Arbeitswelt-Kritiker Ebermann "Da wünsch ich mir die Servicewüste zurück"

Ein Lied auf Edeka! Ein Song auf Kaufland! Viele Firmen haben eigene Hymnen. Der Grünen-Mitbegründer Thomas Ebermann hat ein bissiges Satirestück dazu geschrieben. Im Interview sagt der Altlinke, warum Konzern-Kompositionen ernsthaft schädlich sind - und Humankapital eine doofe Idee ist.

Sven Heine

Wenn Thomas Ebermann in den achtziger Jahren mit sonorem Bass zur Systemkritik ansetzte, war ihm Aufmerksamkeit garantiert. Er war der überzeugendste Fundi der Grünen und eine querulantische Lichtgestalt im deutschen Talkshowgeschäft. 1990 trat er, wegen der, wie er es später formulierte, "Sozialdemokratisierung der Grünen" gemeinsam mit Gesinnungsgenossen aus der Partei aus und widmete sich in den folgenden Jahren eher schreibend der Kritik der Verhältnisse.

Gemeinsam mit Rainer Trampert hat Ebermann in den letzten zehn Jahren eine analytisch-sarkastische Form des Polit-Kabaretts geschaffen - Hunderte von Lesungen sowie Bücher und Audio-CDs mit Titeln wie "Verpasst Deutschland den Anschluss?" oder "Sachzwang und Gemüt" zeugen davon. Für seine "Vers- und Kaderschmiede" in der Hamburger Off-Bühne "Polittbüro" pflegt Ebermann auch die Hamburger Diskurspop-Intelligenzija einzuladen - von Rocko Schamoni über Schorsch Kamerun bis Bernadette La Hengst. Die sind auch in die Aufführung seines ersten Theaterstücks eingebunden: Für "Der Firmenhymnenhändler" nahmen Schamoni, Kamerun, La Hengst, Tocotronic, Kristof Schreuf und andere unter der Regie von Ted Gaier und Thomas Wenzel (Die Goldenen Zitronen) Unternehmenshymnen auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie denn auf das ja eher abseitige Thema Firmenhymnen gestoßen?

Ebermann: Das war eine Zufallsentdeckung auf einer langen Zugfahrt. Ich las einen Bericht, in dem die Frage gestellt wurde, ob man Fehltage über Firmenhymnen minimieren könne - ganz ohne ironischen Unterton! An der Uni Bielefeld wird sogar über den Nutzen von Firmenhymnen geforscht. Es kursieren Expertenmeinungen, dass der deutschen Wirtschaft pro anno zwischen 90 und 120 Milliarden Euro verlorengehen, weil zu viele Mitarbeiter lediglich Dienst nach Vorschrift machen und nicht mit vollem Enthusiasmus dabei sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber man lacht sich doch schlapp, wenn Edeka-Mitarbeiter singen und ihre Waren und die Firma loben. Ist daran etwas ernst zu nehmen?

Ebermann: Bei der Firmenhymne verhalten sich die meisten so wie der Intellektuelle beim Schlagermove: Man ist ironisch dabei. Über Begriffe wie "Alleinstellungsmerkmal", "Quality management", "Markenkern" oder "Self Empowerment" allerdings lacht heute niemand mehr. Die sind sehr alltäglich geworden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Hinter der Firmenhymne steht all das, was Leute dazu bringen soll, sich mit ihrer Arbeit zu identfizieren?

Ebermann: Ja, und das ist etwas Neues. Früher - als auch nicht alles gut war - gab es mal das Bewusstsein: Im Arbeitsleben begegnen mir Entsagung, Verzicht und Selbstdisziplinierung. Meine Entschädigung erfahre ich am Feierabend und durch wachsende Konsummöglichkeiten. Was jetzt versucht wird, ist wahrlich totalitär: Das Berufsleben als Höhepunkt der Selbstverwirklichung zu stilisieren. Da wird einem in der entsprechenden Beratungsliteratur geraten: Richte dein Beziehungsleben so ein, dass es deiner beruflichen Tätigkeit nutzt. Ich bin mit Ingeborg Bachmann groß geworden, die geschrieben hat: Wenn du das Glück hast, eine echte, große Liebe gefunden zu haben, dann kannst du wochenlang nicht zur Arbeit gehen!

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist gegen den Anspruch einzuwenden, sich mit seiner Arbeit identifizieren zu wollen?

Ebermann: Dagegen ist alles zu sagen! Das ist ja die Transformation vom Fremd- zum Selbstzwang, die im Subjekt sich spiegelnde Erniedrigung zum Humankapital! Wer sich als Humankapital definiert, der muss so viele lebendige Anteile in seiner Person killen. "Ob Kaffee, Bohnen oder Fertiggerichte/ Wir alle schreiben Geschichte/ Wie das Herz braucht das Blut/ Brauchen wir unsere Kunden" - wer so was mit Überzeugung singt, ist für alles, was ich für emanzipatorisch halte, unerreichbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie finden es also angenehmer, wenn Sie im Restaurant Ihr Essen - sagen wir mal - eher sachlich serviert bekommen?

Ebermann: Jedenfalls angenehmer als die Freundlichkeit, die man auf Schulungen anerzogen bekommt. Ich hab mich früher auch nicht immer gefreut, wie griesgrämig es auf dem Postamt zugeht. Aber alle Anstrengungen, dass Deutschland nicht länger Servicewüste sein darf, fand ich noch viel schlimmer. Da wünsch ich mir doch glatt die gute alte Servicewüste zurück.

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Seite 1
lorn order 09.03.2012
1. Aaaaaarrrgghhhh!
Zitat von sysopSven HeineEin Lied auf Edeka! Ein Song auf Kaufland! Viele Firmen haben eigene Hymnen. Der Grünen-Mitbegründer Thomas Ebermann hat ein bissiges Satirestück dazu geschrieben. Im Interview sagt der Alt-Linke, warum Konzern-Kompositionen ernsthaft schädlich sind - und Humankapital eine doofe Idee ist. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,819845,00.html
Sofern mich nicht Ebermanns Theaterschergen zwangsvoführen, werde ich diesen Kram wohl verpassen! Es lebe die Freiheit, auch die, ein Banause sein zu dürfen!
nordschaf 09.03.2012
2.
Also ich hätt auch öfter mal gern die gute alte Servicewüste zurück. Da waren z.B. die Bahnmitarbeiter weniger schick und mehr muffelig, aber dafür waren 15 cm Neuschnee auch noch keine Schneekatastrophe mit stundenlangen Verspätungen. Ich kann mich auch an keine Dienstreise der letzten 12 Monate erinnern, wo mal kein Klo in der ersten Klasse kaputt war.. Und irgendwie wars bei der Bundespost auch einfacher, einen Telefonanschluss zu kündigen, als man heute so einen windigen Provider loswird, dem man mangels Adresse auf den Webseiten nicht mal ein Einschreiben schicken kann und der behauptet, die Faxe nicht bekommen zu haben. Auch Selbstverwirklichung im Beruf ist irgendwie was Feines, wenn der Arbeitgeber denn nur genug von einem übrig lässt, als dass man auch mal noch was anderes machen kann, als im Job verfügbar zu sein. So langsam stinkts mir, wenn ein Kunde mitten auf dem Kindergeburtstag unserer Tochter auf meinem Privathandy anruft, weil mein Mann sein Firmenhandy am Wochenende tatsächlich mal abgestellt hat. Oder wenn meine Firma mich im Urlaub beim Sandburg-Bauen aufscheucht, weil versäumt wurde, dass ja morgen ein Termin ist, wo man noch Informationen von mir braucht, die man auch locker 4 Wochen vorher hätte erfragen können. Och nöö, wirklich, es reicht so langsam.
ellereller 09.03.2012
3. Etwas Neues?
Ebermann scheint Firmenhymnen für etwas Neues zu halten. Da irrt er sich. Z.B. hatte DUGENA schon in den 1960er Jahren eine unfreiwillig sehr komische Hymne. Kein thema kann so abseitig sein, als dass man sich nicht mit unsorgfältiger Recherche blamieren könnte.
rainer66 09.03.2012
4. Nicht mehr allein
Ich bin nicht mehr allein. Dachte schon, daß die Herrschaft der Trainer, Coaches, Rollenspieler schon zu weit fortgeschritten ist. Was ist es angenehm, authentische Menschen zu treffen. Heute muss man wohl trainiert sein für jede Tätigkeit, in den Serviceberufen kann man auch von dressiert sprechen. Nur ein Beispiel: Wenn ich im Café sitze, kommt garantiert jemand vorbei, wenn ich alles habe und fragt: Ist alles soweit in Ordnung? Wenn ich noch einen Kaffee will, ist kein Mensch mehr mehr da. Die eingelernten Floskeln begleiten einen überall, und ich persönlich finds nicht mehr feierlich. Danke für diesen Beitrag, ich fühl mich nicht mehr so allein auf dieser Welt. Kampf den Trainern, Zertifizierern und Dressierern!
Dlanod 09.03.2012
5. Zustimmung!
ich kann dem nur zustimmen - die mit der BWL-Marketing-Peitsche erzwungene Gute-Laune-Dressur ist unerträglich. Grantige, aber kompetente Kräfte erlebt man fast nur noch im Baumarkt. Meist wird einem irgendetwas zombiehaft fröhlich vorgepfiffen, und bei Nachfrage ist dann sofort die Nullinie erreicht. Allerdings sind Firmenhymnen auch herausragendes Kulturgut. In den 80ern gab es eine Finanzfirma irgendwo in Niedersachsen. Da hieß es: "Bei uns gibts keine Nieten, sondern nur hohe Renditen. Ja, was machte uns so stark? Das ist die harte deutsche Mark" - ist doch besser als jedes Kabarett. Man vergesse auch nicht Loriot: "Meine Schwester heißt Poly-Ester" ... Das ist ein unersetzlicher Fundus der Komik.
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