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Architekt Paul Bonatz: Der Stuttgarter Bahnhofsbaumeister

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Paul Bonatz, Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs, wollte eigentlich immer nur bauen. Wieso er trotzdem mit den Nazis kooperierte und warum Stuttgart 21 sein Hauptwerk zerstören wird, zeigt eine Frankfurter Schau. Sie hat das Zeug zum Aufreger.

Ein feiner Spalt geht durch den Stuttgarter Hauptbahnhof. Der Schnitt ist so sauber ausgeführt, dass man die eine Gebäudehälfte einfach wegnehmen kann. Leider ist das nur bei einem kleinen Blechmodell des Bahnhofs der Fall, 1930 von Märklin auf den Markt gebracht, jetzt zu sehen in einer Frankfurter Ausstellung über Paul Bonatz (1877-1956), den Architekten des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Dass mit dem realen Bauwerk eine so glatte Operation nicht möglich ist, zeigt sich optisch an der klaffenden Wunde an der Stelle, an der der Nordflügel des Bonatz-Baus bereits abgerissen wurde - und politisch am anhaltenden Bürgerprotest gegen die Planungen.

Die Frankfurter Schau mit ihren Modellen, Plänen und Zeugnissen will sich erklärtermaßen aus dem Streit um den Bahnhof heraushalten. Sie sei schon 2003 angedacht und 2006/7 geplant worden, heißt es. Dass sie jetzt schön mittig zwischen der heißen Phase des Konflikts im letzten Jahr und der Landtagswahl in Baden-Württemberg eröffne, sei Zufall.

Da aber der "Nabel Schwabens", wie der Architekt seinen ersten Entwurf genannt hatte, Bonatz' Hauptwerk ist, steht er ohnehin im Mittelpunkt der Schau. Mit der erhabenen Atmosphäre seiner Schalterhallen war der 1928 vollendete Bau eine der letzten "Kathedralen des Verkehrs", dieser monumentalen Bahnhöfe des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Doch nicht alle Kritiker jubelten damals. Die einen fanden ihn zu funktional, andere zu trutzig. Die "Neue Zürcher Zeitung" sah die Funktion "in wilhelminischen Gesten" ersticken. Trotzdem: Mit seiner Einpassung in das städtische Umfeld, seiner eigenwillig asymmetrischen Gestalt aus rhythmisch gereihten Kuben und seiner Lenkung der Besucher- und Verkehrsströme galt er lange als der vorbildlich moderne Bahnhof in Deutschland.

Und er muss ein Ort von fast futuristischem Flair gewesen sein. Es hielten Schnellzüge, die aus Rom kamen und nach Amsterdam fuhren oder von Paris aus Kurs auf Konstantinopel nahmen. "Dutzende blinkender Bahnsteige, Läden, Restaurants, Cafés, Zeitungen, Blumen, ganze Reihen von Schaltern - das alles ist durchdacht, reguliert," schwärmte der Schriftsteller Ilja Ehrenburg: "Hier herrscht eine religiöse Einstellung zum Fahrplan, zur Bequemlichkeit des bescheidenen Reisenden, zur Verteilung der aus und ein gehenden Menschenmengen."

"Wir Architekten wollen und müssen arbeiten"

Als ihm das Bahnhofsprojekt anvertraut wurde, war Bonatz bereits ein erfolgreicher Mann. Schon mit 31 Jahren war er Professor an der TH Stuttgart geworden. Er hatte Schulen und Wohnhäuser gebaut - weniger elegant-modernistische Villen als behagliche Landhäuser. Gebaut hat er auch das Haus Ferdinand Porsches, in dessen Garage der Volkswagen-Prototyp zusammengeschraubt wurde.

Der Baumeister, den Fotos als elegante Erscheinung zeigen, galt als liberaler Kosmopolit. Zumindest zeitweise aber neigte er sozialdemokratischen Positionen zu. Im Zuge der Oktoberrevolution war er sogar Mitglied im Vollzugsausschuss der württembergischen Arbeiterräte.

Bonatz war aber kein Anhänger des Neuen Bauens. Das Durchdeklinieren eines eindeutig modernistischen Formenkanons lehnte er ab. Der avantgardistischen Stuttgarter Weißenhofsiedlung stand er kritisch gegenüber. Trotzdem sagte er 1933 angesichts der Gleichschaltung der Architektur durch NS-Funktionäre: "Wir können nicht etwa im konservativen Sinne festgebunden sein. Ein Unternehmen wie Weißenhof war notwendig."

Doch sein Drang zu großen Bauaufgaben war stärker als seine Skepsis gegenüber dem Regime. Neben etlichen Neckarstaustufen baute er zahllose Brücken für die Reichsautobahn und beteiligte sich ab 1936 an den NS-Metropolenprojekten. So entwarf er einen Münchner Hauptbahnhof, der eine Kuppel bekommen sollte, die noch heute die größte jemals in Deutschland gebaute wäre. Er war mit diesem Gigantismus zwar von Anfang an unglücklich, entzog sich dem Projekt aber erst, indem er 1944 von einem Arbeitsaufenthalt in Ankara nicht zurückkam.

"Es wird sich wohl dahin entwickeln, dass ich bleibe", schrieb er. "Warum diesen Mördern unnötigerweise meinen Kopf ausliefern." Er blieb tatsächlich, arbeitete zehn Jahre als Lehrer und Architekt in der Türkei und baute die Oper in Ankara.

Wenn man ihn frage, so Bonatz später: "Warum hast du bei dem Blödsinn mitgearbeitet", so müsse er antworten: "Wir Architekten wollen und müssen arbeiten". Obwohl er wissen musste, mehr als nur ein paar Brückenpfeiler zur Stützung des NS-Regimes beigetragen zu haben, klang das nicht nach Reue.

Die Ambivalenzen in Leben und Werk legt die Frankfurter Schau kühl offen. So ganz aber hält sie sich aus dem Stuttgart-21-Konflikt dann doch nicht raus. Sie konfrontiert Modelle des alten Bahnhofs und des neuen Entwurfs und befindet, dass "die Reduzierung des Kulturdenkmals um seine Flügel die Ausgewogenheit der Komposition zerstört". Und da sie im März in die Kunsthalle Tübingen wandert und dort zwei Tage vor der Landtagswahl vom grünen Oberbürgermeister und Stuttgart-21-Gegner Boris Palmer eröffnet wird, ist ihr eine politische Rolle ohnehin sicher.


"Paul Bonatz: Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus", 22. Januar bis 20. März im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt. www.dam-online.de. Der Katalog kostet 35,- bzw. 49,90 Euro.

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1. Monstrum bleibt stehen
audio2000 22.01.2011
Zitat von sysopPaul Bonatz, Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs, wollte eigentlich immer nur bauen. Wieso er trotzdem mit den Nazis kooperierte und warum Stuttgart 21 sein Hauptwerk zerstören wird, zeigt eine Frankfurter Schau. Sie hat das Zeug zum Aufreger. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,740851,00.html
"...warum Stuttgart 21 sein Hauptwerk zerstören wird..." Wenn ich das schon wieder höre! Wie oft muss man das noch wiederholen: Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist ein scheußliches Monstrum, dass genauso gut auch auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg stehen könnte.... ... und er wird EBEN NICHT abgerissen oder "zerstört"! Leider nicht! Nur weil man die nutzlosen Seitenflügel plattmacht, wird das olle Ding doch nicht zerstört.
2. ...
rainman_2 22.01.2011
Zitat von audio2000"...warum Stuttgart 21 sein Hauptwerk zerstören wird..." Wenn ich das schon wieder höre! Wie oft muss man das noch wiederholen: Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist ein scheußliches Monstrum, dass genauso gut auch auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg stehen könnte.... ... und er wird EBEN NICHT abgerissen oder "zerstört"! Leider nicht! Nur weil man die nutzlosen Seitenflügel plattmacht, wird das olle Ding doch nicht zerstört.
Nun, er hat halt den Charm den große Bahnhöfe so an sich haben ... ;-)
3. Bonatz' Hauptwerk wird leuchten
Gourmand 22.01.2011
Sehr geehrte Frau Schulze, wenn Sie schon so einen Unfug, dass der Bahnhof zerstört würde, in die Überschrift schreiben, dann sollten Sie sich doch wenigstens die Mühe machen das auch zu begründen - und noch besser dabei auf die Ausstellung verweisen. Fakt ist doch, dass der Bahnhof 1928 ohne die beiden Seitenflügel fertiggestellt wurde und so von Herrn Bonatz gedacht war. Die Seitenflügel wurden erst später angeleimt, wogegen Bonatz sich massiv wehrte. Es sind reine Zweckbauten, die nur dazu dienten Lärm und Dreck (der Dampfloks) aus der Stadt zu halten. Das ist ja nun nicht mehr nötig. Bonatz' Bau war ohne Seitenflügel geplant. Wenn diese jetzt also abgerissen werden, dann wird das Bahnhofsgebäude genau so wieder zu sehen sein, wie Bonatz es ursprünglich konzipiert hatte. Der Bahnhof wird dann erst so richtig in all seiner Pracht erstrahlen.
4. Sind das Architekturhistoriker in Frankfurt oder S21-Gegner?
wago 22.01.2011
Jeder der sich mit der Baugeschichte Stuttgarts beschäftigt hat, kenn den wahren Bonatz, der in dieser Ausstellung oder wenigstens in den Berichten darüber geradezu idealisiert wird. Ich habe in keinem Artikel bisher etwas über die konservative Stuttgarter Schule der Architektur gelesen, die gerade von Bonatz und seinem Kollegen Paul Schmitthenner an der TH Stuttgart vertreten wurde. Goethes Gartenhaus war dort der Inbegriff deutschen Bauens. Geradezu verharmlosend klingt der Satz im Artikel, dass sich Bonatz "nicht mit der Weißenhofsiedlung anfreunden konnte". In Wahrheit war er einer der heftigsten Gegner und nannte sie eine "Vorort von Jerusalem". Anfang der 40er-Jahre wollte er sie sogar abreißen und an ihrer Stelle ein monumentales Reichswehrersatzamt auf die Höhe bauen. Ach ja einige anderen Höhen in der Stadt wollte er auch noch mit monumentalen Bauwerken "bekrönen". So monumental, dass es selbst dem württembergischen Gauleiter, der sonst eher geistig beschränkt war, zuviel Monumentalität war. Ein Achse von Cannstatt durch den Talkessel sollte das neue Stadtbild prägen. Eine Achse, die mitten durch den Schlossgarten gegangen wäre und ihn vollkommen zerstört hätte. Das perverse daran ist, dass heute die sogenannten Parkschützer diesen Park verteidigen und Bonatz auf die Stufe eines Säulenheiligen heben. Man könnte noch einige andere Beispiele nennen, bei denen sich Bonatz Gedanken gemacht hat, wie man die nationalsozialistische Architektur in Stuttgart umsetzen könnte. Neu ist an der Ausstellung auch, dass er ins türkische Exil ging. Wer 1944 nicht jede Möglichkeit genutzt hat, um legal aus Deutschland herauszukommen, war ohnehin blöd. Es scheint mir in Frankfurt eine sehr tendenzielle Ausstellung geworden zu sein, die sich nicht mit dem Wirken von Bonatz in Stuttgart beschäftigt hat.
5. Was für ein Wert?
superrossi, 22.01.2011
Niemand wird ernsthaft behaupten wollen dass die Bauten von Herrn Bonatz einen künstlerischen oder ästhetischen Wert haben. Es sind reine Zweckbauten ohne Anspruch oder Stil. Wegbereiter für den Plattenbau und genau wie diese gehört der Stuttgarter Bahnhof abgerissen. Selbst bei Sonnenschein und 30 Grad läuft es mir Kalt den Rücken runter wenn ich vor diesem Ding stehe. Der Bahnhof ist für mich neben dem Stuttgart Gaskessel ein Beweis dafür dass wir in unserem Land Denkmalschutz falsch verstehen. Dann die Aussage: „die Reduzierung des Kulturdenkmals um seine Flügel die Ausgewogenheit der Komposition zerstört“. Diesen Satz im Zusammenhang mit dem Stuttgart Bahnhof zu nennen ist geradezu abartig. Da finde ich den Fleckenteppich reparierter deutscher Straßen ausgewogener.
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