S.P.O.N. - Der Kritiker Wieder im Versteck

Juden, die in Deutschland nicht als Juden auffallen wollen, um sich zu schützen: Das ist nicht das Leben, wie es sein sollte.

Eine Kolumne von


Es sind die ganz normalen Tage des Antisemitismus im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts. Es ist der Alltag der Angst: Nach dem Mord an einem jüdischen Wachmann vor einer Synagoge in Kopenhagen versicherten Angela Merkel und François Hollande, dass sie Europas Juden beschützen werden. Aber wer so einen Schutz braucht und solche Beschützer hat, der hat eigentlich schon verloren.

In Frankreich waren gerade mal wieder massenweise jüdische Gräber geschändet worden, Benjamin Netanyahu hatte gerade den europäischen Juden cool empfohlen, nach Israel auszuwandern - und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte gerade den traurigen Satz gesagt, dass mit mehr Sicherheitsvorkehrungen "jüdisches Leben auch in Deutschland weiterhin möglich ist".

Am Mittwoch lief dann passenderweise ein neuer Anne-Frank-Film im Fernsehen, der für den bewährten deutschen Grauen-schafft-Wohlfühl-Effekt sorgte: Wo die Sorge um tote Juden die Sorge um lebende Juden ersetzt.

Und am Donnerstag war zu lesen, dass die jüdische Gemeinde in Berlin ihre Zeitung nur noch in unauffälligen Umschlägen verschickt, damit die Juden nicht als Juden auffallen, auch die Kippa sollten sie vielleicht vermeiden, den Davidstern sowieso.

Das ist nichts anderes als das Ende der Freiheit, der Würde, des Lebens, wie es sein sollte.

Ein "Arbeitskreis Antisemitismus" - ohne Juden

"Schutzjuden" gab es ja schon früher, die für ihr Leben und ihre Sicherheit mit Steuern bezahlten und die dennoch, wie im Fall des berühmtesten unter ihnen, Joseph Süß Oppenheimer, am Galgen endeten.

Aber keine Sorge, das Bundesinnenministerium hat längst reagiert und einen "Arbeitskreis Antisemitismus" eingerichtet - allerdings erst einmal ohne Juden: Auf die Kritik daran reagierte eine Sprecherin mit der einleuchtenden Aussage, dass die Religionszugehörigkeit kein Auswahlkriterium gewesen sei.

Juden sind einfach zu sehr betroffen, zu aufgewühlt, zu emotional, um objektiv die Lage einzuschätzen.

Dafür gibt es aber auch die deutsche Wissenschaft, die sich sehr objektiv um solche Probleme kümmert - das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin etwa, das gerade einen Bericht zur Situation in der Hauptstadt veröffentlicht hat, der sich allerdings wie eine einzige Vermeidungsarie liest.

"Die Deutungskonflikte um Antisemitismus, der Schweregrad von Antisemitismusvorwürfen und die Uneinigkeit in Öffentlichkeit und Wissenschaft in Definitionsfragen führen zu einer Situation der Unsicherheit", heißt es da - nur ist damit nicht die Unsicherheit der Juden gemeint, sondern derjenigen, die über Juden reden und die ihren Antiisraelismus und Antizionismus so oft in Antisemitismus hinübergleiten lassen.

Israelkritik und die "Möglichkeit einer antisemitischen Lesart"

Und je länger man den Bericht liest, desto mehr scheint es, dass eher die Definition von Antisemitismus das Problem ist als der Antisemitismus selbst.

Gerade bei der Israelkritik, so steht es im Bericht, gibt es etwa die "Möglichkeit einer antisemitischen Lesart, die aber keinesfalls zwingend ist". Aber was bedeutet das in einer Zeit, in der ein Brandanschlag auf eine Synagoge als "Israelkritik" bezeichnet wird und die Täter nur zu Bewährungsstrafen verurteilt werden?

So war das gerade in Wuppertal, wo drei Palästinenser, die in Deutschland leben, nachts mit Molotowcocktails die Synagoge angegriffen hatten. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat, sagte der Richter.

Aber was genau macht es für einen Unterschied, ob Synagogen wegen Israelkritik oder Antisemitismus brennen?

Und können in Zukunft auch Rechtsradikale, die eine Moschee anzünden, sagen, sie wollten nur gegen die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien demonstrieren?

Eines zeichnet sich bei all dem jedenfalls schon mal ab: Kommissionen ohne Juden, Anne-Frank-Filme ohne Juden, Forschungsberichte ohne Juden, Trauern ohne Juden. Keine Probleme ohne Juden.

Anne-Frank-Filme wird es auch geben, wenn die letzten Juden gegangen sind.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Kritiker


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.