"Auge von Istanbul" Fotograf Ara Güler ist tot

Ara Güler war einer der bekanntesten Fotografen der Welt. Er porträtierte Berühmte und Mächtige, darunter Adenauer und Hitchcock. Am liebsten aber fotografierte er Istanbul. Nun ist er im Alter von 90 Jahren gestorben.

Ara Güler/ Magnum Photos/ Agentur Focus

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Ein Fotograf, sagte Ara Güler wieder und wieder, sei er nicht. Und ein Künstler? Da konnte er richtig ärgerlich werden. "Nein!" Mit Kunst habe er nun wirklich nichts am Hut! Er habe auch keinerlei Verständnis für die Leute, die Abzüge seiner Fotos für Tausende von Euros kauften. Obwohl, na ja, eigentlich sei es ja doch ganz gut, auf diese Weise Geld zu verdienen, sagte er und lachte in sich hinein. Und dann schob er hinterher: "Ich bin Journalist. Ein Reporter."

Fotografie sei das Dokumentieren der Welt, sagte er, und seine Welt war vor allem Istanbul. Das alte Istanbul der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Aber er zog auch später mit seiner Kamera durch die Stadt, man nannte ihn deshalb das "Auge von Istanbul". Seine Schwarz-Weiß-Fotos sollten das Bild seiner Stadt bis heute prägen, gemeinsam mit den Texten des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk.

Güler setzte die Metropole in Szene: die alte Straßenbahn im Schneegestöber, auf der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi; Fähren, Dampfschiffe und Fischer auf dem Bosporus; Handwerker, Arbeiter, die einfachen Leute auf der Straße. Istanbul sei für ihn "wie eine Schatulle voller Juwelen und kostbarer Steine", beschrieb er den Ort.

Er fotografierte aber auch Dalí, Churchill, die Callas, Tito, Fellini, Adenauer, Hitchcock. Güler war ebenso Porträtist der Schönen und Berühmten, der Reichen und Mächtigen. Er machte die letzten Aufnahmen von der indischen Regierungschefin Indira Gandhi, kurz bevor sie 1984 von zwei ihrer Leibwächter erschossen wurde. "Was bin ich gereist", sagte er einmal. "Eigentlich viel zu viel. Eigentlich genügt mir Istanbul." Die Alltagsmomente waren ihm lieber als die historischen Momente. Aber beides hielt er mit seiner Leica in Bildern fest.

Wenn man ihn in Istanbul in dem nach ihm benannten Café Ara traf, im Stadtteil Beyoglu, schimpfte er oft über seine Heimatstadt. "Sie ist so hässlich geworden!" Am meisten ärgerten ihn die Einkaufszentren, die neuen Straßen, die Bauwut. Die Menschen, fand er, hätten "den Sinn für Ästhetik verloren". Überhaupt fluchte er leidenschaftlich gern, nahezu jeden zweiten Satz brauchte man nicht mitzuschreiben, weil man ihn ohnehin nicht veröffentlichen konnte. Im Funkeln seiner Augen sah man ihm bis zuletzt seine diebische Freude an, wie er manche Reporter verzweifeln ließ. Ein paar Sätze später wurde er wieder milder. "Ach, selbst die hässlichsten Stellen sind doch ganz schön." Und dann: "Ich kenne diese Stadt. Ich habe ja in jede ihrer Ecken gepisst." Wieder dieses Lachen in seinen Augen.

Güler im August 2018 in Istanbul
AFP

Güler im August 2018 in Istanbul

Am 16. August 1928 wurde Güler in der Nähe des Taksim-Platzes als Sohn ethnischer Armenier geboren. In Beyoglu betrieb sein Vater, ein Kunstliebhaber, eine Apotheke. Der wollte, dass der Sohn Arzt wird. "Wir hatten viele Freunde, die Theaterleute waren", erinnerte Güler sich. "Mein Vater verkaufte ihnen Schminke." Den Sohn zog es zu den Künstlern, zu den Schillernden und Exzentrischen. Er wollte zunächst auch Schauspieler werden, dann Drehbuchautor oder Filmregisseur. Als Teenager hatte er mit dem Fotografieren angefangen, bald verkaufte er erste Bilder an türkische Zeitungen und Magazine. Das Fotografieren und Arbeiten im Fotolabor hatte er sich selbst beigebracht.

"Ach. Sind doch nur Fotos."

Güler begann eine Schauspielausbildung, studierte Wirtschaftswissenschaften und entschied sich schließlich doch für eine Karriere als Fotoreporter. Mit 22 Jahren heuerte er bei der Zeitung "Yeni Istanbul" ("Neues Istanbul") an, erwarb sich einen Ruf als Talent und bekam später Aufträge von Zeitschriften wie "Time Life", "Paris Match" und dem "Stern". Berühmte Fotoreporter wie Henri Cartier-Bresson förderten den jungen Türken, er wurde Mitglied der renommierten Agentur Magnum. Zwischendurch musste er seinen Wehrdienst in einer Panzerbrigade der türkischen Armee leisten. "Beschissene Zeit", beurteilte er sie rückblickend.

In seinem Archiv im Gebäude neben dem Café Ara stapelten sich Kisten mit den Negativen und Dias von seinen Reportagereisen, sortiert nach Ländern. Man müsste sie in klimatisierten Räumen aufbewahren, Abzüge erstellen, sie der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Ach", sagte Güler und winkte ab. "Sind doch nur Fotos." Im Büro nebenan hing zwischen Postkarten und Fotos eine Zeichnung, ein Original von Picasso. Er hat es ihm aus Dankbarkeit gezeichnet, weil Güler ihn so schön porträtiert hat.

Pablo Picasso. Shot by Ara Güler

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Im Dezember 2015 machte Güler noch einmal Schlagzeilen, als er in den Präsidentenpalast von Recep Tayyip Erdogan fuhr und den Staatschef und dessen Familie ablichtete. Dafür kassierte er eine Menge Kritik. Er sei doch nur Beobachter und mache sich nie mit denen, die er fotografiere, gemein, verteidigte er sich. Wer Güler kannte, wusste, wie kritisch er über Erdogan dachte.

Gesundheitlich ging es ihm schon seit ein paar Jahren nicht mehr gut. Mit 85, also vor fünf Jahren, kam er wegen einer schweren Nierenerkrankung auf die Intensivstation. Gerüchte kursierten, er liege im Sterben. Güler hörte davon, ließ sich prompt fotografieren und schickte das Bild per Twitter in die Welt. "Ich lebe noch", lautete die Botschaft. Aber seither musste er regelmäßig zur Dialyse. "Macht keinen Spaß", sagte er.

Am Mittwochabend ist er nun, nach einem Herzinfarkt, in seinem geliebten Istanbul gestorben.

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insgesamt 2 Beiträge
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ManRai 18.10.2018
1. Ein grossartiger und unvergleichlicher Fotograf
Ruhe in Frieden - aber rettet sein Archiv, es wird uns viel lehren
bhang 18.10.2018
2. Vor kurzem eine Doku
über Güler gesehen, "The Eye of Istanbul" (2015). Sehr empfehlenswert. https://imdb.com/title/tt5137986/ (was auffällt: er verwendet tatsächlich eine ziemlich derbe Sprache)...
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