Arbeitslosen-Soap "Stellmichein!" Jobritter der traurigen Gestalt

Das ZDF entdeckt die Arbeitslosen: In der deprimierend heiteren Dokusoap "Stellmichein!" wird über die Sehnsüchte und Selbstzweifel einer Gruppe Jobsuchender berichtet – zu einer Sendezeit, zu der allenfalls noch Arbeitslose vor dem Fernseher sitzen.

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Volker ist ein unverbesserlicher Optimist. Der Callcenter-Trainer ohne Anstellung sitzt nervös vor dem Telefon und tut so, als wäre er die Ruhe selbst. "Ich brauche diese Win-win-Situation", doziert er lässig in die Kamera. Das klingt so, als würde der Arbeitslose gleich einen internationalen Finanzdeal eintüten. Doch eigentlich will er sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung nur so lange beschwatzen, dass er ihn zum Vorstellungsgespräch einlädt. Das wäre für den anderen eine unverbindliche Geste, für Volker aber psychologisch ein Riesengewinn. Nein, hier stehen sich keineswegs zwei gleichberechtigte Partner gegenüber.

"Win-win-situation" – auch so ein Anglizismus, mit der die Verzweiflung auf dem Arbeitsmarkt geschönt wird. Der klingt fast so verheißungsvoll wie das Wort "Job-Center" für die Abfertigungsstelle, in der Hartz-IV-Empfänger verwaltet werden. Oder wie "Bewerbungscoach" für den Animateur, der die Arbeitsmarktaussätzigen mit ein bisschen Papierkram von ihrer Zwangslage ablenkt. Oder wie "Callcenter" für jene Art von Billiglohnbordell, wo verzweifelte Arbeitslose schließlich anfangen und sich per Telefon an andere Arbeitslose herankobern, um ihnen Dinge aufzuschwatzen, die sie nicht brauchen.

Die Arbeitslosigkeit hat in den letzten Jahren ein Imperium aus Lügen, Legenden und gespenstisch schönen Euphemismen hervorgebracht. Ein Zwischenreich, in dem die Jobsuchenden untot herumspuken, ohne sich wirklich Hoffnung darauf machen zu dürfen, in die Welt der Arbeitenden zurückzukehren. Man bleibt unter sich. Und an dem TV-Programmsektor, dem vor einiger Zeit mal das Etikett "Unterschichten-Fernsehen" angehängt wurde, lässt sich die Abgeschlossenheit dieser Arbeitslosengesellschaft am besten studieren: Hartz-IV-Empfänger schauen anderen Hartz-IV-Empfängern dabei zu, wie sie von Ernährungsberaterinnen oder Supernannys zusammengestaucht werden oder sich einfach nur untereinander das Leben zur Hölle machen. Das Privatfernsehen ist voll von diesen Selbstzerfleischungs-Soaps.

Maloche in dubiosen Unternehmen

Nun hat auch das ZDF ein Arbeitslosen-Format – und trägt ungewollt dazu bei, dass die Jobsuchenden auch weiter unter sich bleiben. Denn wer kann es sich schon leisten, mittwochs nach zwölf den Fernseher einzuschalten, außer eben Menschen ohne Jobs? Dabei ist die Doku-Soap "Stellmichein!", die neben Callcenter-Coach Volker vier weitere, ganz unterschiedliche Charaktere beim Kampf um Anstellung und Anerkennung zeigt, ein weitgehend gelungener Versuch ihre Misere ein bisschen differenzierter aufzubereiten. Abziehbilder von Hartz-IV-Empfängern sucht man - auch in den animierten Sequenzen, in denen die Arbeitslosen aus dem Off von ihren Erlebnissen bei der Jobsuche sprechen - vergeblich.

Da ist etwa der Diplom-Geograph Hermann, der seit seinem Studienabschluss im Callcenter malocht und auf der Suche nach seriöser Anstellung allerlei ominöse Unternehmen kennen lernt. So bewirbt er sich auf die Annonce eines Finanzdienstleisters, der nach eigenen Angaben einer der größten Europas ist. Doch Hermann erkennt recht schnell, dass es sich um einen Strukturvertrieb handelt. Eine Firma also, das mit einem Schneeballsystem operiert, durch das die Teilnehmer einander selber ausbeuten. So desolat ist Hermanns Situation dann doch nicht.

Auch Heidrun, eine ebenso arbeitlose wie aufgekratzte Empfangsdame und Sekretärin jenseits der 40, versucht man mit halbgaren Angeboten zu ködern: Voreilig unterschreibt sie einen Praktikumsvertrag als Leiterin eines Ferienlagers – zu Konditionen, durch die sie schlechter fährt als mit Arbeitslosengeld. Zum Glück hat Heidrun eine halbwüchsige Tochter, die ihre Mutter stets wieder auf die richtige Spur bringt. Sie rät ihr vom dubiosen Engagement ab und fügt jovial hinzu: "Musst du natürlich selbst wissen, du bist ja alt genug."

Machtlogik der Machtlosen

Das sind so die kleinen heiteren Momente, die sich in "Stellmichein!" vor die große Depression schieben. Jeder der hier Porträtierten hätte das Recht, die Flinte ins Korn zu werfen, aber alle ziehen wacker und gelegentlich mit tragikomischer Chuzpe gegen die Trostlosigkeit im Hartz-IV-Land zu Felde. Oft verfangen sie sich im Netz aus Amtslügen und Selbstmanipulation. Dass sie dabei selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist auch Schauspielerin Hannelore Hoger zu verdanken, die den Kampf der Alltagshelden auf dem Windmühlenfeld der Arbeitslosigkeit aus dem Off kommentiert. Sie klingt dabei wie in ihrer Rolle als Ermittlerin Bella Block: emotional involviert, aber frei von klebriger Melodramatik. Das steht der Doku-Soap gut an.

Trotzdem bleibt es ein schmaler Grat, auf dem Regisseurin Katrin Rothe ("Dunkler Lippenstift macht seriöser") wandelt. Die Trennlinie zwischen Voyeurismus und Chronistenpflicht ist dünn. Zuweilen rückt sie den Jobsuchenden zu sehr auf die Pelle. Wenn der schüchterne Hermann einen Einlauf von seiner ehrgeizigen Freundin bekommt, hätte die Kamera ausbleiben sollen. Die peinigende Szene sagt nichts über die spezifische psychologische Problematik der Arbeitslosigkeit aus.

Anders liegt der Fall bei Volker, dem erwerbslosen Callcenter-Trainer. Auch mit ihm steigen die Macher von "Stellmichein!" in jene Beziehungsregionen hinab, wo es wirklich weht tut. Man kann davon ausgehen, dass der überreflektierte Volker weiß, auf was er sich bei dem Filmprojekt eingelassen hat. So offenbart er hier eine verquere Machtlogik, die unter Machtlosen weit verbreitet ist. Denn Volker fordert aus nicht so recht nachvollziehbaren Gründen, dass seine Frau Mandy gefälligst von einer beruflichen Laufbahn absieht und sich um die Kinder kümmert, während er mit seinen brillanten Ideen sicher bald wieder die Brötchen nachhause bringt. Dazu malträtiert er sie auf dem abendlichen Balkon mit jener Auskenner-Litanei, die er sonst bei seinen Schulungen als Callcenter-Coach einsetzt. Geben Sie diesem Mann bitte schnell einen Job! Schon damit seine Frau endlich wieder ihre Ruhe hat.


"Stellmichein!", ZDF, 1. Folge: Mi., 8. Nov., 0.10 Uhr;

2. Folge: Mi., 15. Nov., 0.05 Uhr;

3. Folge: Mi., 22. Nov., 0.35 Uhr;

4. Folge, Mi., 29. Nov., 0.05 Uhr.



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