Von Kevin Holden Platt, Peking
Zaha Hadid wird auf der ganzen Welt für ihre Avantgarde-Bauten verehrt. In China gilt die irakisch-britische Architektin als regelrechter Superstar: Ihre Entwürfe sind überall in den Architekturschulen und -büros des Landes zu finden, elf Projekte werden gegenwärtig verwirklicht. 2010 brachte ihr der Bau des Opernhauses in Guangzhou besonderen Ruhm ein. Ein Beleg dafür: Als die in London lebende Hadid vor kurzem nach Peking reiste, um der Eröffnung ihres futuristischen Baus Galaxy SOHO beizuwohnen, wurde sie von 15.000 Fans empfangen. Ein Popstar.
Doch jetzt könnte Hadids Bekanntheit ihr zum Verhängnis werden. Denn auch eine Gruppe von Architekturpiraten zeigt sich von der Arbeit der Pritzker-Preisträgerin fasziniert - und will eines ihrer noch im Bau befindlichen Pekinger Projekte einfach kopieren und in der Mega-Metropole Chongqing nachbauen. Nun muss sich Hadid sogar sputen, damit ihr Original vor dem Plagiat fertig wird.
Heimat der Produktpiraterie
Es geht um eine Auftragsarbeit für das Immobilienunternehmen SOHO: das Wangjing SOHO, ein Gebäudekomplex bestehend aus drei Türmen, die von ihrer Form her gehissten Segeln ähneln. Aus Stein gebaut, sollen die Türme mit längsgestreiften Aluminiumbändern überzogen werden, um den Eindruck von Wasser zu erwecken. Während Hadids Gebäude in Peking laut Bauplan 2014 stehen sollen, könnte der gleiche Komplex in Chongqing früher errichtet sein.
Aus diesem Grund hat Hadids chinesische Auftraggeberin Zhang Xin, Geschäftsführerin von SOHO China, sogar öffentlich um Hilfe gegen die Plagiatoren gebeten. Während der Eröffnung des Galaxy SOHO kritisierte sie den laxen Umgang mit Ideenraub in ihrem Land: "Jeder sagt, dass China die Heimat der Produktpiraterie ist und dass man hier alles kopieren kann."
Zumindest auf dem Papier hat China Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums. Da die Kontrolle jedoch schwach ist, floriert etwa das Geschäft mit gefälschten iPods, iPhones oder iPads, die auf offener Straße oder in falschen Apple-Läden verkauft werden.
Entschädigung vor Gericht
Und auch Bauwerke werden immer wieder nachgemacht. Erst 2011 entstand in Südchina eine neue Version der österreichischen Gemeinde Hallstatt, die mit ihren denkmalgeschützten Häusern zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Dazu hatten chinesische Architekten das Dorf in allen Einzelheiten fotografiert und mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen ein dreidimensionales Modell erstellt. Trotz Protesten der Hallstätter konnte die Doppelgängerstadt in China fertiggestellt werden.
Keine guten Voraussetzungen also für SOHO und Zaha Hadid. Der Shanghaier Rechtsanwalt You Yunting, der sich mit Urheberrechtsfragen befasst, sieht dennoch Chancen für einen Sieg vor Gericht. "Die zwei Versionen des Komplexes sind sich sehr ähnlich", sagte er mit Blick auf einen möglichen Rechtsstreit. Doch selbst bei einer Verurteilung müssten die Produktpiraten laut Yunting das Gebäude nicht abreißen. "SOHO könnte aber eine Entschädigung zugesprochen werden."
Laut Aussage eines SOHO-Managers soll der Immobilienentwickler Chongqing Meiquan für den Bau-Klau verantwortlich sein - der zu den Vorwürfen jedoch auch auf Nachfrage nicht Stellung nehmen will.
Wie genau die Raubkopierer an die Details von Hadids Modell gelangt sind, ist nicht bekannt. "Es ist wahrscheinlich, dass sie in den Besitz von digitalen Daten des Projektes kamen", sagt Satoshi Ohashi, Projektleiter des SOHO-Gebäudes. Denn technisch begabte Menschen könnten daraus zwar ein ähnliches Modell erstellen, "doch es wäre nur eine grobe Kopie des echten Baus".
Zaha Hadid selbst sieht die Angelegenheit fast philosophisch. Falls die Nachahmungen ihrer Bauten zu interessanten Mutationen führten sollte, fände sie das "ganz aufregend", sagte sie.
Übersetzung: Simon Broll
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