S.P.O.N. - Der Kritiker Aus der Mitte entspringt der Hass

Die antisemitische Facebook-Karikatur in der "Süddeutschen Zeitung" ist ein Beleg dafür, dass Rassismus und Ressentiment nicht nur bei bierbäuchigen Horden in Trabantenstädten wohnen, sondern auch in den Altbauwohnungen der Akademiker, der Studienräte, der höheren und mittleren Angestellten.

Eine Kolumne von


Vergangene Woche erschien in der "Süddeutschen Zeitung" eine Zeichnung, an der man exemplarisch sehen kann, wie Rassismus und Ressentiment funktionieren.

Die Meldung war, dass Facebook den Nachrichtenservice WhatsApp gekauft hat, die Interpretation war, dass damit der Zugriff von Facebook auf die Daten von Millionen von Nutzern wächst: Eine Wirtschaftsgeschichte also mit technologischen Aspekten und weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Folgen.

Man kann das analysieren, man kann das kritisieren, man kann versuchen, für den Einfluss und die Wirkung von Facebook in der heutigen Welt ein Bild zu finden - aber warum sollte der erste Gedanke sein, dass der Gründer von Facebook Jude ist?

Was hat das mit dem Kauf von WhatsApp zu tun? Was hat das mit der Realität von Facebook zu tun? Was hat das mit der langsam steigenden Angst und Skepsis vor Big Data zu tun? Was hat das mit überhaupt irgendetwas zu tun? Und was wäre die Aussage?

Auf der Zeichnung von Burkhard Mohr, die auf der Meinungsseite der "Süddeutschen Zeitung" erschien, ist ein Krake zu sehen, der mit seinen Tentakeln nach Laptops greift. Dieser Krake hat ein Gesicht. Das Unternehmen Facebook wird also ikonografisch mit einer Person gleichgesetzt, was bei BMW oder sogar so personenbezogenen Unternehmen wie Apple und Microsoft kaum geschieht.

Der Krake sieht aber nicht aus wie der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Der Krake hat einen lüsternen, verschlagenen Blick und zusammengekniffene Augen, er hat einen großen Mund mit fetten Lippen und einem hungrigen Grinsen, und in der Mitte des Gesichts thront eine mächtige, krumme Nase. Der Krake schaut aus, so viel Geschichtswissen kann man schon voraussetzen, wie "der Jude".

So geht Rassismus, in diesem Fall Antisemitismus: Man nimmt ein gesellschaftliches Problem oder auch nur einen erst mal ganz normalen Business-Deal, man personalisiert diesen abstrakten Vorgang und versieht das Ganze gleichzeitig wieder mit eher abstrakten, angeblich phänotypischen Details, die gar nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben - man schafft dadurch ein Klima des Verdachts, man appelliert an ein Potential von Vorurteil und sogar Hass, das immer leicht abrufbar ist.

Die Mitte setzt sich selbst ins Recht

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie sich der Zeichner darüber wundern kann, dass ihm Antisemitismus vorgeworfen wird - Bilder von krakenhaften Juden hat schon der "Stürmer" gedruckt. (Lesen Sie hier die Stellungnahme des Zeichners.) Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wie diese Zeichnung in der "Süddeutschen Zeitung" gedruckt werden konnte - vor nicht mal einem Jahr hatte sie schon mal Ärger wegen des Vorwurfs des Antisemitismus.

Und es macht es auch nicht besser, dass die Zeichnung dann hastig ausgetauscht wurde gegen das Bild eines Kraken, bei dem an der Stelle des Gesichts mit der krummen Nase nun ein viereckiges schwarzes Loch zu sehen ist - es öffnet sich hier bildlich ein realer Abgrund, der sonst nur verdeckt ist.

Der ganze Vorgang zeigt vor allem eins: Rassismus, Ressentiment, Antisemitismus existieren nicht am Rand der Gesellschaft, nicht in fernen Ländern, sondern genau hier, genau in der Mitte.

Es braucht sich also niemand zu wundern, wenn in dieser Woche der Europarat Deutschland wegen Rassismus und Intoleranz kritisiert.

Es braucht sich niemand zu wundern, wenn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bürgerliche Reaktionäre wie der Rechtsprofessor Christian Hillgruber eine homophobe Minderheit und ihre angeblich bedrohten Grundrechte schützen wollen, während von Arizona bis Uganda über schwulenfeindliche Gesetze gestritten wird.

Und es braucht sich auch niemand darüber zu wundern, dass Thilo Sarrazin an diesem Sonntag ausgerechnet im Berliner Ensemble, vor dem Bertolt Brecht immer noch auf seinem Denkmal sitzt, über sein neues Buch diskutiert.

Die Mitte definiert sich gern selbst und setzt sich damit ins Recht, auch moralisch, das ist der Trick der Mitte.

Aber das Ressentiment wohnt eben nicht nur in den Trabantenstädten, wo die Horden in T-Shirts, unter denen sich der Bierbauch spannt, gegen das nächste Asylbewerberheim demonstrieren - das Ressentiment wohnt auch in den Altbauwohnungen der Akademiker, der Studienräte, der höheren und mittleren Angestellten, die sich mit dem richtigen Gewissen und der richtigen Zeitung bewaffnen.

Und Antisemitismus ist, anders als Homophobie, offen nach links wie nach rechts.

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