Architektur-Biennale In Venedig öffnet Deutschland sich

Auf der Architektur-Biennale zeigt Deutschland sich als Land zum Ankommen: Die Nazi-Architektur des Pavillons wird zur symbolischen "Arrival-City". Fast niemand in Venedig nimmt politisch so klar Stellung.

Andrea Avezzù/ La Biennale di Venezia

Aus Venedig berichtet


Die Wände des Raumes bestehen aus 100 Tonnen weggeworfenen Gipsplatten, horizontal geschichtet. Von der Wand hängen unförmige Metallplanken. Sie beginnt düster, die 15. Architektur-Biennale in Venedig.

Der Chefkurator Alejandro Aravena zeigt im ersten Raum des Arsenale sein "Making Of": Aus dem Abfall des letzten Jahres kreiert er etwas Neues. Nur die Lichter der kleinen Bildschirme flackern auf. Dort zeigt Aravena, der Preisträger des renommierten Pritzker-Preises, wie er die letztjährige Kunstbiennale demontiert hat und die neue Biennale aufgebaut hat.

Insgesamt 2900 Journalistinnen und Journalisten sind für die diesjährige Architektur-Biennale akkreditiert. Nicht mitgezählt die ganzen Mitarbeiter (viele unter 40) der 89 ausstellenden Architektur-Studios (50 zum ersten Mal dabei). Der Biennale-Präsident Paolo Baratta verkündet all diese Zahlen mit ein wenig Stolz, um gleich vorwegzunehmen: "Es ist die richtige Zeit für diese Biennale".

Das heißt: Der chilenische Kurator Alejandro Aravena hat unter seinem Konzept "Reporting from The Front" alle eingeladen, sich mit den sozial-politischen Themen ihrer oder anderer Länder zu beschäftigen. "Nicht Rezepte liefern, sondern Fragen aufwerfen", heißt das bei Baratta, das Wort "Zivilgesellschaft" fällt oft.

Es bleibt verwirrend

Aravena selbst sagt, er verweigere sich jeglicher Agenda, hinsichtlich Gender, Geografie oder sonstigem. So deutlich sagt er das. Neben dem Klassiker, die Ausstellung möge für sich sprechen, sagt Aravena auch: Die Architekten sollten sich so weit wie möglich von der Architektur entfernen und sich zu den Problemen der Gesellschaft hinbewegen. Die Entscheider sollten die Qualität des Lebens verbessern und sich nicht um Profit kümmern. Und die Nutzer sollten verstehen, dass die Dinge auch anders laufen können.

Auf die Frage, wer die Bösen in der Architektur seien, antwortet Alejandro Aravena: "Na ja, die ganz großen Architekten mit den Abkürzungen im Namen" - und eben nicht die Star-Architekten. Die Probleme der Zivilgesellschaft klar zu benennen oder den Begriff "Geflüchtete" zu verwenden, bleibt aus. Aber die Ausstellung soll ja auch für sich sprechen.

Vielleicht haben Baratta und Aravena auch von der letzten Kunstbiennale gelernt: Der damalige Kurator Okwui Enwezor hatte seine Kunstbiennale politisch aufgeladen, und wurde dafür kritisiert - nicht subtil genug, zu politisch. Und Aravenas Biennale?

Die Vermittlung von Architektur an Besucherinnen und Besucher ist keine leichte Aufgabe. Die ausgestellten Werke werden klassisch dargestellt: Diagramme, technische Zeichnungen, Modelle. Etwas Radikales, etwas komplett Neues erschließt sich nicht sofort, es bleibt verwirrend. Was sind die großen sozial-politischen Fragen?

Die Kuratoren des italienischen Pavillons haben es komplett verpasst, Lampedusa auch nur zu erwähnen, geschweige einen architektonischen Zugang zu finden. Stattdessen wird viel über Nachhaltigkeit und Umwelt nachgedacht. Ein riesiger Pool wurde im australischen Pavillon aufgebaut, der Fragen nach der australischen Identität aufwerfen soll. Fragen zur harten australischen Politik gegen geflüchtete Menschen bleiben offen. Ganz konkret setzt sich der österreichische Beitrag mit den spezifischen Konzepten der "Flüchtlingsbauten" auseinander.

Aber wahrscheinlich bezieht fast niemand so klar Stellung wie der deutsche Beitrag. Das deutsche Kuratoren-Team wählt deutlich eine politische Position.

"Deutschland ist offen. Der Pavillon ist offen"

Für "Making Heimat. Germany, Arrival Country" hat das Berliner Architekturbüro Something Fantastic vier große Öffnungen in dem Pavillon geschaffen. 48 Tonnen Ziegelsteine wurden dafür aus dem denkmalgeschützten Gebäude heruntergerissen. Das schafft ein neues Raumgefühl, in diesem 1938 von den Nationalsozialisten umgebauten Pavillon. Neben den Öffnungen, auch zum Wasser hin, sollen ein Ayran-Brunnen, freies WLAN, Sitzinseln und Strom eine Art eigene "Arrival-City" hier in Venedig darstellen. Ein Ankunftsort also.

Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, sagt: "Deutschland ist offen. Der Pavillon ist offen." Die Verantwortlichen des deutschen Beitrags, neben Schmal auch der Kurator des Deutschen Architekturmuseums, Oliver Elser, und die Projektkoordinatorin Anna Scheuermann, orientieren sich dabei an dem Buch "Arrival Cities" des kanadischen Autors Doug Saunders.

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Klar, politisch, deutlich: Der deutsche Pavillon in Venedig

Das Team und Saunders haben gemeinsam acht Thesen erarbeitet. Die erste: Die Arrival City ist eine Stadt in der Stadt. Als Beispiel dient unter anderem das erst vor kurzem abgebrannte Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg, ein ungewöhnlicher vietnamesischer Supermarkt. Die weiteren Thesen: Die Arrival City ist bezahlbar, gut erreichbar, informell, selbst gebaut, im Erdgeschoss, ein Netzwerk von Einwanderern und braucht die besten Schulen.

Natürlich sind einige der Thesen strittig. Und für Bundesbauministerin Barbara Hendricks, die den deutschen Pavillon eröffnet hat, ist vor allem eine These problematisch: die vom Netzwerk aus Einwanderern. Hiermit sind homogene Viertel gemeint, und da geht Hendricks nicht mit, die an der Idee von heterogenen Vierteln festhält. Aber wie schon in den Eingangsworten des Präsidenten Baratta gesagt: Die Architektur soll ja Fragen aufwerfen.

Die anderen Werke, vor allem in den von Aravena kuratierten Räumen, beschäftigen sich derweil sehr dezidiert mit Nachhaltigkeit, öffentlichen Räumen, sozialem Wohnungsbau, Schulen. Alles Themen, die Aravena und seinem Studio elementar wichtig sind, weil es bei der Architektur eben nicht nur um Schönheit geht, sondern auch um politische, soziale, ökonomische und ökologische Fragen. Und das ist die große Stärke der diesjährigen Biennale: Sie entgeht im Großen und Ganzen jeglicher ästhetischen Banalität oder Mittelmäßigkeit.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
ditor 28.05.2016
1. Weltfremder Ansatz
Eigen Stadtteile,gar Städte die man extra errichten möchte. Man sollte den deutschen Pavillon schließen, er schickt ein komplett falsches Bild von D in die Welt.
neogustav 01.06.2016
2. Weltgerechter Ansatz
Grandioser Deutscher Beitrag !
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