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S.P.O.N. - Der Kritiker: Wer Krieg sagt, muss Krieg führen

Eine Kolumne von

Hollande spricht von "Krieg", Gauck von einer "neuen Art von Krieg". Man sollte vorsichtig sein mit Worten und besser alte Strategien überdenken. Der IS und die Anschläge von Paris sind auch ein Ergebnis der gescheiterten Politik des Westens.

Das ist nicht Krieg. Wer sagt, dass das Krieg ist, folgt einer falschen Logik und verzerrt, was passiert ist.

Paris ist ruhig an diesem sonnigen Sonntagmorgen, es ist leer, es ist wie verschwunden hinter all dem Schmerz und dem Schock. Ratlosigkeit ist die einzige Realität. Die Stadt leidet, und sie leidet leise.

Die Einschusslöcher sind noch zu sehen, in den Fenstern, in den Mauern, auf Höhe der Köpfe der Menschen, die dort saßen.

Die Blutlachen sind noch da, vor den Lokalen, in denen sie sich trafen, die Hipster, die Bobos, die kreative Bohème, an einem ganz normalen Freitagabend, warm genug, um draußen zu sitzen.

Es war tatsächlich ein Angriff, ein Angriff auf einen ganz bestimmten Lebensstil, ein Angriff auf den Hedonismus, ein Akt des Terrors, der Angst verbreiten sollte. Das ist es, was Terror macht.

Aber Krieg?

Krieg hat einen klaren Feind. Ist dieser Feind im Inneren? Ist es ein Krieg gegen Millionen von jungen Muslimen in Frankreich, ausgegrenzt, ohne Chance, ohne Perspektive?

Ist es das, was François Hollande meint, was Manuel Valls meint, wenn sie vom Krieg reden?

Oder ist es ein Krieg im Äußeren, ein Krieg gegen IS, ISIS, ISIL, Daesh? Diesen Krieg könnte man führen, müsste man führen, hätte man längst führen müssen. Und zwar seit 2011.

Aber diesen Krieg vermeidet der Westen ja genau, seit vier Jahren schaut die Welt dem Morden zu, das nun, wie zu erwarten, wie von vielen vorhergesagt, wie lange von den Regierungen ignoriert, auch nach Europa dringt.

Was also soll es, jetzt zu sagen, man werde "schonungslos" sein? Was hat Frankreich, was haben die USA, was hat Deutschland getan, in Syrien, im Irak? Und was wollen sie jetzt tun? Bodentruppen? Bündnisfall? Wer vom Krieg redet, muss sagen, was er will.

Tatsache ist aber doch, dass der IS nicht vom Himmel gefallen ist. Auch das muss man benennen, wenn man vom Krieg redet: der IS ist ein Ergebnis der gescheiterten Politik des Westens.

Es ist gut beschrieben worden, wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei die Extremistengruppe Jabhat al-Nusra in Syrien mit Waffen unterstützte, es ist gut beschrieben, welche fatalen Folgen es hatte, dass die USA im Irak so lange das Wüten des Maliki-Regimes gegen die Sunniten duldeten.

Wer also vom Krieg redet, der muss zum Beispiel von Saudi-Arabien reden, es ist der Hauptsponsor des Terrors, vom Westen hofiert, der Quell des radikalen Islam. Die Schlacht ist, mit anderen Worten, nicht im Marais und auch nicht in den Vororten von Paris zu gewinnen. Die Schlacht muss man im Syrien, im Irak führen.

All das muss man sagen, wenn man vom Krieg redet, der ja auch immer einen Beginn hat. Wann hätte aber dieser Krieg begonnen? Ist das, was am 13. November 2015 in Paris passierte, der Anfang, die Kriegserklärung? Oder wäre es die Revanche, die Rache für etwas? Für was? Oder begann dieser Krieg doch am 11. September 2001? Und was hätte man dann aus den Fehlern von damals gelernt?

Hat das, was wir jetzt erleben, mit dem Angriff der USA auf den Irak 2003 begonnen? Das Chaos, das folgte, schuf Rückzugsorte für Radikale, die Bilder schufen Argumente für Extremisten.

Man muss diese Kausalität kennen und benennen, wenn man jetzt über die Konsequenzen nachdenkt. Alles andere macht die Sache nur noch schlimmer: Es zerstört das Vertrauen in Politik, wenn sie angesichts einer Tat wie der von Paris in durchschaubaren Aktionismus flüchtet.

Es ist deshalb schändlich, wenn ein von allem Anstand und aller Menschlichkeit und Würde befreiter Polit-Roboter wie Markus Söder anfängt, seine Propaganda loszulassen, über die Trauer um die Toten hinweg. Es ist hilflos und heuchlerisch, wenn nun genau die, die vor dem Terror in Syrien fliehen, wieder zu Opfern gemacht werden sollen in einem Europa, das am liebsten weit weit weg sein will von dieser Realität.

Und es ist schlicht gefährlich, wenn der Papst vom "Dritten Weltkrieg" spricht.

Paris, an diesem Sonntag im Jahr 2015, gibt all das nicht her. Es ist nicht "alles anders", es ist nicht "der Beginn einer neuen Zeit". Es ist etwas passiert, und es hilft nicht, nun erst einmal wieder nach "mehr Sicherheit" zu rufen, dieser Schlachtruf aller, die eine schlimme Situation für ihre eigenen Interessen nutzen.

Mehr Sicherheit? Das hat ja offensichtlich nach den Angriffen vom Januar 2015 nichts genutzt. Warum also nicht: "Mehr Lehrer?" "Mehr Sozialarbeiter?" "Mehr Jobs?" Mehr Bildung, mehr Aufklärung, mehr Möglichkeiten, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen, die es gilt, in ihrer Freiheit und Schönheit zu bewahren?

Den Kampf gegen den Terror wird man nicht gewinnen, indem man Grenzkontrollen wieder einführt. Den Kampf gegen den Terror wird man nur gewinnen, wenn man versteht, und das ist keine Tautologie, dass das Wesen der offenen Gesellschaft ihre Offenheit ist.

Das macht sie verletzlich. Das macht sie stark.


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Kolumne - Der Kritiker
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 120 Beiträge
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1. Entscheidung gefordert
ernstmoritzarndt 15.11.2015
Zunächst ist festzustellen, daß das Attentat in Paris nur Pegida & Consorten nutzt. Sonst niemandem. Man muß sogar davon ausgehen, daß die Attentäter diese Wirkung in unserer freien Gesellschaft vorhersehen und nutzen. Immerhin laufen IS usw. die Menschen in Syrien, Irak usw. davon, Menschen auf die auch IS pp. angewiesen ist, um ein Staatswesen (wie das auch immer aussieht) angewiesen sind. Es stellt sich tatsächlich die Frage, wie "Europa" und die USA mit den Angriffen umgehen: Totale Aufrüstung und Zusammenbomben oder gezielte, chirurgisch organisierte Gegenmaßnahmen. Daß die Totale Aufrüstung im Irak gescheitert ist, dürfte inzwischen der dümmste und dünnste Politiker begriffen haben. Verbleibt die Frage, wie "chirurgisch geplante Eingriffe" aussehen könnten. In jedem 2. Bericht lesen wir davon, daß die Saudis, die von unserem Ölgeld leben, maßgeblich disen Terror unterstützen und finanzieren. Sollte man nicht einmal darüber nachdenken, diesen Herrschaften die Geldhähne abzudrehen? Wie verhält der Iran sich wirklich, wenn man "vernünftig" mit der dort herrschenden Clique diskutiert? Ihm in Aussicht stellt, den Geldhahn der Saudis abzudrehen? Natürlich das ist die Argumentation, wie man mit dem Teufel den Belzebuben austreibt; zumindest als Gedankenspiel müßte man das in Erwägung ziehen. Eines wissen wir genau: Iran, Irak, Libanon und auch Israel - mit allen Problemen, die es in dem Bereich gibt - sind alle Konsequenz der westlichen Politik der vergangenen 100 Jahre, einer Kolonialpolitik, die an westlich - europäischen Interessen orientiert war.
2. guter Artikel
pascal3er2 15.11.2015
Ja, den Krieg kann man nur gewinnen, indem man den Menschen und vorallem der Jugend eine pespektive bietet und Arbeit von der sie leben kann. Eine Umverteilung wird in jedem Fall kommen. Es ist nur die Frage ob friedlich von Oben, oder mit Gewalt von Unten. Eines wird in jedem Fall kommen. Aktuell gibt es Gewalt von Unten, da die dort oben immer noch am pennen sind und nicht raffen, das die Politik der letzten 20 Jahre nahezu komplett gescheitert ist. Europa funkioniert nicht, der Terror ist um das Doppelte gestiegen, die Armut ist drastisch angestiegen. Zudem hat die Bundesregierung den Sozialstaat durch Hartz4 zerstört. Da muss man sich nicht wundern wenn aus einst sozialen Menschen immer mehr Asoziale hervorkommen wie Hr. z.b Hrn. Söder,Vogel,Pegida und IS-Leute, die mit ihren wiederlichen, hassverblendeten Kleingeist der Gesellschaft schaden zufügen.
3.
d.enkmalwieder 15.11.2015
Danke an den Autor für diese wichtigen richtigen und besonnen Worte. Der Herr Söder und Co. sollten sie sich zu Herzen nehmen...
4.
el.cuestion 15.11.2015
Ich würde gerne mit diesem Artikel antworten: http://www.cicero.de/weltbuehne/islamistischer-terror-paris-der-krieg-ist-da/60120
5. Bildung, Aufklärung, freie und schöne Gesellschaft ohne Anziehungskraft
kyon 15.11.2015
"Warum also nicht: "Mehr Lehrer"? "Mehr Sozialarbeiter"? "Mehr Jobs"? Mehr Bildung, mehr Aufklärung, mehr Möglichkeiten, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen, die es gilt, in ihrer Freiheit und Schönheit zu bewahren?"(Diez) Bildung, Aufklärung, Teilhabe an der freien und schönen Gesellschaft besitzen in der islamisch sozialisierten Gemeinschaft mehrheitlich keine Anziehungskraft, ganz im Gegenteil. Da mehr zu investieren, ist vergebene Liebesmüh. Es ist das alte Lied: Wir sind in der Bringschuld, nicht die Muslime mit ihrer Weltanschauung. Die aber gilt es rückzubauen, um von innen her frei zu werden für die Einlassung auf eine offene Gemeinschaft jenseits der Religion. Daran aber ist nicht im Entferntesten zu denken. Förderung gibt es genug, es mangelt an Forderungen.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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