Debatte über Antisemitismus Doch, es ist schlimm

Haben wir es uns zu bequem gemacht in unserer schönen, freien Laisser-faire-Gesellschaft? Tabubrüche wie der Echo-Skandal oder Angriffe auf jüdische Bürger deuten auf schmerzhafte Haltungsschäden hin.

Jüdische Kinder mit Kippa in Hamburg
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Jüdische Kinder mit Kippa in Hamburg

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Was bedeutet es, wenn wir im Frühjahr 2018 aufgefordert werden, uns mit jüdischen Bürgern zu solidarisieren, indem wir uns einen Abend lang öffentlich eine Kippa tragen, weil Juden in Deutschland auf offener Straße beschimpft und angegriffen werden? Was bedeutet es, wenn wir zwei Wochen lang darüber diskutieren, ob zwei sehr erfolgreiche Rapper für eine menschenverachtende Zeile über Auschwitzinsassen mit dem wichtigsten deutschen Musikpreis ausgezeichnet werden dürfen?

Und was bedeutet es eigentlich, dass in den Monaten zuvor mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland die CD dieser Rapper mit jener und vielen anderen unerträglich geschmacklosen Textzeilen gekauft und gehört und auf die Straße weitergetragen haben?

Es bedeutet, dass wir in Deutschland ein Problem haben. Es bedeutet, dass wir darüber reden müssen, welche Gesellschaft wir künftig sein wollen und welche Gesellschaft wir überhaupt sein können. Welche Vorzeichen und Bedingungen unabänderlich sind - und welche sich, zwangsläufig oder willentlich, verändern dürfen. Wir müssen verhandeln, wo in Deutschland die Grenzen des Sagbaren und der Gleichgültigkeit vor der Geschichte liegen.

Einige Leser wollen wohl spätestens jetzt aus diesem Text aussteigen. "Grenzen des Sagbaren", "Gleichgültigkeit vor der Geschichte", das sind inzwischen bei vielen vergiftete Reizworte, Kampfformeln in einem Diskurs, der noch nicht offen genug geführt wird, weil er anstrengend ist: Jetzt kommt er gleich mit der Holocaust- und dann mit der Nazi-Keule, stöhnen einige wohl jetzt genervt. Sie wollen nicht unter die moralische Fuchtel genommen werden, sie leiden unter einem gefühlten Diktat politischer Korrektheit, noch so ein Kampfbegriff, und sie wollen ihre Ruhe haben. Sie wollen Normalität in Deutschland.

Ungemütlicher Trend

Und damit liegen sie sogar in einem ungemütlichen Trend, der seinen Beginn schon lange vor dem Zuzug hunderttausender Flüchtlinge, vor dem Battle-Rap von Kollegah und Farid Bang, dem Echo-Skandal, Juden-Diskriminierung auf Schulhöfen oder dem aktuellen Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli in Berlin hatte. Schon 2015 ermittelte eine Bertelsmann-Studie, dass 81 Prozent der Bevölkerung die Geschichte der deutschen Judenverfolgung am liebsten hinter sich lassen würden, 58 Prozent sehnten sich nach einem "Schlussstrich". Gleichzeitig gaben 48 Prozent an, eine schlechte Meinung über Israel zu haben.

Beide Zahlen stehen in direktem Zusammenhang, denn um sich des Holocaust-Schuldkomplexes zu entledigen, kommt der sogenannte Antizionismus, also die Kritik an einem jüdischen Nationalstaat, gerade Recht: Durch die "Besatzungspolitik" Israels wird das Volk der Opfer zu Tätern, die infame und inhaltlich absurde Gleichsetzung israelischer Politik mit dem NS-Regime ist da nur ein kleiner Schritt. Und schon muss man sich gar nicht mehr so schämen für Großvaters Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg, für die man ja ohnehin nicht in Sippenhaft genommen werden möchte.

Die feine Dialektik, die gerade in linken Kreisen gerne geführt wird, man werde ja wohl noch Israels Politik kritisieren dürfen, geht im Eifer der Empörung über das Palästinenser-Unglück oftmals unter: Volk, Staat, Glaubenszugehörigkeit, das alles gerinnt dann leicht zum Feindbild unterm Davidstern. Und das ist Antisemitismus, wie er auch in intellektuellen, linksliberalen Milieus seit Jahrzehnten unterschwellig dauerpräsent ist. Aber je weiter Weltkrieg und Holocaust in die Vergangenheit rücken und historisiert werden, je weniger Zeitzeugen sich in Verwandtschaft und Umfeld noch finden lassen, desto einfacher wird es eben auch, antijüdischen Gedanken, die man früher niemals laut geäußert hätte, freien Lauf zu lassen.

Suggestiver Schwall

Sie fallen, auch dank der Vernetzungskraft sozialer Medien, auf immer größeren Resonanzboden, der sich längst von der tradierten öffentlichen Diskurshoheit, also Politik und Medien, abgekoppelt und verselbstständigt hat. Hier entladen sich dann Unmut, Frust und Fake News in einen suggestiven Schwall, dem das gesellschaftliche Framing als Korrektiv fehlt. Hier verbreiten dann Rapper wie Kollegah und Haftbefehl oder Pop-Sänger wie Xavier Naidoo ihre antisemitisch durchwirkten Theorien über jüdische Finanz- und Weltverschwörungen, zeigt Bushido in seinem Profilbild eine Nahost-Karte ohne Israel.

Gleich nebenan, wenn nicht sogar im selben Kommentar-Thread, relativieren Rechte die Nazi-Verbrechen und fordern ultrarechte AfD-Politiker wie Björn Höcke eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Oder sie bezeichnen das Judentum als "inneren Feind" des christlichen Abendlandes, wie der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon.

Klar, die Antisemiten aus dem rechten Lager betrachten auch und vor allem den Islam als Bedrohung. Aber in ihrer zurzeit gesellschaftsfähiger werdenden Judenverachtung bilden sie ausgerechnet mit jenen aus dem arabischen Raum stammenden jungen Menschen eine unheilige Allianz, die vermehrt auf Schulhöfen und in jugendkulturellen Nischen das Macht- und Sprachdiktat übernehmen. Wenn sie, durch familiäre oder soziale Prägung, bei der jungen Generation das Wort "Jude" als Beleidigung wieder sagbar werden lassen, stößt das, wenn es so weitergeht, bald auf immer weniger Gegenwehr bei den Älteren, und zwar quer durch alle Milieus.

Schützenswerter Konsens

"Wir haben uns in Deutschland viel zu gemütlich eingerichtet. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus, ein bisschen Islam-Feindlichkeit - ist doch alles nicht so schlimm? Doch, es ist schlimm", sagte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, am Mittwoch vor dem Jüdischen Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg. Rund 2500 Teilnehmer waren dem Solidaritäts-Aufruf gefolgt in der Hauptstadt gefolgt und trugen Kippa. 2500, das sind nicht viele. Man kann das als Symptom einer wachsenden Gleichgültigkeit oder moralischen Ermüdung lesen, die ja noch dadurch verstärkt wird, dass die Deutschen im Alltag kaum mit Juden oder jüdischem Leben konfrontiert sind. Und da holt sie einen dann schon wieder ein, die deutsche Geschichte.

Der Respekt vor ihr und die damit verbundene Verantwortung, sich gegen Rassismus, ideologisch oder religiös motivierten Hass und Verhetzung zu stellen, all das ist doch die eigentliche Normalität in Deutschland, all das gehört zum Selbstverständnis dieser nach dem Krieg zu Wohlstand, Freiheit und Toleranz gewachsenen Gesellschaft.

Zumindest war das bisher ein guter, schützenswerter Konsens. Wer seine Ruhe auch weiterhin haben will, wird sie jetzt, auch wenn's mühsam ist, mit jeder verfügbaren Gewissens-Keule oder Moral-Fuchtel verteidigen müssen, die zur Verfügung steht. Damit es hier nicht noch ungemütlicher wird.

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