Arbeitsmarktdebatte bei Illner Die Last mit dem Gast

Kann der Zuzug von ausländischen Fachkräften die deutsche Wirtschaft retten? Maybrit Illner diskutierte mit Fachleuten über den "Arbeitsmarkt absurd" - und vermittelte neue Einblicke in eine heikle Debatte. Doch die prägnanteste Antwort kam aus dem Publikum.

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Aktionsprogramm ist ein tolles Wort. Es klingt nach Anpacken, nach Entrümpelung, nach einem beherzten "Jetzt geht's los!" Von Politikern in den Mund genommen, verliert es allerdings schnell seinen Zauber. Dann steht es in Zusammenhängen wie diesen: "Aktionsprogramm Arbeitsmigration zur Sicherung der Fachkräftebasis in Deutschland". Selbiges wurde erst am Mittwoch von der Bundesregierung beschlossen und bereits am gestrigen Donnerstabend bei Maybrit Illner diskutiert.

Moderatorin Illner, Unternehmer Marx: Auf ewig "Gastarbeiter"
ZDF

Moderatorin Illner, Unternehmer Marx: Auf ewig "Gastarbeiter"

Im Prinzip meint die von Arbeitsminister Olaf Scholz und Innenminister Wolfgang Schäuble präsentierte Kabinettsmaßnahme: Polen und Tschechen, seid herzlich willkommen - aber nur unter diesen Voraussetzungen und zu jenen Bedingungen! Und überhaupt: Nur so lange wir es wollen.

Es ist also alles wie immer in Deutschland, das sich mit seinem Status als Einwanderungsland viel schwerer tut als seine europäischen Nachbarn - und sogenannte Aktionsprogramme eben gerne bürokratisch verbrämt. Wie lautet doch schon eine beliebte deutsche Redensart: Was man im Zeichen echter Gastlichkeit beschert, das ist ein paar Extra-Klauseln wert.

Ein recht komplexes Regelwerk ist das Programm jedenfalls geworden, mit dem die Bundesregierung nun den Fachkräftemangel beheben will, ohne den Zustrom von Billiglohnarbeitern zu begünstigen. Es gibt da einige sonderbare Formulierungen, zum Beispiel die der "temporären Migration", die Schäuble im Vorfeld verbreitete und in der sich die Begrenztheit der deutschen Gastfreundschaft offenbart. So fragte Maybrit Illner zu Recht: "Spricht man so eigentlich eine Einladung aus?"

Auf ewig "Gastarbeiter"

Unter anderem hatte sie sich die Moderatorin Alparslan Marx in die Runde geholt, einen türkischstämmigen Bauunternehmer, der sich über die überschaubare Integrationsfreude seitens der deutschen Gesellschaft wunderte: Woanders würden Einwanderer als neue Mitglieder der Gesellschaft begrüßt, hierzulande blieben sie auf ewig "Gastarbeiter". Auswanderungswillige Arbeitskräfte aus der Türkei würden deshalb längst andere Länder ansteuern.

Ist das nun fatal - oder doch egal? Denn ob der Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland notwendig oder abwegig sei, darüber sollte ja eigentlich im ZDF diskutiert werden. Nicht jedem mag zum Beispiel einleuchten, dass bei drei Millionen Arbeitslosen dringend 400.000 ausländische Fachkräfte für die technischen Berufe benötigt werden.

"Es wird eine Sendung der Zahlen werden", hatte Illner die Zuschauer schon am Anfang gewarnt und dabei das Lächeln einer Mathelehrerin vor einem unangekündigten Test aufgesetzt. Weh getan hat es trotzdem nicht - was ein weiteres Mal die gestalterische und vermittelnde Qualität Illners und ihres Teams unter Beweis stellte.

Dabei hatten sie sogar Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger, den lächelnden schwäbischen Rechenschieber verpflichtet. Der benannte dann bis in dreistellige Bereiche hinein den Bedarf an Fachkräften für das von ihm geführte Bundesland. Auch Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Deutschen Handwerks, war arithmetisch schwer gerüstet, um für den Zuzug von Qualitätsgaranten zu argumentieren.

Wirtschaft: mangelhaft

Doch all diese Zahlen konnten Klaus Ernst, den geladenen Vizevorsitzenden der Links-Partei, nicht überzeugen. "Den Mangel hat die Wirtschaft selbst herbeigeführt, weil sie nicht genug Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt hat." Außerdem monierte er: "Wenn Arbeitskräfte von außen geholt werden, dann steigt die Konkurrenz, dann kann der Lohn hierzulande gedrückt werden."

Mit solchen Äußerungen rückte Ernst gefährlich nah an die fremdenfeindlichen Parolen, die mancher seiner Parteikollegen in der Vergangenheit losgelassen hatte (man erinnere sich an Lafontaines Satz von den "Fremdarbeitern"). Doch der Linkspolitiker konkretisierte seine Aussagen und verwies auf das Potential eben von deutschen und nicht-deutschen jungen Menschen im Lande, das einfach nicht genug ausgeschöpft werde.

Darauf hatten sowohl Oettinger als auch Schleyer keine Antworten parat. Sie forderten zwar langfristig eine vor- und frühschulische Förderung der zukünftigen Arbeitsmarktteilnehmer, die Folgen der Bildungsmisere schienen ihnen aber nur durch kurzfristiges, rigoroses Abwerben im Ausland behebbar zu sein. Die Rechnung: Die zugezogenen Qualitätslieferanten würden Industrie und Handwerk hierzulande derart nach vorne bringen, dass schwer vermittelbare Menschen dann locker in die prosperierende Wirtschaft zurückzuführen seien.

Dass das nur bedingt funktioniert, zeigte eine weitere von Illner präsentierte Zahlenreihe: 2001 seien 110.000 Deutsche ausgewandert, 2007 schon 165.000. Was diese Tendenz mit der Diskussion zum "Arbeitsmarkt absurd" zu tun hat? Ganz einfach: Während man ausländische Facharbeiter herbeilockt, wandern inländische ab. So wie zum Beispiel die deutsche Krankenschwester im Publikum, die seit ein paar Jahren in der Schweiz für gleiche Arbeit doppelten Lohn erhält. Nüchtern brachte sie es auf den Punkt: "Was in Deutschland die Polen sind, sind in der Schweiz die Deutschen."

Es gibt also einen ziemlich verqueren Ein- und Auswanderungsmechanismus, der wohl nicht alleine durch verklausulierte Aktionsprogramme zu überwinden ist. Zu Recht wagte Maybrit Illner deshalb die - unbeantwortet gebliebene - Schlussfrage an den migrationsfreudigen CDU-Ministerpräsidenten: "Herr Oettinger, sollen wir uns auch Politiker aus dem Ausland holen?"



insgesamt 155 Beiträge
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mzwk 18.07.2008
1. Politikergefasel....
Wir brauchen keine Auslaendischen Fachkraefte. Warum wurden denn die Weiterbildungsmassnahmen der Arbeitsagenturen gestrichen? Frueher konnte man, wenn man seinen alten Job nicht mehr machen konnte, umschulen und neues ausprobieren. Seit der Arbeitsmarktreform ist das nicht mehr moeglich. Und da wundert man sich jetzt? Das andere was Herr Ernst ansprach ist absolut korrekt: Die zugezogenen Fachkraefte druecken den Lohn, welcher aufgrund der realen Inflation eh schon viel zu niedrig angesetzt ist. Was ist denn eigentlich mit den noch verbliebenen Arbeitslosen? Will man diese Integrieren, oder will man diese mit 1 Euro Jobs und sinnlosen Weiterbildungsmassnahmen aus der Statistik haben, anstatt mal wirklich was zu machen? Es wundert mich nicht das die guten Auswandern aus diesem Land, in dem man sein hart verdientes groesstenteils fuers Leben ausgeben kann. Ebenso natuerlich wegen der schlechten Politik, um es mal sallop zu sagen. Mich wundert es nicht, denn ich bin auch einer der mit dem Gedanken spielt auszuwandern. Dieses Land hat keine Zukunft. mfg
Rainer Daeschler, 18.07.2008
2. Discount-Fachkräfte
Zitat von sysopKann der Zuzug von ausländischen Fachkräften die deutsche Wirtschaft retten? Maybrit Illner diskutierte mit Fachleuten über den "Arbeitsmarkt absurd" - und vermittelte neue Einblicke in eine heikle Debatte. Doch die prägnanteste Antwort kam aus dem Publikum. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,566597,00.html
Nur wenn sie nix kosten. Das Thema "Green Card" hatte sich auch schnell erledigt, als ein "Mindestlohn für Besserverdienende" für sie festgelegt wurde. "Die Wirtschaft", oder wer immer vorgibt für sie zu sprechen, meint "Discount-Fachkräfte", wenn von "Fachkräften" die Rede ist.
kdshp 18.07.2008
3. .....aw
Zitat von sysopKann der Zuzug von ausländischen Fachkräften die deutsche Wirtschaft retten? Maybrit Illner diskutierte mit Fachleuten über den "Arbeitsmarkt absurd" - und vermittelte neue Einblicke in eine heikle Debatte. Doch die prägnanteste Antwort kam aus dem Publikum. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,566597,00.html
Hallo, welche antwort ist hier gemeint ?
Andreas Heil, 18.07.2008
4. Ressentiment lässt grüßen
Zitat von sysopKann der Zuzug von ausländischen Fachkräften die deutsche Wirtschaft retten? Maybrit Illner diskutierte mit Fachleuten über den "Arbeitsmarkt absurd" - und vermittelte neue Einblicke in eine heikle Debatte. Doch die prägnanteste Antwort kam aus dem Publikum. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,566597,00.html
Schwer erträglich, mit welchen billigen Ressentiments bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen DIE LINKE agitiert wird: ... Doch all diese Zahlen konnten Klaus Ernst, den geladenen Vize-Vorsitzenden der Links-Partei, nicht überzeugen. "Den Mangel hat die Wirtschaft selbst herbeigeführt, weil sie nicht genug Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt hat." Außerdem monierte er: "Wenn Arbeitskräfte von außen geholt werden, dann steigt die Konkurrenz, dann kann der Lohn hierzulande gedrückt werden." _Mit solchen Äußerungen rückte Ernst gefährlich nah an die fremdenfeindlichen Parolen, die mancher seiner Parteikollegen in der Vergangenheit losgelassen hatte (man erinnere sich an Lafontaines Satz von den "Fremdarbeitern")_. Doch der Linkspolitiker konkretisierte seine Aussagen und verwies auf das Potenzial eben von deutschen und nicht-deutschen jungen Menschen im Lande, das einfach nicht genug ausgeschöpft werde. Darauf hatten sowohl Oettinger als auch Schleyer keine Antworten parat. ... Ernst hat natürlich recht. Oettinger und Schleyer haben genau deswegen auch keine Antwort gehabt. Man kann es aber auch andersherum viel einfacher betrachten: Wenn es stimmt, was Sinn, BDI, BDA und Konsorten seit Jahren in die Republik hinausposaunen, dass wir überhaupt Arbeitslosigkeit hätten, weil bei den ungelernten Kräften die Marktlöhne immer noch zu hoch seien (sie seien dann nicht "markträumend"), lässt sich der Nachfrageüberhang nach Fachkräften trotz Markträumung auch nur so interpretieren, *dass die Löhne der beschäftigten Facharbeiter offensichtlich deutlich zu niedrig sind*. Wären sie höher, wäre zudem der Anreiz wesentlich stärker, Kosten und Mühen für sehr weite Umzüge in Kauf zu nehmen bzw. Fortbildungsmaßnahmen vorzufinanzieren. Na so was. Aus dem Nähkästchen kann ich nämlich plaudern, dass mein Vater vor über 30 Jahren als Automatisierungsingenieur mal von Headhuntern umworben wurde, eine Abwägung sämtlicher Parameter aber letztlich ergeben hat, dass der Bruttoverdienst annähernd der doppelte des gegenwärtigen hätte sein müssen, damit sich das wirklich rechnet.
mexi42 18.07.2008
5. Ausländische Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft?
Deutsche Unternehmer haben die Nachwuchsausbildung aus kurzsichtigen Kostengründen vernachlässigt. Hinzu kommt der "Jugendwahn" aufdem Arbeitsmarkt: Leute über 40 Jahre sind unvermittelbar. Nun ist es an der Zeit, Arbeitslose einzustellen, zu schulen und anständig zu bezahlen. Vorbildlich dafür sind die Steigerungen der Manager-Gehälter. So verhindert man die Abwanderung Hochqualifizierter in die Nachbarländer. Die Bürokratie kann sich schlafen legen, da wir keine Ausländer benötigen.
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