Antisemitismus-Vorwurf wegen Karikatur "SZ" bezeichnet Veröffentlichung als "Fehler"

Der Bildtext zu einer Karikatur in der "Süddeutschen Zeitung" erhitzt die Gemüter: Kritiker werfen dem Blatt Antisemitismus vor, der Zeichner Ernst Kahl ist entsetzt. Das American Jewish Committee reicht Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Die "SZ" bezeichnet die Veröffentlichung als "Fehler".

Karikatur von Ernst Kahl in der "SZ" vom 2. Juli: Monster mit gezücktem Messer
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Karikatur von Ernst Kahl in der "SZ" vom 2. Juli: Monster mit gezücktem Messer


Hamburg/Berlin - Die Karikatur von Ernst Kahl zeigt ein Monster mit gezücktem Messer, das im Bett auf sein Frühstück wartet. In der Bildunterschrift im "Politischen Buch" der "Süddeutschen Zeitung" heißt es am Dienstag dazu in Bezug auf ein rezensiertes Buch: "Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist."

"Ich bin entsetzt", kommentierte Kahl in der "Jüdischen Allgemeinen" den Bildtext unter seiner Karikatur. Die "SZ" habe einen Fundus seiner Bilder, aus dem sie sich immer wieder für Illustrationen bediene, allerdings ohne Rücksprache: "Ich wäre gern vorher gefragt worden. Dann hätte ich mit Sicherheit nein gesagt", erklärte der Zeichner.

In der "Welt" äußert sich der Publizist Henryk M. Broder zu der "fragwürdigen Karikatur", die an finstere Zeiten erinnere. "Alles nur ein Missverständnis?", fragt er, und erklärt: "Die Karikatur ist nicht neu. Und der Zeichner, Ernst Kahl, hatte weder Israel noch die Juden im Sinn." Deshalb machten erst der Kontext und die Unterzeile aus der ursprünglich harmlosen Zeichnung ein antisemitisches Machwerk. Die "Süddeutsche Zeitung" setze dort an, wo die antisemitische Wochenzeitung "Der Stürmer" im Jahr 1945 aufhören musste, schreibt Broder.

"Ein Fehler"

Ähnlich sieht es das American Jewish Committee (AJC, zu Deutsch: Amerikanisch-Jüdisches Komitee) - und hat am Mittwoch Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Das AJC fordert den Presserat auf, "die 'Süddeutsche Zeitung' für die Kombination von Bild und Bildunterschrift zu rügen".

Die "SZ" distanzierte sich am Mittwoch offiziell von der Kombination aus Karikatur und Unterzeile. Die Stellungnahme, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, erscheint in der Ausgabe vom Donnerstag. Darin heißt es: "Die Veröffentlichung der Zeichnung in diesem Kontext war ein Fehler."

Am Dienstag hatte sich die zuständige Redakteurin Franziska Augstein im Blog der "SZ" zu der Sache geäußert. Sie schreibt: "Nachdem das Bild zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen. Denn es soll ja über den Artikel diskutiert werden, nicht über die Bebilderung." Der Text von Heiko Flottau über zwei Israel-Bücher, deren Autoren um die Demokratie in Israel fürchten, lohne das Lesen und die Debatte, erklärt Augstein.

Die Karikatur illustriert eine Rezension zu zwei Büchern. Peter Beinarts Band "Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft" und den Titel "Staatsraison? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet" von Werner Sonne. Beinart ist amerikanischer Jude, er stelle die Frage, schreibt Flottau, "warum sich amerikanische Juden so sehr dagegen sträubten, sich in Israel für eine freiheitliche Demokratie einzusetzen". Und Werner Sonne schildert Flottau zufolge, "wie sich unter deutschen Parteipolitikern immer mehr Kritik an Israel breitmache, vorerst noch hinter den Kulissen".

bos

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