Architekten-Werkschau Für den guten Ruf

Er war einer der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts und baute den berühmten Bonner Kanzlerbungalow. Berühmt war der Visionär Sep Ruf jedoch nur in Fachkreisen. Zum 100. Geburtstag bekommt er in München endlich eine umfangreiche Werkschau.

Von Felix Zeltner


Es war im Januar 1967, als Sep Ruf in höchsten Kreisen durch den Kakao gezogen wurde. Konrad Adenauer feierte seinen 91. Geburtstag, seinen letzten, und beim Abendessen im Bonner Hotel Königshof kam er mit dem gerade frischgewählten Kanzler Kiesinger ins Gespräch. Der neue Kanzlerbungalow sei wie ein Schlafwagen, lästerte Kiesinger, "in der Mitte ein Gang, rechts und links Zellen". Er würde da nicht einziehen, gab Adenauer zurück. "Die Leute sagen, er hat zwei Millionen gekostet, ich muss rein", seufzte Kiesinger. Eine Weile warfen sie sich so die Bälle zu, dann ätzte Adenauer: "Ich weiß nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre."

Dumm nur, dass dieser Architekt, den Adenauer einsperren wollte, zur gleichen Zeit längst Mitglied des Planungsrates für die Gestaltung des Regierungsviertels in Bonn war, eine Art "Baumeister der Bonner Republik" ("Neue Zürcher Zeitung"), der in Fachkreisen bewundert wurde. Diese Art der geteilten Aufmerksamkeit ist typisch für das ganze Wirken von Sep Ruf: Bei seinen Kollegen hochgeschätzt als Wegbereiter der modernen Architektur in Deutschland, blieb er außerhalb der Szene weitgehend unbekannt – und verkannt. Nicht eine einzige Publikation erschien zu Lebzeiten (1908–1982) über den gebürtigen Münchner, es gab keine Festschriften, keine Retrospektive.

"Er hat sich zu wenig um seine Vermarktung gekümmert", sagt Professor Winfried Nerdinger, Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität (TU) München. Nerdinger, ein hochaufgeschossener Mann mit freundlichem Gesicht, kam schließlich auf die Idee, Ruf zum 100. Geburtstag in seiner Heimatstadt München eine große Werkschau auszurichten. Er räumte das Architekturmuseum, das sich in einem Seitentrakt der Pinakothek der Moderne versteckt, für Rufs Vermächtnis frei.

In zwei großen Räumen breitet sich nun mittels Fotos, Zeichnungen und Videos das Lebenswerk dieses Mannes aus, der 1908 in München geboren und auf den Namen Franz Joseph Ruf getauft wurde. Nach seinem Studium wurde er zum Krieg eingezogen, aber von 1940 bis 1942 freigestellt, um als Architekt zu arbeiten. Bereits damals schaffte er es, seine Art der Architektur dem rückständigen Zeitgeist unterzujubeln: Unter die vorgeschriebenen deutschtümelnden Satteldächer setzte er kubische Formen, große Fenster und asymmetrische Fassaden. Nach dem Krieg stieg Ruf, der kein Parteimitglied war, schnell auf.

Als Professor für Architektur und Städtebau an der Akademie der Bildenden Künste (AkdBK) in Nürnberg und später in München prägte er in den fünfziger und sechziger Jahren das Bild der beiden größten bayerischen Städte mit Bauten, die traditionelle Elemente mit moderner Architektur verbanden und durch dünne Böden und Glasfronten eine bis dahin nicht gekannte Leichtigkeit verbreiteten. Zu sehen heute unter anderem am Germanischen Nationalmuseum, der AkdBK Nürnberg oder an der Neuen Maxburg in München.

1958 machte Ruf international auf sich aufmerksam, als er in Brüssel gemeinsam mit Egon Eiermann den deutschen Pavillon für die Weltausstellung errichtete. Zuletzt hatte Albert Speer 1938 in Paris mit einem riesenhaften Steinklotz der Diktatur ein Denkmal gesetzt, nun sah die Welt auf ein neues Deutschland, repräsentiert durch eine filigrane Konstruktion aus Stahl und Glas, die in der internationalen Presse für ihre schlichte Eleganz gefeiert wurde.

Obwohl der Pavillon in Deutschland anders als im Rest der Welt keine große Begeisterung auslöste, gab Kanzler Ludwig Erhard schließlich bei Sep Ruf den repräsentativen Bungalow für Bonn in Auftrag. Als Erhard 1964 dann dort einzog, titelte die "Bild"-Zeitung: "Er wohnt wie ein Maulwurf!" Doch auch hier war Sep Ruf dem Zeitgeist seiner Heimat wieder voraus: Dreieinhalb Jahrzehnte später zog Helmut Kohl nur unwillig aus – nach 16 Jahren als Hausherr. In der Folgezeit diente der Kanzlerbungalow als Aktenabstellkammer, nun soll ein Museum daraus werden. Der gute Ruf hätte es verdient.


Ausstellung "Sep Ruf 1908–1982 – Moderne mit Tradition". 31.7.–5.10.2008. Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne, Tel. 089/289-224 93.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Lebkuchen, 05.08.2008
1. Über Geschmack lässt sich streiten
Zitat von sysopEr war einer der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts und baute den berühmten Bonner Kanzlerbungalow. Berühmt war der Visionär Sep Ruf jedoch nur in Fachkreisen. Zum 100. Geburtstag bekommt er in München endlich eine umfangreiche Werkschau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,569968,00.html
Ja, ich weiß, über Geschmack lässt sich bekanntermaßen streiten. In meinem Bekanntenkreis habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine stehe... Habe mir gerade hier und auf anderen Seiten ein paar Bilder der Werke von Herrn Ruf angesehen. Die Begeisterung des Autors Zeltner kann ich leider überhaupt nich teilen. Vielleicht war Herr Ruf innovativ und modern, schön gebaut hat er für meinen Geschmack nicht. Nicht dass man mich falsch versteht, ich bin durchaus für moderne Architektur aber was unsere Nachkriegsarchitekten bis in die Neunziger angeliefert haben war, ich kann es nicht anders ausdrücken, fast ausschließlich hässlich und kalt, so dass man sich in den meisten westdeutschen Großstädten irgendwie optisch bedrückt fühlt. Es wundert mich ehrlich gesagt überhaupt nicht, dass einige dieser Architekten bereits zu Nazizeiten aktiv waren. Zum Glück ändern sich so langsam die Zeiten wieder und es zunehmend wieder optisch ansprechender gebaut, ohne gleich auf Fassadenschmuck in Form von Skulpturen, Ornamenten, Friesen etc. zurückzugreifen. Nur Eines bitte, bitte nicht: diese hässlichen Gebäude aus den 60er, 70er Jahren massenhaft unter Denkmalschutz stellen.
wikos 05.08.2008
2. Ruf war nicht nur ein Visionär
Die Leistungen vom Visionär Ruf sind unbestritten und eine Werkschau mit Sicherheit angemessen. Allerdings ist eine weitgehend kritklose Betrachtung dieses Modernisten der Architektur zu hinterfragen. Welche Rolle spielte Ruf z.B. während der Nazizeit? Eine Glorifizierung seiner Nachkriegsbauten halte ich im übrigen in der Rückschau für übertrieben. Ruf hat einige Bauten zu verantworten, die zu Recht in der breiten Öffentlichkeit wenig Anhänger gefunden hat: kalte, hässlich-abweisende Betonkästen, die wie Fremdkörper in den historischen Städten hineingesetze wurden. Diese egozentrischen Kopfgeburten einer kleinen Architektur-Elite haben in der deutschen Nachkriegslandschaft keine Städte repariert, sondern brutal die theoretischen Reißbrettlandschaften Wirklichkeit werden lassen.
Prach, 05.08.2008
3. Sorry, aber...
... Sep Ruf ist mir zwar durchaus ein Begriff, aber die Begeisterung für seine Bauten kann ich nicht nachvollziehen. Das wirkt alles abstoßend, kalt und irgendwie billig. Ich habe mir mal den Architekturführer München genommen und bin vor Ort zu seinen hochgelobten Bauten gefahren - wohnen möchte ich dort nicht. Jeden Tag diese tristen Fassaden anschauen auch nicht. Jede industriell gefertigte Gründerzeitfassade hat da mehr Klasse als diese Bauten. Aber wahrscheinlich fehlt mir einfach das geschulte Auge eines echten Architekturkenners. Ich erinnere mich da an einen bebilderten Artikel der Münchner Abendzeitung zu ach so tollen Nachkriegsbauten am Mittleren Ring. Der Kritiker schwärmte angesichts verrosteter Metallträger von hochwertigem Material und verglich allen Ernstes poröse Betonplatten mit der "Leichtigkeit" von Lüftlmalerei... vielleicht muß man Architektur studieren, um das so zu sehen. Oder einfach nur das richtige vorher rauchen... ;-)
topomoos, 05.08.2008
4. Gebaute Gewalt
Jetzt wird auch noch einer der Architekten journalistisch gelobhudelt, der mit dafür verantwortlich ist, dass Deutschland in weiten Teilen zu einem in Europa einzigartigem Freilichtmuseum der Hässlichkeit geworden ist. Die meisten üblen Kisten der Nachkriegszeit sind gebaute Akte der Gewalt, die den Betrachter jeden Tag aufs Neue schmerzen. Rufs Architektur zählt dazu.
ph-low, 08.08.2008
5. nachkriegsmoderne als gesellschaftliches phänomen
ja genau. am besten alle nachkriegs- neubauten abreissen und einen zustand wie vor dem krieg wiederherstellen, nein doch besser, wie im mittelalter oder wie zur zeit der alten römer, nein, moment, die haben sich ja auch nicht am bestand der pfahlbauten und zelte orientiert sonder einfach aus stein siedlungen aus dem boden gestampft. ich denke, es wäre am besten, alle siedlungen niederzureissen und wieder in natürlichen höhlen oder in tippies zu wohnen, so wie dies unsere prähistorischen vorfahren taten. natürlich sind einzig und allein die architekten schuld daran, wie unsere umgebung aussieht. bauherren und deren wünsche werden ja bekanntlich nicht berücksichtigt. wenn was toll aussieht und gefeiert wird, dann haben plötzlich alle "eigenhändig" am bau mitgewirkt und die arbeit des architekten interessiert niemanden, wenn´s aber was zu meckern gibt, dann hat der architekt alles selbst zu verantworten. die gebäude und insbesondere der doch teils ziemlich unsensible städtebau der (nachkriegs-)moderne bietet mit sicherheit zahlreiche ansatzpunkte oftmals vollkommen gerechtfertigter kritik, müssen jedoch auch als ausdruck des damaligen zeitgefühls der gesellschaft gesehen werden. die sechziger und siebziger jahre stehen für eine fast schon naive zukunftsgläubigkeit, die sich eben auch in der baukultur wiederspiegelt. die achziger und neunziger stellen eher eine rückbesinnung bis hin zu einer sehnsucht nach einer in wirklichkeit so niemals dagewesenen vergangenheit dar. das gros der bevölkerung hat eben z.b. zur gründerzeit nicht in großen, lichtdurchfluteten stadtvillen sondern in stinkenden, dunklen auf winzige höfe ausgerichteten kabuffs. ein misstand gegen den genau die moderne zielte. (allerdings aus heutiger sicht oftmals versagt hat) die bauten von ruf, insbesondere die in zusammenarbeit mit egon eiermann heben sich durch ihre qualität zweifelsohne von der grauen masse dieser zeit ab und beweisen, daß es jederzeit hochwertige baukunst gab und gibt, auch wenn angesichts des allgegenwärtigen mittelmaßes schnell ein abwertendes pauschalurteil gefällt wird. er hat die späte würdigung wahrlich verdient.
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