Kommentar zum Anschlag in Paris Wir alle sind Charlie

Der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" darf unser Denken nicht beeinflussen, weder das der Islamkritiker noch das der Muslime - sonst ist die Freiheit verloren.

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Trauer in Paris: Pärchen mit "Charlie Hebdo"-Solidaritätsplakat
AFP

Trauer in Paris: Pärchen mit "Charlie Hebdo"-Solidaritätsplakat


Zwölf Menschen sind tot, weitere sind teils schwer verletzt. Vier Zeichner der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" mussten sterben, weil sie gezeichnet haben, was Fanatiker nicht sehen wollten. Zwei Polizisten mussten sterben, weil sie diese Freiheit schützen sollten. Sechs weitere Menschen mussten sterben, weil sie den drei schwerbewaffneten Mördern in den Weg gekommen sind bei ihrem Attentat auf die Freiheit.

Wenn der bewaffnete Angriff auf die Redaktionskonferenz von "Charlie Hebdo" dazu führt, dass Islamkritiker und Satiriker nun plötzlich Rücksicht nehmen, dann hat der Terror gewonnen. Doch gewonnen hat er auch, wenn jetzt jeder gläubige Muslim im Verdacht steht, ein gewaltbereiter Islamist zu sein. Der Terror darf keinen Einfluss auf das Handeln und Denken des Einzelnen bekommen - sonst ist die Freiheit verloren. Jetzt erst recht muss die offene Gesellschaft beweisen, dass sie in der Lage ist, unterschiedlichste Anschauungen zu integrieren - und zu ertragen.

Wer am Tag des Anschlags meint, den toten Zeichnern von "Charlie Hebdo" hinterherrufen zu müssen, es sei "dumm" von ihnen gewesen, "Muslime zu provozieren", wie es der Autor Tony Barber in der Online-Ausgabe der "Financial Times" tut, hat also zwar die Freiheit dazu, doch er irrt doppelt: Er unterstellt, dass die Mörder Repräsentanten aller Muslime seien, und nicht etwa fanatische Gewalttäter, die von der übergroßen Mehrheit der Islamgläubigen genauso verabscheut werden wie von jedem anderen vernunftbegabten Menschen. Und er gibt den Terroristen nachträglich recht, weil er Rücksicht auf deren barbarische Weltsicht einfordert, wo eigentlich das Recht auf Meinungsäußerung zu verteidigen wäre - auch dann, wenn dieses wenig konstruktiv ausgeübt wird, auch dann, wenn es nervt.

Wer am Tag des Anschlags meint, es sei jetzt die Gelegenheit gekommen, sich selbstzufrieden damit zu brüsten, ja schon lange vor gewaltbereiten Islamisten gewarnt zu haben, wie es die Pegida-Organisatoren auf ihrer Facebook-Seite tun, wer jetzt versucht, aus dem schrecklichen Anschlag politisches Kapital für seine rückwärtsgewandte Partei zu schlagen, wie es der AfD-Funktionär Alexander Gauland tut, hat zwar die Freiheit dazu, doch er betreibt ein verabscheuungswürdiges Geschäft mit der Spaltung der Gesellschaft.

Nein, jetzt ist die Zeit, die Mörder zu finden und zu bestrafen, sie und all jene, die mit ihnen gemeinsame Sache machen. Jetzt ist die Zeit, um die zwölf ermordeten Menschen zu trauern. Gemeinsam mit ihren Familien und Freunden. Gemeinsam mit den Franzosen, die mitten in ihrer Hauptstadt am helllichten Tag den Terror erleben mussten. Gemeinsam auch mit allen friedliebenden Muslimen, Christen, Juden, Gläubigen jeder Religion, Agnostikern und Atheisten, die wohl zurecht befürchten müssen, dass der Anschlag von Paris das Zusammenleben noch schwerer macht, dass Hass mit noch mehr Hass und Gewalt mit noch mehr Gewalt beantwortet werden wird.

Später können wir uns wieder darüber streiten, mit Worten und mit Bildern, welche Religion die beste ist - oder gar keine. Später können wir uns wieder streiten, ob eine Zeichnung lustig ist oder beleidigend oder einfach nur doof. Später können wir wieder demonstrieren für das eine Weltbild oder sein Gegenteil. Aber jetzt müssen alle, die keinen Hass wollen, alle, die Gewalt verabscheuen, zusammenstehen - egal, was sie sonst trennen mag.

Denn wir alle sind Charlie.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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TS_Alien 08.01.2015
1.
Die Satiriker haben nichts falsch gemacht. Im Gegenteil. Und dennoch haben sich Menschen gefunden, die ihnen feige nach dem Leben getrachtet haben. Das beeinflusst hoffentlich das Denken etlicher Menschen, die die Gefahren des militanten Zweigs des Islam immer noch unterschätzen bzw. ignorieren. Die Unterstützer oder Mitwisser der Täter sind Mittäter. Sie müssen ebenfalls zur Rechenschaft gezogen werden.
Hank Hill 08.01.2015
2. Der Autor hat Recht
Eigentlich sollten alle angesehenen Zeitungen Cartoons von Charlie Hebdo nachdrucken. Der Anschlag ist ein Angriff auf unsere Freiheit. Es darf keinen Aufruf zum Hass geben aber auch keine Verniedlichung, Relativierung, oder Beschwichtigung. Die Moslems müssen verstehen, (auch wenn viele das schon tun) daß in unserer Gesellschaft Satire und Spott ihren Platz haben, auch wenn es um Religion geht. Charlie Hebdo ist in der Vergangenheit 12 mal von der katholischen Kirche verklagt worden und hat jeden Prozess gewonnen. Das ist unser Wertesystem, Gewalt hat darin nichts zu suchen.
thunderstorm305 08.01.2015
3. Wo ist unsere Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung?
Und doch wird dieser Anschlag großen Einfluss auf unsere Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung haben. Man wird sich überlegen welche Karikatur man in Zukunft in die Zeitung übernimmt. Aus falsch verstandener Rücksicht wird man auf das eine oder andere verzichten und z.B. Mohammed Bilder nicht abdrucken. Vermutlich werden die christlichen Kirchen mit dem gleichen Argument kommen und gegen die üblichen Bilder und Vergleiche die sie bisher ertragen mussten vorgehen. Damit haben die Terroristen auch schon gewonnen. Dänemark hat bereits heftige Erfahrungen sammeln können was passieren kann wenn man sich für die Grundrechte einsetzt. Das wird im islamischen nicht aufgeklärten Ausland nicht verstanden. Es ist schon interessant dass in den täglichen Meldungen mindestens von einem Sprengstoffanschlag in den islamischen Ländern berichtet wird. Das gibt einem schon zu Denken.
telda 08.01.2015
4. Andersartigkeit akzeptieren
"Jetzt erst recht muss die offene Gesellschaft beweisen, dass sie in der Lage ist, unterschiedlichste Anschauungen zu integrieren - und zu ertragen." So wahr wie klar formuliert, danke. Wir müssen und können nicht mit allen einer Meinung sein, wir müssen nicht einmal mit allen diskutieren. Jeder hat das Recht auf seine Meinung, muss aber damit rechnen, dass Andere eben anderer Meinung sind. Und dabei muss es aber auch belassen werden. Gewaltanwendung ist und bleibt inakzeptabel.
Mig271 08.01.2015
5. Inspirierend
Toll geschriebener Artikel. Sehr inspirierend!! Für dieses Feedback habe ich mich sogar für das Forum registriert.
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