Architektur-Biennale 2008 Von Natur aus kreativ

Umweltfreundliche Sportwagen, mit Solartechnik gebrautes Bier und Notunterkünfte aus Plastikflaschen: So stellen sich zwei Berliner Gestaltungsprofis die Zukunft vor. Und die findet bereits statt: im deutschen Pavillon bei der Architektur-Biennale in Venedig.


Berlin/Venedig - Sie sind Architekten, aber sie bauen nicht. Stattdessen suchen sie Ideen für eine bessere Zukunft. Friedrich von Borries und Matthias Böttger vom Berliner Büro "Raumtaktik" sind die Kuratoren des deutschen Pavillons bei der Architektur-Biennale in Venedig, die an diesem Sonntag für das Publikum öffnet. Beide sind Jahrgang 1974 und damit die jüngsten deutschen Architekten, die je für das prestigereiche Projekt ausgewählt wurden. Ökologie steht im Mittelpunkt ihres Beitrags. Die zentrale Frage: Wie kann die Welt Schritt für Schritt verbessert werden?



Unter dem Titel "Updating Germany" sollen im deutschen Pavillon 20 Ideen und Entwürfe präsentiert werden - pädagogisch sind sie, aber auch unterhaltsam und optimistisch. "Eigentlich ist Nachhaltigkeit ein toller Begriff", sagte Böttger im Interview vor der Biennale. Es gelte, die Vokabel wieder mit Inhalt zu füllen. 500.000 Euro stiftete das Bundesbauministerium für das Projekt. Bei der Gestaltung des Pavillons spielen die Themen Gleichgewicht und Balance eine Rolle - in Form eines raumgreifenden Mobiles, ein Sinnbild für die Erde im (Un-)Gleichgewicht.

Natürlich visionär

Die Bandbreite ist groß, es geht nicht nur um klassische Architektur. Zu den vorgestellten Ideen gehören ein Chip zum Stromsparen im Haushalt, die "Skysails" (große Segel, die am Himmel vor Frachter gespannt werden), umweltfreundliche Sportwagen, mit Solartechnik gebrautes Bier und Notunterkünfte aus Plastikflaschen.

Ein Projekt fanden die Kuratoren vor ihrer Haustür: "Spree 2011", eine Technologie, die den Berliner Fluss wieder so saubermachen soll, dass man darin schwimmen kann. Bereits bekannt ist "The Pink Project", die PR-Kampagne für New Orleans des Architekturbüros Graft und Brad Pitt. Aber auch weniger Bekanntes fand laut der Ankündigung den Weg nach Venedig: das Bioenergie-Dorf Jühnde in Niedersachsen oder die Freiluftbibliothek in Magdeburg-Salbke zum Beispiel.

In den Wochen vor der Biennale stand das Telefon im Kreuzberger Büro der Architekten nicht still. In einer Industrie-Etage tüftelten die "Raumtaktiker" und ihr Team über den Details und wie die 20 Projekte nach Venedig gebracht werden können.

"Agentur für räumliche Aufklärung und Intervention" heißt Böttgers und Borries' Büro im Untertitel. Das ist ernst gemeint. Was können Computerspiele und Völkerball für den öffentlichen Raum bedeuten? Was steckt hinter dem urbanen Marketing von Nike? Wie verändern sich schrumpfende Städte? Das sind die Fragen, für die sich die "Raumtaktiker" interessieren.

Immer wieder überschreitet das Duo mit seiner Arbeit die Grenzen der Architektur: Borries veröffentlichte dieses Jahr ein viel beachtetes Buch über den Indianerkult in der DDR. Die "Raumtaktiker" waren mit ihren Arbeiten bereits bei der Architekturbiennale Rotterdam, im Jüdischen Museum Berlin und beim Berliner Festival Designmai zu sehen.

Kreieren und spekulieren

Beide wissen, dass ökologische Architektur ein deutsches Steckenpferd ist. Aber sie wollen weder "Müsli-Architektur" noch wie die Auto-Ingenieure "Vorsprung durch Technik" zeigen. Auch Patentlösungen bieten sie nicht, sondern Spekulationen, Optionen und Möglichkeiten. "Das ist vielleicht undeutsch, sich das anzugucken, was sein könnte", meint Borries, der bei der Frage nach dem "Deutschen" im Pavillon nur die Augenbraue hebt.

Zur Ausstellung erscheinen ein Theorie-Band und ein Katalog mit 100 Projekten. Die Architektur-Schau in Venedig (bis 23. November), die im Wechsel mit der Kunst-Biennale stattfindet, trägt diesmal den Titel "Da draußen: Architektur jenseits des Bauens".

Speziell für die Ausstellung entwickeln Architekten utopische Szenarien. Sie sollen die große Frage des Biennale-Kurators Aaron Betsky beantworten: "Wie können wir durch Architektur die moderne Welt zu unserem Zuhause machen?" Dazu scheint das Konzept der "Raumtaktiker" zu passen wie ein Puzzle-Teil.

Caroline Bock, dpa



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