Architekt Albert Speer "Die Geschichtslosigkeit ist schuld an der Baumisere"

Nüchtern, streng, funktional: So gestalteten Städteplaner den Wiederaufbau nach 1945. Doch beliebt war die Beton-Moderne nie. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Architekt Albert Speer, wie ein Mangel an Geschichtsbewusstsein unsere Städte verhunzte - und was jetzt zu tun ist.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Speer, in einem großen "Arbeitsstab", der Ihrem Vater unterstand, wurde in den vierziger Jahren der lockere, weiträumige Wiederaufbau der zerstörten deutschen Städte empfohlen - weil weiträumig gegliederte Städte in einem neuen Krieg schwerer zu bombardieren seien. Viele Städte wurden nach 1945 so wiederaufgebaut. Diese Modernität war also eine Nazi-Idee?

Albert Speer: Nein, der Luftschutz-Gedanke hat nicht die Rolle beim Wiederaufbau gespielt, die immer wieder unterstellt wird. Ein großer Teil der Wiederaufbau-Planer hat ja schon vor dem 'Dritten Reich' gearbeitet. Die wollten an diese unbescholtene Zeit, an die Utopie der Moderne aus den zwanziger Jahren anknüpfen. Diese Moderne enthielt ein doppeltes Versprechen: Man konnte sich vom Nazi-Marmor, vom sogenannten heldischen Bauen, befreien. Und man konnte, entsprechend der funktionalen Ratio der Industriegesellschaft, die Städte endlich zweckmäßig, verkehrsgerecht, hell und großzügig gestalten, mit neuen Materialien, mit mehr Abstand zum Nachbarn und viel Grün.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen haben diese luftige Beton-Moderne aber kaum als Befreiung erlebt. Nach 30 Jahren Neubau-Expansion wurden die engen historischen Altstädte, sofern es sie noch gab, wiederentdeckt. Ist der Wiederaufbau architektonisch gescheitert?

Speer: Es ist natürlich einfach, aus heutiger Sicht zu sagen, das alles sei nicht gelungen. Zum Teil ist diese Feststellung sicher richtig. Andererseits muss ich die Architekten in Schutz nehmen. Man bedenke die tatsächliche Situation nach 1945. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb sagte 1952, man schaue zwar ehrfürchtig auf die "große Vergangenheit", wolle und müsse nun aber "im Geiste unserer Zeit das Neue schaffen". Dieses Neue hieß: weg von der verwinkelten Altstadt, breite Schneisen wie die Berliner Straße in Frankfurt, und um den Dom herum zeilenförmig angeordneter sozialer Mietwohnungsbau. Leute wie Kolb waren die Auftraggeber. Die Architekten wollten die Aufträge.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben die Architekten solchen Auftraggebern nicht trotzdem ein wenig mehr Widerstand geleistet?

Speer: Weil sie auch selbst von der Idee, ganz neu anzufangen, fasziniert waren. Das ist doch verständlich nach dem Nazi-Debakel.

SPIEGEL ONLINE: Kein bisschen berufsständische Selbstkritik?

Speer: Doch, die Idee der modernen Architektur war mit der Vorstellung verbunden, durch besseres Bauen einen besseren Menschen schaffen zu können, einen aufgeklärten, mündigen Bürger mit sozialem Gewissen, mit einem neuen Bewusstsein. Aber wir haben gelernt: Der Architekt ist kein Sozial-Ingenieur. Überhaupt dieser Anspruch: Was wir heute denken, ist das einzig Richtige, was die Altvorderen gedacht haben, ist bedeutungslos - der war anmaßend. Das neue Bewusstsein, das man erzeugen wollte, war ja total geschichtslos. Diese Leute haben Geschichte geradezu verabscheut. Die wahre Ursache der baulichen Nachkriegsmisere ist diese fundamentale Geschichtslosigkeit des Zeitgeists. Schuld daran war aber kein einzelner Architekt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Geschichtsbewusstsein so wichtig für die Stadtplanung?

Speer: Nur das Zusammenspiel von Alt und Neu ergibt Vielfalt. Zur Schönheit einer Stadt gehört, dass ihre Bauten verschiedene Epochen spiegeln. Diese Bauten müssen nicht immer besonders schön sein, sie müssen im Ausdruck für etwas stehen. Der Charakter einer Stadt wird stark von ihrer Geschichte geprägt, nicht nur von ihrer momentanen Funktion. Wer als Architekt darauf reagieren will, muss das Alte aber auch genau kennen. Die architektonische Vielfalt der deutschen Regionen, die in Jahrhunderten gewachsen ist, muss bewahrt und bei Neubauten berücksichtigt werden. Das ist lebenswichtig, wenn wir die gebaute Identität unseres Landes erhalten wollen. Die Globalisierung vereinheitlicht ja längst auch weltweit die Bauformen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Büro hat in den achtziger Jahren der Stadt Frankfurt eine "Allee" der Hochhäuser zwischen Galluswarte und Alter Oper empfohlen. War das nicht auch überheblich und geschichtsfremd?

Speer: Wir haben zugleich der Stadt empfohlen, abseits dieser Achse keine Hochhäuser mehr zu genehmigen. Dadurch wurden viele schöne alte Villen im Westend vor dem Abriss bewahrt, was ja auch ein Ziel der Bürgerinitiativen Anfang der siebziger Jahre gewesen ist. Das Hochhaus ist doch eine schöne Bauform - wie der Kirchturm. Ich bin durchaus für Hochhäuser, wenn sie an der richtigen Stelle stehen und wenn durch die Konzentration von Büros in ihnen verhindert wird, dass Wohnhäuser der City zu Büros zweckentfremdet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für Büro-Türme, nicht für Wohn-Türme?

Speer: Wohnhochhäuser eignen sich ja am besten für Singles und kinderlose Ehepaare. Sie funktionieren nur in speziellen Fällen und auf höchstem Niveau. In Frankfurt-Niederrad wird gerade ein Büro-Hochhaus zum Apartmenthaus für Manager umgebaut, die nur kurze Zeit in der Stadt bleiben wollen. Das wird sehr elegant. Wer Wohnhochhäuser für jedermann plant, riskiert deren baldige Verwahrlosung.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem Masterplan Ihres Büros wird bald die Kölner Innenstadt überarbeitet. Was ist daran die Pointe?

Speer: Die breite Nord-Süd-Fahrt, die die Kölner Innenstadt auf drei Kilometer Länge brutal teilt, wird deutlich schmaler, grüner, urbaner. Es gibt auch mehr Fußgänger-Querungen. Die große, im 19. Jahrhundert angelegte Ringstraße um die Innenstadt soll wieder als großstädtischer räumlicher Zusammenhang erkennbar werden - mit Boulevard-Charakter. Und die in Köln noch immer vitale Mischung der Funktionen auf engem Raum soll besser geschützt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie planen in China zwei komplette Autostädte. Hat das Auto in der Stadt eine Zukunft? Vor 20 Jahren meinten Sie, in "20 Jahren" sei der Stadtbereich für Autos "nicht mehr benutzbar". Der Prophet hat sich geirrt.

Speer: Nicht ganz. Wenn alle in einer Stadt gemeldeten Autos gleichzeitig fahren würden, stünden sie nur im Stau. Das Auto funktioniert in der Stadt heute nur, weil die Arbeitszeiten flexibler als früher sind und - so ist es in Frankfurt - rund 80 Prozent der Büroangestellten den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Natürlich gehört auch das Auto in die Stadt. Eine reine Fußgänger-City ist steril und unpraktisch, aber das Auto muss reduziert werden. Die Tendenz stimmte also.

SPIEGEL ONLINE: Woran arbeiten Sie gerade?

Speer: Wir untersuchen die Begabung der Zwölf-Millionen-Metropole Kairo zur Ausrichtung von Olympischen Sommerspielen. Vielleicht haben die Ägypter im Jahr 2020 eine Chance.

Das Interview führte Mathias Schreiber



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
aldente 18.05.2010
1. Toller Name!
Der Mann heißt also Albert Speer und ist zufälligerweise auch noch Architekt, genau wie das historische Vorbild... Und als sei das noch nicht genug, philosophiert er jetzt bei Spiegel Online über die architektonischen Konsequenzen der Nazi-Herrschaft. Bin ich der einzige, der das etwas "merkwürdig" findet?
onecomment 18.05.2010
2. .....
Zitat von aldenteDer Mann heißt also Albert Speer und ist zufälligerweise auch noch Architekt, genau wie das historische Vorbild... Und als sei das noch nicht genug, philosophiert er jetzt bei Spiegel Online über die architektonischen Konsequenzen der Nazi-Herrschaft. Bin ich der einzige, der das etwas "merkwürdig" findet?
Das ist der Sohn vom dem berühmt berüchtigten.....steht übrigens auch neben dem Artikel.
Hercules Rockefeller, 18.05.2010
3. Lesen!
Zitat von aldenteDer Mann heißt also Albert Speer und ist zufälligerweise auch noch Architekt, genau wie das historische Vorbild... Und als sei das noch nicht genug, philosophiert er jetzt bei Spiegel Online über die architektonischen Konsequenzen der Nazi-Herrschaft. Bin ich der einzige, der das etwas "merkwürdig" findet?
Steht doch neben dem Artikel, dass ist Nazi-Alberts Sohn. Merkwürdig ist das dann schon nicht mehr, eher putzig, wie wenig Taktgefühl die Speers anscheinend haben. Exakt die gleiche Laufbahn wie der Familienschandfleck einnehmen, dass ist schon kurios. So einer würde auch Liebesnester für katholische Pfarrer bauen, jede Wette...
Poisen82, 18.05.2010
4. .
Zitat von aldenteDer Mann heißt also Albert Speer und ist zufälligerweise auch noch Architekt, genau wie das historische Vorbild... Und als sei das noch nicht genug, philosophiert er jetzt bei Spiegel Online über die architektonischen Konsequenzen der Nazi-Herrschaft. Bin ich der einzige, der das etwas "merkwürdig" findet?
Naja Speers sind halt eine Architektenfamilie und das der Sohn über den Vater Philosophiert bzw seine Baukunst... Nö ist nichts merkwürdiges dabei.
Dumme Fragen 18.05.2010
5. Gentrifizierung...
Schon komisch, nicht? Die Gentrifizierung vollzieht sich in den Stadtteilen, in denen viel Altbaubestand vorhanden ist. Und was machen diese "Architekten"? Sie meinen, sich selbst beweihräuchern zu müssen und setzen in die Löcher, die durch den Abbruch von eingeschössigen Nachkriegsflachbauten entstehen, grausigste Neubauten, die überhaupt nicht mit den alten Häusern rechts und links daneben harmonieren. Einfach grausig! P.S. Der Herr Sperr kann doch, wie wir alle, nix für seine Eltern, also macht ihm das nicht zum Vorwurf. Und ausserdem: Selbstrekrutierung ist noch immer die beste Absicherung für den sozialen Aufstieg... "Schuster bleib bei deinen Leisten" oder so...
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