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Anti-Islam-Film: Wollt ihr die totale Langeweile?

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Wozu die Aufregung? Beim westlichen Publikum wird der holländische Rechtspopulist Geert Wilders mit seinem Anti-Islam-Video auf Unverständnis stoßen. Denn sein filmisches Pamphlet bedient sich genau jener Bilder und Methoden, die sonst nur Islamisten benutzen.

Verstümmelte Leichen liegen aufgebahrt auf der Erde, Opfer eines islamistischen Terroranschlags, ihr Fleisch verkohlt. Und im Hintergrund dräut es so trauervoll wie bedrohlich - "Aases Tod" ist zu hören, aus Edvard Griegs erster "Peer Gynt Suite". Es ist einer der wenigen Momente in dem filmischen Pamphlet "Fitna" ("Zwietracht") des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders, der sich modernen Filmhandwerks bedient: Man fühlt sich an Szenen aus Steven Spielbergs "Schindlers Liste" erinnert, wo getragene Streichermusik die Gräueltaten der Nazi-Schergen unterlegt. Der Rest von "Fitna" erinnert hingegen an die Heimproduktion eines Familienvaters, der im Hobbykeller seine auf Digi-Cam gebannten Eindrücke vom letzten Spanien-Trip zu einem Urlaubsvideo zusammengestümpert hat.

Anfangsbild aus Geert Wilders Anti-Islam-Video "Fitna": Naive Perfidie und Furor der Anti-Aufklärung
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Anfangsbild aus Geert Wilders Anti-Islam-Video "Fitna": Naive Perfidie und Furor der Anti-Aufklärung

Doch wie soll sich ein westliches Publikum, das mit den aufwendig inszenierten Bilderwelten Hollywoods groß geworden ist, mit dieser dilettantisch inszenierten, antiquierten Hauruck-Ästhetik politisch mobilisieren lassen, die Wilders in "Fitna" bietet?

Da müsste schon ein Filmer vom Format eines Michael Moore her, der mit seinem populistischen Witz und seinem scheinbar naiven Moralismus immerhin eine postmoderne Variante des Propaganda-Films etabliert hat. "Fitna" ist davon weit entfernt. Ein alarmistisches Crescendo der Bedrohung wollte Wilders wohl erzeugen - doch sein zugleich boshaftes und biederes 15-minütiges Filmchen dürfte beim westlichen Publikum verpuffen.

Wilders bedient sich schlichtester Mittel der Propaganda, er collagiert, er kontrastiert. Er zeigt und zitiert einschlägig bekannte Suren aus dem Koran, die die vermeintliche Aggressivität des Islam beweisen, schneidet Bilder von den Anschlägen auf das World Trade Center oder die Madrider U-Bahn dagegen, zeigt dann Muslime auf der Straße, die "God bless Hitler"-Schilder vor sich her tragen oder aufgebrachte Massen, die mit Säbeln rasseln. Und so vermischt er auf diffamatorische aber ebenso sattsam bekannte Weise den Islam mit den Islamisten.

Ad infinitum bedient sich der Film also jener Schock-Bilder, die bereits auf allen TV-Nachrichtenkanälen zu sehen waren, um sie mit simpler Gegenschnitt-Technik zu einer Kaskade karikaturenhafter Verzerrungen des Islam zu verschmelzen. Doch genau deswegen strahlt Wilders' Werk auch eine naive Perfidie und einen Furor der Anti-Aufklärung aus, wie sie sonst nur in Al-Qaida-Rekrutierungsvideos zu finden sind.

Denn die arbeiten mit derselben Technik wie sein Film auch, zeigen gar dieselben Figuren und Bilder: Etwa jene Prediger, die im vermeintlichen Namen Allahs junge Menschen zum Terrorismus verführen sollen. Oder die Horroraufnahmen nach den Anschlägen in New York, London oder Madrid, blutende Opfer, verstümmelte Körper. Nur sind die Prediger in den islamistischen Videos positiv besetzte Einpeitscher und spirituelle Führer, und die im Westen beklagten Opfer des Terrorismus gelten den islamistischen Filmemachern als reiche Ernte ihres irrwitzigen Kampfes im vermeintlichen Namen Allahs.

Propagandistische Plumpheit

Immer wieder spielt Wilders mit pseudo-dokumentarischem Eifer jene bellenden Hassprediger ein, die von der Eroberung Europas durch den Islam künden oder zum Dschihad aufrufen. In diesen Abschnitten wirkt der Film so unbeholfen wie eine didaktisch übermunitionierte Parodie auf Schulfilme, die Drittklässlern gezeigt werden, um sie mit der Zeit des Nationalsozialismus vertraut zu machen: Erst ein paar Auszüge aus Goebbels berühmt-berüchtigter Sportpalast-Rede ("Wollt ihr den totalen Krieg?"), dann schnell ein paar Leichenbilder aus den Vernichtungslagern, damit jeder begreift, wohin das führt.

Diese handwerkliche Beschränktheit ist in gewisser Hinsicht konsequent. Wilders orientiert sich - ob gewollt oder ungewollt - am eigentlichen Zielpublikum seines Films: Wer wollte, zumal nach Ansicht dieses Machwerks, bezweifeln, dass Wilders' wirkliches Publikum eben nicht latent besorgte Europäer oder US-Amerikaner sind, sondern die Islamisten? Jene Fanatiker, die seinen Film jetzt missbrauchen werden, um das Volk auf den Straßen Teherans, Kairos oder Beiruts anzustacheln?

Und so macht sich der Rechtspopulist und sein Machwerk zum Teil eines selbstreferentiellen Systems gegenseitiger, propagandistischer Befeuerung. Das dient zu nichts anderem, als die jeweils eigene Paranoia als Wirklichkeit zu deklarieren und die jeweils eigene Radikalposition bestärkt zu sehen, wenn die Gegenseite mit ähnlich propagandistischer Plumpheit zurückschlägt.

Man kann nur darüber spekulieren, wo Wilders' Film zumindest auszugsweise einen Niederschlag findet. Ein guter Tipp ist: In den Propaganda-Videos fanatischer Islamisten.

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