Radikal-Architekt Ma Yansong: Bäume für den Himmlischen Frieden
Die westliche Welt hat der Chinese Ma Yansong mit seinen futuristischen Gebäuden im Sturm erobert. Nun will der Architekt auch in seiner Heimat den Durchbruch schaffen - und den symbolträchtigen Platz des Himmlischen Friedens in Peking begrünen.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Vorreiter der europäischen Architektur die Skyline von Peking deutlich mitgezeichnet: Der deutsche Architekt Ole Scheeren und sein niederländischer Kollege Rem Kolhaas haben den surreal anmutenden CCTV Tower, die Sendezentrale des chinesischen Staatsfernsehens, entworfen. Das Vogelnest genannte schimmernde Olympiastadion wurde vom Schweizer Architekturbüro "Herzog & de Meuron" konzipiert.
Ein chinesischer Architekt will es seinen europäischen Konkurrenten nun gleichtun: Ma Yansong, Aufsteiger der Branche, hat in Europa bereits wichtige Wettbewerbe gewonnen. Jetzt will er mit seinem futuristischen Design auch in seiner Heimat überzeugen.
Das "Maschinenzeitalter" führe dazu, dass immer mehr Städte schachbrettförmig gebaut würden, moniert Ma. Der Trend würfelförmiger Gebäude, die sich gegenseitig in der Höhe übertrumpfen, würde sich auch in China durchsetzen, sagt der Architekt. Wolkenkratzer, die wie Silos aussehen, sollten seiner Meinung nach Gebäuden weichen, die Formen der Natur nachahmen, wie Wolken, Berge oder Wellen.
Die Macht der Natur
Und seinen Vorstellungen bleibt der chinesische Architekt treu: Als er gebeten wurde, einen Bauplan für ein Einkaufszentrum im Amsterdamer Geschäftsviertel zu entwerfen, stellte er Zeichnungen vor, auf denen die Gebäude wie Berge aussehen. Doch anstelle einer Spitze haben sie einen Schlund, der einem Krater gleicht - und in dem Pflanzen wachsen. Hiermit will Ma eine alte östliche Vorstellung bewahren, die Mensch und Natur vereint. Zwischen den vulkanähnlichen Türmen verbinden Wasserläufe Innenhöfe und Pavillons.
Ma hat an der Yale-Universität studiert. An der renommierten Hochschule hat er in der mittlerweile berühmten irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid eine Mentorin gefunden. Von ihr erhielt er Bücher über Pioniere zeitgenössischer Bildhauerei, unterhielt sich über Kunst und Architektur der Zukunft. In ihrem Masterkurs schlug Ma vor, mit einer "Floating City" an das zerstörte World Trade Center zu erinnern - einer schwebenden Miniaturmetropole, die auf gigantischen Pfeilern ruht und in der sowohl Büros als auch wilde Gärten Platz finden.
Nach seinem USA-Aufenthalt nahm Ma mit seinem Architekturbüro MAD an einer Ausschreibung teil, um Zwillingstürme für einen Vorort von Toronto zu entwerfen. Er gewann mit einem Entwurf zweier gewölbter Türme, die um ihre eigene Achse eingedreht sind. Mit ihrem auffälligen Design lassen sie die rechtwinkligen Gebäude der Umgebung primitiv erscheinen.
Vorbild und Rebell
Der Wettbewerb in der Architektur ist hart: In Paris trat Ma gegen 95 internationale Mitbewerber an, um am rechten Ufer der Seine einen Häuserkomplex gestalten zu können. Eine Ausschreibung in Rom gewann er - und darf nun ein Wohnhaus in der Nähe der Villa Borghese neu gestalten.
Mas Siege in internationalen Architekturwettbewerben haben es ihm ermöglicht, auch in seiner Heimat präsenter zu sein. So hat der Architekt das Holzskulpturenmuseum in der nordchinesischen Metropole Harbin entworfen, das wie eine vereiste Welle aussieht. Dank seiner experimentierfreudigen Entwürfe in Europa und Nordamerika ist er nun auch in China zu einem Vorbild für Architekturstudenten geworden.
Trotz seiner Auszeichnungen gilt Ma Yansong als Rebell. Während einer Ausstellung in Venedig mit dem Titel "Peking 2050" schlug er vor, das politische Zentrum der Stadt, den Platz des Himmlischen Friedens, mit einem Wald zu bepflanzen. Selbst wenn dieser Entwurf nicht ausgesprochen politisch war, ist es doch eine klare Anspielung auf die Geschichte des Platzes: 1989 wurden hier studentisch geführte Proteste für mehr Demokratie vom kommunistischen Regime brutal niedergeschlagen. In seiner heutigen Form sei "der Platz des Himmlischen Friedens ein Symbol des chinesischen Reiches", sagt Ma. Sein Vorschlag, den Platz grüner zu gestalten, würde dieses Bild brechen.
"Wenn es in dieser Generation in China einen Stararchitekten gibt, dann wäre das Ma Yansong", sagt Jeffrey Johnson, Leiter des Architektur-Studiengangs "Chinas Megacities" an der Columbia-Universität in New York. Er habe gute Chancen, demnächst den renommierten Pritzker-Architekturpreis zu erhalten. "Seine radikaleren Vorschläge sind zukunftsweisend, aber auch kritisch", so Johnson. "Ma Yansong ist der Architekt in China mit den utopischsten Ideen", ergänzt Daisy Guo, Projektleiterin des China-Pavillons auf der Biennale für Architektur in Venedig 2012.
Ma hofft, mit seinem Plan zur Umgestaltung des symbolischen Herzens von Peking die chinesische Gesellschaft beeinflussen zu können. "Dies würde ganz China verändern," sagt er. Doch für den Moment sei das Schicksal der architektonischen Zukunft Pekings, und somit auch die des Tiananmen-Platzes, "nicht durch Utopisten von unten beeinflussbar". Auch die Architektur wird im Reich der Mitte in weiten Teilen von oben bestimmt.
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