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Architektur Biennale Venedig: Zurück in die Moderne

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Architektur-Biennale Venedig: Luftige Konstruktionen und soziale Utopien Fotos
Cedric Price fonds/ Canadian Centre for Architecture, Montréal

Weil die Gebäude der Gegenwart sich immer mehr ähneln, besinnt sich die Architektur Biennale in Venedig auf die vergangenen hundert Jahre. Wie unterschiedlich das umgesetzt werden kann, zeigen der deutsche, der Schweizer und der niederländische Pavillon.

Die Formensprache neuer Bauten wird immer globaler und immer langweiliger. Der niederländische Architekt Rem Koolhaas hat als Kommissär der 14. Architektur-Biennale Venedig die Länderpavillons deswegen gebeten, sich auf ihre nationale Architektur der vergangenen hundert Jahre zurückzubesinnen. Das Thema heißt "Absorbing Modernity: 1914-2014". Welche Vielfalt dieses Thema hervorbringen kann, zeigt ein Blick auf den deutschen Pavillon, den niederländischen Pavillon und den der Schweiz.

Im Schweizer Pavillon kommt ein Mann zu Ehren, der das Spazierengehen zur Wissenschaft machte - als Promenadologie: der Schweizer Querdenker, Ökonom, Soziologe und Kulturwissenschaftler Lucius Burckhardt (1925-2003). Ihm stellt der Kurator Hans-Ulrich Obrist, selbst Schweizer und Querdenker, mit dem Briten Cedric Price (1934-2003) einen visionären Denker architektonischen Bauens an die Seite. Während Burckhardt vor allem in Deutschland tätig war, wirkte Price in England. Meist aber nur schreibend und lehrend, denn seine ungewöhnlichen Architekturideen wurden - außer der Voliere für den Londoner Zoo - leider nicht gebaut.

Trotzdem gilt Price als einer der innovativsten Architekten seiner Zeit. Allein schon sein Entwurf "Fun Palace" von 1960-61, den er als "Spaßlabor" und Universität der Straße mit flexiblen architektonischen Strukturen erdacht hatte, beeinflusste später andere Architekten wie Richard Rogers und Renzo Piano, die für ihr Centre Georges Pompidou in Paris viele von Prices Ideen weiterentwickelten.

Jetzt gibt der "Fun Palace" dem Schweizer Pavillon den Namen. Für viel Fun lädt Obrist viele Kreative ein, darunter Künstler wie Liam Gillick oder Tino Sehgal und Architekten wie das Atelier Bow-Wow, die, inspiriert von der Flexibilität von Prices luftigen Konstruktionen, den Innenhof des Pavillons verwandeln werden. Auch die Burckhardt-Schüler Herzog de Meuron sind dabei und bauen für die Zeichnungen von Burkhardt und Price einen Glasraum als Archiv.

Ein Vordenker sozialer Utopien

Auch die Holländer machen mit ihrem Pavillon das Gedankengut eines frühen Visionärs der Moderne erneut fruchtbar für eine Debatte. Mit Jacob, genannt Jaap, Bakema (1914-1981) zelebrieren sie den Begründer des neuen Rotterdams als Vordenker sozialer Utopien. Bakema gehörte zu den führenden Köpfen der Nachkriegsavantgarden und prägte auch entscheidend als Redaktionsmitglied der niederländischen Zeitschrift "Forum" die Architekturdebatte des Landes.

Als Partner des Rotterdamer Büros Van den Broek en Bakema verantwortete er unter anderem 1964 das Studienprojekt "Pampus" für eine urbane Erweiterung Amsterdams und entwarf das Geschäftszentrums Lijanbaan in Rotterdam, immer mit dem Ziel, die moderne Architektur zu erneuern, indem die Beziehungen zwischen Architektur, Stadtplanung, Kunst, Geschichte und Sozialwissenschaften neu definiert werden sollten. Der Architekt strebte den Aufbau einer neuen offenen, demokratischen und egalitären Gesellschaft an - und brachte damit die Architektur in den Kontext der Politik.

Der Kanzlerbungalow als Zutat

Den politischen Kontext greifen auch die beiden Kuratoren des deutschen Pavillons auf. Savvas Ciriacidis und Alex Lehnerer sagen, die Geschichte der Architektur sei unmittelbar verwoben mit der Geschichte der Nation. Die Zutaten für ihren "Bungalow Germania" sind deshalb zwei politische Gebäude, die "in Deutschland die kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Brüche über ihre Architektur repräsentieren". Das eine ist der Kanzlerbungalow. 1964 baute Sep Ruf das Gebäude in Bonn als offizielles Wohnhaus der deutschen Kanzler in Bonn. Das andere ist der deutsche Pavillon selbst, der 1912 gebaut und 1938 und 1964 grundlegend umgebaut worden ist.

Diese beiden gegensätzlichen politischen Gebäude setzen Ciriacidis und Lehnerer in Venedig in einen Dialog, und zwar durch eine reale Montage mit den Mitteln der Architektur. Zu sehen ist eine Installation aus einem Teilnachbau des Bungalows und dessen Verschneidung mit der Architektur des Pavillons. Dadurch verlieren beide Gebäude ihre funktionale Bestimmung. Ihre Bedeutung verändert sich. Für den Besucher werden sie stattdessen zu einem "Assoziationsraum zu Form und Nutzung der Architektur und der damit verbundenen (deutschen) Geschichte", wie es in der Pressemitteilung heißt.

Die Kuratoren assoziierten dabei dies: "Die Frage nach nationaler Identität bezogen auf die Architektur und die Moderne der letzten hundert Jahre erweist sich als Neuformulierung einer ganz anderen Frage: Welche Rolle spielt Deutschland in einem Europa, das die Idee nationaler Souveränität aufgibt und darauf nicht ohne Angst reagiert?"


14. Architektur Biennale. Venedig. Giardini und Arsenale. Eröffnung: 6.6., Laufzeit: 7.6. bis 23.11.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Es war damals,
ayad_sulaiman 27.05.2014
..für mich als Meinung finde ich Architektur sollte mehr sich Zeit nehmen andere prachtvoller Häusern zu entwickeln; dafür Applaus an Rem Koolhaas. Momentan geht es mehr um Aussehen und Technik und "mit viel Geld sparen" was aktuell schöner und Optiker gebaut wird. Früher ging es mehr an die Verarbeitung und Gestaltung, die Kunst von Handarbeit. Deutschland soll Eingänge oder Türen bzw. Fenstern etwas wie die Griechen oder römischen bauen.
2. Bremen ganz vorne!
Kunstgriffe 27.05.2014
Mit dem Eklektizismus in der Architektur ist es wie bei der Autoindustrie: Es macht keinen Spaß mehr hinzuschauen. Bremen hat den Volltreffer gelandet. Mit dem "Weser Tower" (origineller Name, nicht? :) hat die Stadt es geschafft die Weserpromenade um einen weiteren einfallslosen Bau zu bereichern. Nachts wird der Zweckbau dann mit einer Lightshow illuminiert, welche das Gewöhnliche mit um Kitsch ergänzte Elemente noch mal deutlich betont. Provinzarchitektur at its best. Brrrrr.
3. Ernsthaft?
morx 27.05.2014
Ganze drei Bilder zur Biennale? Davon nicht eins zu den beschriebenen Pavillions? ... Setzen! Sechs!
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