieser Wahl nun einmal am wenigsten Anstoß erregte... Nach und nach begannen die Fäden, meine Fantasie zu wecken."

Inspiriert von Paul Klee, ihrem Lehrer aus dem Vorkurs, fing Albers an, dessen Farblehre und geometrische Kompositionen in Stoffe zu übersetzen. Wandteppiche mit mittlerweile ikonischen Mustern, mit Blöcken und Streifen in kontrastreichen Farben, entstanden so. Aber, gemäß der funktionalen Neuausrichtung des Bauhauses unter Hannes Meyer, auch Nutzstoffe: Eine schalldämpfende Wandbespannung für die Aula der Bundesschule des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bernau war Albers' Einreichung als Diplomarbeit.

Ins Exil nach Amerika

Ihren "Pass für Amerika" nannte Philip Johnson, Kurator am New Yorker MoMA, später den Stoff für die Wandbespannung: Als das Bauhaus im August 1933 auf Druck der Nazis geschlossen wurde, konnte die jüdisch stämmige Anni zusammen mit ihrem Mann Josef Albers, den sie am Bauhaus kennengelernt und 1925 geheiratet hatte, noch im November in die USA emigrieren. Ihre Arbeiten hatten sie für einen Lehrauftrag am avantgardistischen Black Mountain College in North Carolina und damit für ein Visum für die USA empfohlen.

Studenten am Black Mountain College bauen eine geodätische Kuppel
Courtesy of Western Regional Archives/ States Archives of North Carolina/ Masato Nakagawa

Studenten am Black Mountain College bauen eine geodätische Kuppel

Josef, Meister am Bauhaus und bis zur Schließung Leiter des wichtigen Vorkurses, wurde zum Direktor des Colleges berufen, Anni baute eine Werkstatt für Weberei auf. Vom Ethos des gemeinschaftlichen Werkens, Lernens und Lebens her ähnlich dem Bauhaus, war das Black Mountain College noch freier in seinen Studienplänen und Lehrmethoden. Der Komponist John Cage, der Tänzer Merce Cunningham und der Maler Robert Rauschenberg fanden hier bei Theaterperformances zusammen, während Buckminster Fuller in den Weiten der College-Felder an seinen geodätischen Kuppeln baute.

Für Anni und Josef Albers sollte sich eine andere Art der Begegnung als folgenreicher erweisen: 1935 unternahm das Paar seine erste Reise nach Mexiko und wie sich die gemeinsame Begegnung mit der präkolumbischen Kultur auf ihre so unterschiedlichen Arbeitsbereiche auswirkte, gehört zu den schönsten Spurensuchen der jüngeren Kunstgeschichte.

So viel Energie wie Jackson Pollock

Eine Arbeit von 1936 im K20 zeigt, welchen unmittelbaren Einfluss die Reise auf Anni Albers hatte. Plötzlich gab es kein flächendeckendes Muster mehr, die verschiedenen rechteckigen Formen setzen sich eigenständig auf ihre Plätze, in sich noch einmal mit unterschiedlichen Texturen durchwirkt. Dazu zum ersten Mal der Einsatz von metallischen Fäden, die der Arbeit ein feines, fast sakrales Leuchten verliehen. "Ancient Writing" heißt das Werk, mit dem Albers direkt Bezug auf antike Kulturen nahm.

Arbeiten wie diese waren es, die ihr in der Folge eine besondere Ehre zuteil werden ließen: 1949 widmete ihr das MoMA als erster Textilkünstlerin eine Einzelausstellung. Albers' wichtigste Schaffensphase begann jedoch erst nach der MoMA-Schau. Eine einzigartige Reihe an "pictorial weavings", abstrakte Webbilder mit einer verblüffenden Vielzahl an Formaten, Motiven, Texturen und Techniken, entstand in den folgenden 15 Jahren - in Düsseldorf nun angemessen zum Kern der Ausstellung gemacht.

In einem Bild baute Albers eine Skyline aus grau-braunen Klötzen auf ("City"), in einem anderen entfaltete sie das warme Licht Mexikos in breit gezogenen Orange- und Pinktönen ("South of the Border"). In manchen Werkzusammenhängen spürte sie den Ausdrucksmöglichkeiten einer einzelnen Farbe nach ("Development in Rose" I + II), in anderen wandte sie sich wieder strengen Geometrien ("Pictographic", "Play of Squares") zu.

Die Virtuosität, die sie in jeder Arbeit an den Tag legte, stellt sich in den Räumen des K20 als schwindelerregend sinnliches Erlebnis dar. Wollte man die Energie, den Rhythmus und die materielle Dringlichkeit dieser Bilder vergleichen, böten sich am ehesten die drip paintings von Jackson Pollock an. Doch ihren Zeitgenossen Pollock übertraf Albers mit ihrer Neugier: Immer wieder stieß sie auf eine Farbe oder eine Technik, die sie in eine völlig neue Richtung führte, bis sie die Konventionen des Webens vollständig hinter sich ließ.

Abschied von einem langen Leben

Denn in ihrer strengen Kunstform, die durch die vertikale Spannung der Kettfäden und den horizontalen Verlauf des Schussfadens eigentlich nur zwei Richtungen kennt, fand Albers Möglichkeiten, Wellen- und Schlangenlinien zu ziehen. Erstmalig 1962 in "Scroll" gezeigt, konnte sie so auch den brüchigen Verlauf von Handschriften einfangen - ein Motiv, das sie in "Six Prayers", ihrem wahrscheinlich wichtigsten Webbild, eindrücklich einsetzte.

In der Auftragsarbeit für das Jüdische Museum New York, das ein Denkmal für die sechs Millionen während des Holocaust ermordeten Juden erbeten hatte, ließ sie schwarz-weiße Schriftzüge auf sechs grau-beige-farbenen Stoffbahnen herunterlaufen, neu ansetzen und schließlich - wie die Lebenslinien der Toten - auf verschiedenen Höhen abbrechen. (Das K20 zeigt "Six Prayers" aus konservatorischen Gründen nur vom 31. Juli bis 9. September)

26 Jahre nach ihrer ersten Einzelausstellung in den USA erhielt Albers schließlich ihre erste Einzelausstellung in Deutschland: 1975 im Kunstmuseum Düsseldorf und im Bauhaus-Archiv, Berlin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich schon auf grafische Drucke verlegt, in kleinteilige, von Dreiecken dominierte Arbeiten, die ebenso psychedelisch wie meditativ wirken. Manche der Bilder, die am Ende der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen sind, sind so zart, als wollte sich Albers mit ihnen schon aus ihrem langen Leben, das mit 94 Jahren in den USA endete, verabschieden.

Die Frage, was passiert wäre, wenn Albers sich früher dem Papier zugewandt hätte, stellen die Bilder nicht: Sie hat es genau zum richtigen Zeitpunkt getan. Denn den Fehler anderer Generationen, ihre Arbeiten mit Fäden nicht als große Kunst anzuerkennen, müssen wir nicht wiederholen.


Die Ausstellung "Anni Albers" ist bis zum 9. September im K20 in Düsseldorf zu sehen.



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